10-Tore-Krimi: Das torreichste Champions-League-Finale aller Zeiten
Mehr als sechs Jahrzehnte sind vergangen, seit Real Madrid und Eintracht Frankfurt zum ersten Mal, und bis vor Kurzem auch zum einzigen Mal, aufeinandertrafen.
Doch es handelte sich dabei keineswegs um ein gewöhnliches Spiel. Es war das Finale des Europapokals der Landesmeister, des prestigeträchtigen neuen Vereinswettbewerbs der UEFA – ein Turnier, das die Meister Europas gegeneinander antreten ließ.
Madrid hatte die ersten vier Ausgaben gewonnen und qualifizierte sich 1960 als Titelverteidiger für den Europapokal. Eintracht Frankfurt hatte im Vorjahr seine erste deutsche Meisterschaft errungen und betrat damit erstmals die Bühne Europas.
Das von Miguel Muñoz trainierte Starensemble Madrids, mit Spielern wie Alfredo Di Stéfano, Ferenc Puskás und Paco Gento, meisterte die Vorrunden mühelos und erreichte das Finale nach dem Sieg gegen Barcelona im Halbfinale.
Nachdem Eintracht Young Boys und den Wiener Sport-Club ausgeschaltet hatte, fertigte man die Glasgow Rangers über zwei Spiele mit 12:4 ab und verweigerte ihnen damit den Einzug ins europäische Endspiel vor heimischem Publikum.
Ein Finale zwischen Profis und Amateuren
Madrid reiste als klarer Favorit nach Glasgow. Die Spanier hatten bereits vier Europapokale gewonnen. Eintracht hingegen war noch ein Amateurverein.
In einem Interview Jahre später erinnerten sich die ehemaligen Eintracht-Spieler Friedel Lutz und Erwin Stein an die ungewöhnlichen Vorbereitungen. „Am Tag vor dem Flug nach Glasgow gingen wir alle noch zur Arbeit“, erzählte Lutz. „Ich war Mechaniker in einer Fabrik, Stein arbeitete in der Verwaltung. In Glasgow absolvierten wir nur ein Training, das war alles. Wir trainierten dienstags und donnerstags.“
Gegen Größen wie Di Stéfano und Puskás anzutreten, fühlte sich an wie ein Sprung in eine andere Welt.
Rekordkulisse und ein furioser Beginn
Mehr als 127.000 Zuschauer füllten den Hampden Park – bis heute eine der größten Zuschauerzahlen bei einem Fußballspiel. Die Deutschen legten sofort los. Ihr intensives Pressing setzte Madrid früh unter Druck, und Richard Kress brachte Eintracht in der 10. Minute in Führung, als er eine Flanke von Lindner volley am Torwart Domínguez vorbeischoss.
Eintracht hatte sogar Chancen auf das 2:0, doch Madrids Torwart verhinderte dies mit mehreren Paraden. Nach und nach übernahmen die Titelverteidiger die Kontrolle. Die Verbindung zwischen Di Stéfano und Puskás funktionierte immer besser, und Di Stéfano drehte das Spiel mit Treffern in der 27. und 30. Minute. Zur Halbzeit führte Madrid mit 2:1 und hatte das Spiel fest im Griff.
Die Puskás-Show
Zur Pause befahl Eintrachts Trainer eine Doppeldeckung auf Di Stéfano und Puskás. Doch das änderte nichts. Puskás erzielte drei Tore in Folge – in der 45., 56. und 60. Minute – und wurde damit zum einzigen Spieler, der in einem Finale einen Hattrick erzielte.
Stein verkürzte für Eintracht in der 64. Minute, doch Puskás antwortete fast sofort mit seinem vierten Treffer an diesem Abend. Stein gelang noch ein weiteres Tor, bevor Di Stéfano in der 75. Minute den 7:3-Endstand herstellte.
Die letzten 15 Minuten waren reine Formsache. Madrid spielte locker mit dem Ball, die Zuschauer jubelten, und Eintracht – mutig, aber chancenlos – musste zuschauen.
Das Spiel war ein solches Spektakel, dass die BBC es jahrelang an Weihnachten wiederholte.
Nach dem Spiel erinnerte sich Stein an einen Moment, der die Unterschiede zwischen den Vereinen verdeutlichte: „Beim Abendessen schenkte uns jeder Madrider Spieler eine goldene Uhr. Gento gab mir meine. Für das, was wir verdienten, hätten wir uns so etwas nie leisten können. Wir schenkten ihnen einen Wimpel im Wert von 20 Mark, und diese Uhren kosteten 600.“
Unvergessene Rekorde
Heute sind nur noch wenige Rekorde aus den Anfangsjahren des Europapokals erhalten geblieben. Doch an jenem Maiabend in Glasgow wurden Meilensteine gesetzt, die bis heute unerreicht sind. Puskás’ vier Tore bleiben die höchste Toranzahl eines Spielers in einem Europapokal- oder Champions-League-Finale. Die zehn Tore im Hampden Park wurden nie übertroffen, und das Ergebnis ist das zweithöchste Finale-Ergebnis überhaupt – es hielt den Rekord bis zum letzten Jahr, als PSG Inter Mailand mit fünf Toren bezwang.