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Wieduwilts Woche: Weshalb Jens Spahn die Diskussion um den „Mietmutterbauch“ meistern wird

Wieduwilts Woche: Warum Jens Spahn die Sache mit dem "Mietmutterbauch" überstehen wird

Das Sommerloch birgt Risiken. Kleine Ereignisse, wie die Geburt eines Kindes, erhalten plötzlich enorme Aufmerksamkeit – doch was Jens Spahn als frischgebackener Vater getan hat, geht weit darüber hinaus. Er hat das Vertrauen seiner Zielgruppe verletzt.

Mal ehrlich: Was haben Sie erwartet? Dass Jens Spahn ein Politiker mit unerschütterlicher Überzeugung ist? Wer es bis zum Fraktionsvorsitzenden der Union schafft, muss auch mal Kompromisse eingehen – vor allem mit sich selbst.

Vielleicht war Spahn schon lange ein Befürworter der Leihmutterschaft, obwohl er sich öffentlich dagegen aussprach. Wie er das tat? 2015 schrieb er in der „GQ“: „Als schwuler Mann und Christ fällt es mir persönlich schwer, die Vorstellung eines gemieteten Mutterbauchs zu akzeptieren.“

Auch 2020 war er offenbar noch nicht ganz damit im Reinen, denn sein Ministerium verwies damals kühl auf die „gesetzgeberische Begründung“, als wolle er sich distanzieren. Nun ist Spahn dank einer Leihmutter aus den USA Vater geworden. Wir gratulieren.

Wasser predigen, Wein trinken

Damit steht Spahn exemplarisch für eine Politikerklasse, die das eine sagt und das andere tut. Im Gegensatz zu seinen früheren Fehltritten wie Villenkauf, Richterernennung oder Maskenbeschaffung berührt dieser Skandal den konservativen Kern seiner Partei. Am Freitag folgten daher zahlreiche Rücktrittsforderungen.

Spahn ist nicht irgendein Politiker, sondern die Galionsfigur der erzkonservativen Union. Man wirft ihm Nähe zur AfD vor – nicht immer aus bösem Willen, sondern oft aus Hoffnungen. Für den Osten ist er eine wichtige Alternative zur Alternative.

Doch Spahn enttäuscht nicht nur die Wahlkämpfer in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin, sondern auch all jene, die sich Ehrlichkeit und Geradlinigkeit in der Politik wünschen. Wie schön wäre es, wenn Politiker sagen würden, was sie denken, und denken, was sie sagen!

Der Typ Klartexter

Solche Klartexter gibt es – meist als medienwirksame Querdenker. Jede Partei hat sie, sie sind draußen beliebt und drinnen umstritten. Sie sprechen das aus, was viele denken, und sichern sich damit Talkshowplätze.

Wolfgang Bosbach in der CDU ist so einer, ebenso Wolfgang Kubicki in der FDP, die SPD hatte Thilo Sarrazin, die Linke Sahra Wagenknecht und die Grünen Boris Palmer. Das Problem dieser Überzeugungstäter ist ihre Unberechenbarkeit. Sie mögen keine Kompromisse und lehnen es ab, aus der zweiten Reihe fremde Lieder zu singen.

Die Lage ist angespannt

Deshalb schaffen es solche Klartexter selten zu Spitzenpositionen in ihren Parteien. Kubicki ist hier eine Ausnahme – in einer zerfallenden FDP war er als einziger bundesweit präsent und somit unverzichtbar.

Wäre Spahn ehrlich gewesen und hätte gesagt, was er denkt, wäre er sicher oft in Talkshows aufgetreten. Aber dann hätte er nicht den zweitwichtigsten Posten der CDU, den Vorsitz der Unionsfraktion, inne.

Kann Spahn diese Position halten? Am Freitag sah es kritisch aus, doch überrascht hat das niemanden. Spahn und Merz wussten sicher, was auf sie zukommt, als der Geburtstermin näher rückte. Strategisch setzte man offenbar auf eine „kontrollierte Eskalation“ mit gezielter Medienarbeit.

Die Taktik hätte greifen können – doch es ist Sommerloch

Spahn sprach mit der „Bild“ und lieferte eine wohlklingende Aussage: „Gott freut sich über jedes Kind.“ Das sollte wohl bedeuten: Ausgerechnet eine christliche Partei sollte ein neugeborenes Kind nicht kritisieren. Mehr sagte er nicht, insbesondere nicht, ob er sich nun für die Leihmutterschaft in der Partei einsetzen will.

Unter normalen Umständen hätte diese Taktik im medialen Trubel der Koalition funktioniert. Die Öffentlichkeit hätte mit Achselzucken reagiert, die Grünen hätten vergeblich versucht, Spahn zu stürzen – und nach zwei Tagen wäre das Thema vergessen gewesen.

Doch es gibt keine neue Schlagzeile. Es ist Sommerloch. In dieser Zeit feiern Redaktionen jedes Thema wie Eltern ihr erstes Kind. Jede Reaktion auf Spahns Baby wird analysiert, jede Facette der Leihmutterschaft beleuchtet, Experten befragt. Eine heikle Phase für Fehltritte.

Spahns letzte Chancen

Möglicherweise hat sich Spahn in vielerlei Hinsicht verzockt. Doch zwei Punkte könnten ihm Hoffnung geben. Erstens: Was im Sommerloch emotional diskutiert wird, verliert an Bedeutung, sobald in Berlin wieder der Alltag einkehrt.

Zweitens: Spahns stärkster Gegner sitzt in den eigenen Reihen. Aber einer christlichen Partei stünde es schlecht zu Gesicht, einen frischgebackenen Vater wegen der Familiengründung fallen zu lassen. Seine politischen Gegner in anderen Parteien sind zudem weitgehend handlungsunfähig: Die Grünen haben keine klare Haltung zur Leihmutterschaft, die AfD schweigt größtenteils – vielleicht, weil Parteichefin Alice Weidel als lesbische Mutter nicht dem konservativen Rollenbild entspricht.

So könnte es am Ende sein, dass Spahn alles behält – die Villa, das Kind und den Fraktionsvorsitz. Wozu braucht er dann noch Vertrauen?