Die Toten von Starobilsk: Ukrainische Darstellung wird nicht in allen Aspekten bestätigt
21 getötete Studenten, zerstörte Schlafsäle und Plüschtiere im Staub: Die russische Propaganda nutzte den Angriff auf die Hochschule von Starobilsk sofort für sich. Doch hinter den Bildern von trauernden Eltern und zerstörten Räumen verbirgt sich eine vielschichtigere Realität.
In den Zimmern lagen noch Plüschtiere verstreut. Fotocollagen hingen an den Wänden, auf den Betten fanden sich offene Kosmetiktaschen, halbvolle Wasserflaschen und Lehrbücher zur Pädagogik. Nur wenige Stunden zuvor hatten hier junge Menschen TikTok-Videos gedreht, Geburtstage gefeiert, Beziehungsstreitigkeiten ausgetragen und über knappe Stipendien gescherzt. Dann trafen in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai 2026 die Drohnen ein.
Achtzehn junge Frauen und drei junge Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren verloren ihr Leben, 42 weitere wurden verletzt. Der ukrainische Drohnenangriff auf den Gebäudekomplex der Fakultät von Starobilsk an der Pädagogischen Hochschule von Luhansk zählt zu den umstrittensten Ereignissen dieses Krieges – und dennoch lässt sich eine gewisse Wahrheit klar herausarbeiten.
Eine unabhängige Recherche des russischen Exilmediums „Nowaja Gaseta Europa“ rekonstruierte anhand der Social-Media-Profile fast aller Opfer deren Lebensgeschichten. Dabei entsteht das Bild einer Generation, die zwischen ukrainischer Kindheit, russischer Besatzung und anhaltendem Krieg aufwuchs. Viele kamen aus Rubizhne, Severodonetsk oder Belokurakino – Orte, die erst nach der Großinvasion 2022 unter russische Kontrolle gerieten. Die Kleinstadt Starobilsk selbst stand bis dahin unter ukrainischer Verwaltung.
„Diese Welt ist von Kriegen vergiftet“
Eine 19-Jährige veröffentlichte kurz vor ihrem Tod ein Video mit einer Schlaflied-Ballade: „Diese Welt ist von Kriegen vergiftet, doch hab keine Angst – schlaf ruhig.“ Eine andere feierte ihren Geburtstag im Wohnheim. Ein 20-Jähriger plante mit seiner Freundin ein Wochenende mit Angeln und Grillen bei seiner Schwester. Ihre digitalen Spuren enden in Kondolenzkommentaren, in denen „weiche Wolken“ gewünscht werden – als könne man den Verstorbenen etwas Sanfteres wünschen als das, was sie zerstörte.
Russland griff das Ereignis unmittelbar auf. Im UN-Sicherheitsrat bezeichnete der russische Vertreter den Angriff als „ukrainischen Terrorakt“ gegen Jugendliche. Staatsmedien zeigten zerstörte Zimmer, weinende Eltern und Stofftiere im Staub. Präsident Wladimir Putin ordnete Vergeltungsmaßnahmen an; in den folgenden Tagen attackierten russische Raketen und Drohnen die ukrainische Hauptstadt Kiew. Internationale Journalisten sowie kremlnahe Blogger wurden im Rahmen organisierter Pressetouren an den Ort gebracht. Die ukrainische Plattform TSN beschreibt dies als Teil einer groß angelegten Medienkampagne: Das Narrativ eines „gezielten Angriffs auf Studenten“ sollte etabliert und als Rechtfertigung für eigene Angriffe genutzt werden.
Keine Belege für militärische Nutzung
Dass diese Entrüstung heuchlerisch ist, liegt auf der Hand. Russland attackiert seit 2022 systematisch Schulen, Wohngebiete und Krankenhäuser in der gesamten Ukraine. Die Opfer von Starobilsk sterben in einem Krieg, den Moskau begonnen hat und weiterhin führt.
Dennoch hält die ukrainische Darstellung einer genauen Prüfung nicht in allen Punkten stand. Der ukrainische Generalstab gab an, das Hauptquartier des „Rubikon“-Zentrums getroffen zu haben – eine Eliteeinheit des russischen Verteidigungsministeriums, gegründet im August 2024 und verantwortlich für zahlreiche Angriffe auf ukrainische Zivilisten und Infrastruktur. Allerdings legte Kiew keine überzeugenden Beweise dafür vor, dass sich in den getroffenen Wohn- und Lehrgebäuden tatsächlich Militärpersonal oder militärische Einrichtungen befanden. Einige der zirkulierenden Dokumente zur russischen Militärpräsenz wurden von ukrainischen Journalisten als möglicherweise gefälscht eingestuft.
Ruslan Leviev vom Conflict Intelligence Team, einer oppositionellen russischen Investigativplattform, hält einen gezielten Angriff auf Zivilisten für unwahrscheinlich, findet jedoch keine Hinweise auf militärische Nutzung der getroffenen Gebäude. Die Einschläge waren zu präzise und konzentrierten sich auf die Schlafsäle, um zufällig zu sein. Die wahrscheinlichste Erklärung ist eine fehlerhafte Aufklärung. Selbst wenn russische Einheiten Nebengebäude mitgenutzt haben sollten – die zentrale Frage bleibt: Warum wurde ein Gebäude, in dem Hunderte Zivilisten schliefen, als legitimes Ziel betrachtet?
Ideal für das Narrativ vom „ukrainischen Terror“
Viele dieser jungen Menschen lebten bis 2022 unter ukrainischer Flagge und nahmen nun an russischen Jugendprogrammen teil – nicht aus Überzeugung, sondern weil keine Alternative bestand. Sie waren Kinder eines zerstörten Zwischenraums. Einige posteten ukrainische Literaturzitate, andere feierten den sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland.
Für den Kreml wurde Starobilsk zu einem propagandistischen Geschenk: Dieses Mal musste nichts erfunden werden. Der Vorfall bot die perfekte Vorlage für die ansonsten erfundene Erzählung vom „ukrainischen Terror gegen den Donbas“ – so zynisch diese Instrumentalisierung auch ist.
Doch die eigentliche Tragödie liegt tiefer. Der Angriff verdeutlicht, wie sehr die Grenzen zwischen Front und Alltag in den besetzten Gebieten verschwunden sind. Das Wohnheim war kein militärischer Komplex – aber offenbar auch kein Ort, den die ukrainische Seite noch eindeutig als zivil ansah. Im fünften Kriegsjahr existieren in den besetzten Gebieten kaum noch rein zivile Orte. Zurück bleiben zerstörte Zimmer – und das Bild einer 19-Jährigen, die kurz vor ihrem Tod ein Schlaflied postete und bat, keine Angst zu haben.