Scharfschützin Pawlitschenko: 309 Feinde getötet – danach schickte Stalin sie nach Washington
Im Zweiten Weltkrieg wurde Ljudmila Pawlitschenko zur erfolgreichsten Scharfschützin aller Zeiten. Nach hunderten bestätigten Abschüssen entsandte die sowjetische Führung die Kriegsheldin aus der Region Kiew in die USA, um dort für den Kampf gegen Nazi-Deutschland zu werben.
Ljudmila Michailowna Pawlitschenko gilt als Legende. Während des Zweiten Weltkriegs erzielte die Scharfschützin der Roten Armee 309 offiziell bestätigte Abschüsse und zählt somit zu den erfolgreichsten Scharfschützen der Militärgeschichte. Tatsächlich könnte ihre Trefferzahl noch höher gewesen sein, da jede Bestätigung einen Zeugen erforderte.
Die Deutschen kannten ihre Gefährlichkeit und versuchten, sie auszuschalten. Bei der Belagerung von Sewastopol (1941–1942) lieferte Pawlitschenko sich spannende Duelle mit Wehrmacht-Scharfschützen. Nach ihren Aussagen versuchten die Deutschen sogar, sie über Lautsprecherdurchsagen einzuschüchtern.
Im Gegensatz zu bekannten Scharfschützen wie dem Finnen Simo Häyhä oder sowjetischen Kollegen wie Semyon Nomokonov und Wassili Saizew war Pawlitschenko keine natürliche Jägerin. Sie lernte den Umgang mit der Waffe erst im Rahmen der sowjetischen Wehrertüchtigung kennen. In ihren Memoiren beschreibt sie den ersten Kontakt mit dem Gewehr als Liebe auf den ersten Blick: „Das kalte Metall des Laufs und Abzugs fühlte sich sehr angenehm an“, schrieb sie. Nach kurzer Eingewöhnung durfte sie ihre ersten vier Schüsse auf ein Papierziel abgeben. Ihr Ausbilder kommentierte anerkennend: „Für eine Anfängerin ist das außergewöhnlich. Es ist offensichtlich, dass du Talent hast.“
Pawlitschenko wurde am 12. Juli 1916 in der Region Kiew geboren. Während ihres Geschichtsstudiums in der ukrainischen Hauptstadt verbesserte sie ihre Fähigkeiten und absolvierte eine Scharfschützenausbildung in einem Schützenverein. Trotz ihres Talents wollte die Armee sie zu Kriegsbeginn nicht aufnehmen. Selbst ihr Scharfschützenabzeichen überzeugte die Rekrutierungsbeamten nicht. „Sie wollten keine Frauen einziehen, deshalb musste ich alle möglichen Tricks anwenden, um aufgenommen zu werden“, berichtete sie später.
Ihr erster Kampfeinsatz bei Odessa verlief trotz ihres Könnens nur teilweise erfolgreich. Sie legte auf zwei Offiziere in etwa 380 Metern Entfernung an: „Den ersten traf ich mit dem dritten Schuss, den zweiten beim vierten Versuch“, schrieb sie. Am folgenden Tag kehrte sie zurück und tötete an derselben Stelle zehn weitere Gegner. Pawlitschenko bewies außergewöhnliche Tarnfähigkeiten und wurde eine unerreichte Schützin. Mit wachsender Bekanntheit übernahm sie sogar das Kommando über männliche Soldaten. Nach einer Verwundung im Juni 1942 wurde sie aus dem Gefecht genommen und fortan zu Propagandazwecken eingesetzt. Ihre beeindruckende Bilanz von 309 Abschüssen erzielte sie innerhalb von nur zehn Monaten.
Auch in die USA wurde Pawlitschenko entsandt, um dort die Kampfmoral der Verbündeten zu stärken. Dort entwickelte sie eine Freundschaft mit Eleanor Roosevelt, der Ehefrau des US-Präsidenten. Die Begegnung mit den USA schockierte die Kriegsheldin offenbar, denn während die Sowjetbürger um ihr Leben kämpften, schienen die Vereinigten Staaten in tiefem Frieden zu leben. Über die amerikanischen Männer sagte sie bei einer Veranstaltung in Chicago: „Sie sind Feiglinge, die sich viel zu lange hinter meinem Rücken versteckt haben.“ Reporter fragten sie ernsthaft, ob sie vor einem Gefecht Make-up benutze. Sie antwortete: „Es gibt kein Gesetz dagegen, aber wer hat schon Zeit, sich die Nase zu pudern, wenn draußen gekämpft wird?“
Insgesamt dienten im Zweiten Weltkrieg etwa 2000 Frauen als Scharfschützinnen in der Roten Armee, von denen ungefähr 500 den Sieg über Nazi-Deutschland erlebten. Pawlitschenko arbeitete später als Dozentin und für die sowjetische Marine. Mitleid mit den getöteten Gegnern empfand sie laut eigener Aussage nie. Dennoch war sie zeitlebens Gegnerin der Jagd, da „die Tiere des Waldes wehrlos sind und keine Chance gegen Menschen mit Schnellfeuerwaffen haben“. Sie lehnte die Jagd auf Tiere strikt ab.
Dieser Text erschien in einer ausführlicheren Fassung zuerst bei stern.de.