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Riesiger Angriff auf Kiew überstanden: Ich liege im Flur, als die Rakete im Haus gegenüber einschlägt

Riesenangriff auf Kiew überlebt: Ich liege im Flur, als die Rakete im Haus gegenüber einschlägt

Die Einwohner Kiews haben bereits zahllose Luftangriffe erlebt. Doch die Nacht zum Sonntag übertraf alles bisher Dagewesene. Auch mir wurde der russische Tod auf einmal sehr nahe. So erschütternd dieser Augenblick war, so eindrucksvoll gestaltete sich der folgende Tag.

Seit Beginn des groß angelegten russischen Angriffskriegs im Februar 2022 hat Kiew eine solche Nacht wie am 24. Mai noch nie erlebt. Zwar gehören massive russische Luftangriffe auf die Millionenstadt traurigerweise seit Kriegsbeginn zum Alltag. Der bisher härteste Winter in Kiews moderner Geschichte liegt erst wenige Monate zurück. Damals sorgten gezielte Attacken auf die Energieversorgung dafür, dass Hunderttausende bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad ohne Strom und Heizung auskommen mussten. Doch der Angriff in der Nacht zum Sonntag war in jeder Hinsicht außergewöhnlich – sowohl für die Stadt als auch für mich persönlich.

Fast alle der etwa 90 Raketen und 600 Drohnen richteten sich gegen Kiew und die umliegende Region. Zum dritten Mal im Krieg kam dabei die gefürchtete Oreschnik-Mittelstreckenrakete zum Einsatz, vor der der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eindringlich gewarnt hatte. Russland setzte alles daran, die Kiewer Flugabwehr mit verschiedensten ballistischen Raketen zu überfordern, die nur von Patriot-Abwehrsystemen abgefangen werden können. Doch von diesen gibt es in der Ukraine zu wenige, nicht zuletzt wegen der Politik von Donald Trump.

Die Startrampen der russischen Iskander-Raketen wurden näher an die ukrainische Grenze verlegt, um Kiew noch schneller zu erreichen. Sie wurden zusätzlich mit aeroballistischen Kinshal-Raketen und dem hyperschallgetriebenen Seezielflugkörper Zirkon kombiniert. Neben zahlreichen Drohnen kamen auch klassische Marschflugkörper zum Einsatz. Kurz gesagt: Russland setzte alles, was es hatte, gegen die Hauptstadt ein. „Gestern hat ganz Kiew das gespürt“, schrieb mir heute eine ukrainische Kollegin. Sie hat recht. Erstmals seit Februar 2022 gab es Schäden in sämtlichen Stadtteilen. Unter anderem wurde das historische Hauptpostamt in der Chreschtschatyk-Straße, mehrere bedeutende Museen sowie das Vereinsstadion von Dynamo Kiew getroffen – obwohl dort am selben Tag noch Ligafußball stattfand.

Stundenlanges Bangen im Flur

Früher wohnte ich im nordwestlichen Stadtteil Obolon, in dem auch Präsident Selenskyj vor seiner Wahl lebte. Dort habe ich schon schreckliche Nächte erlebt, die man am liebsten vergessen möchte. Obwohl ich seit Beginn des Konflikts 2014 viel erlebt habe, gewöhnt man sich nie vollständig an Raketen in unmittelbarer Nähe. Wenn die Wände zu vibrieren beginnen, bleibt nur die Hoffnung, dass die Explosionen nicht noch näher stattfinden.

Seit Dezember lebe ich nun im angrenzenden Bezirk Podil, dem historischen Zentrum Kiews, in dem ich beruflich ohnehin oft unterwegs war. Hier fühlte ich mich bisher etwas sicherer als in Obolon, auch wenn es in Kiew und der Ukraine generell nirgendwo wirklich sicher ist. Doch genau hier hat es mich nach fast viereinhalb Jahren erstmals persönlich getroffen. Vorerst bin ich einfach nur dankbar, unverletzt geblieben zu sein.

Dass es diesmal ernst werden könnte, war bereits zu Beginn des mehrstündigen Angriffs absehbar. Schon in den ersten Stunden hörte ich die typischen, mopedähnlichen Geräusche russischer Drohnen in der Nähe. In solchen Momenten stellt sich sofort die Frage, ob man in den Luftschutzkeller flüchten sollte – zumal die nächste U-Bahnstation nur wenige Minuten entfernt ist. Doch es gehört zur täglichen Risikoabwägung in Kiew, dass es keine gute Idee ist, sich während eines Drohnenangriffs auf der Straße aufzuhalten, da die Drohnen möglicherweise über einem abgeschossen werden könnten.

Im Flur zu bleiben und sich von Fenstern fernzuhalten ist zwar keine perfekte Lösung, aber im Ernstfall weniger gefährlich. Für diese Variante entschied ich mich in jener Nacht. Gegen ein Uhr hörte ich plötzlich acht bis neun aufeinanderfolgende Explosionen, eindeutig ballistischer Natur. So etwas hatte ich bislang nie erlebt. Glücklicherweise waren die Explosionen, obwohl sehr laut, nicht nah genug. Drei Stunden später schlugen jedoch russische Raketen direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein und zerstörten unter anderem das kürzlich renovierte Tschernobyl-Museum fast vollständig.

„Zum Glück bin ich unverletzt“

Die Druckwelle traf vor allem unser Haus auf meiner Straßenseite. Die Fensterscheiben, auch in meiner Wohnung, überstanden das nicht. Noch immer ist mein Hauptzimmer gefühlt zur Hälfte verglast. Eine gründliche Aufräumaktion steht erst morgen an. Die Straße war plötzlich mit Glasscherben übersät, und auch heute sind die Behörden noch damit beschäftigt, alles zu beseitigen. Darüber hinaus wurden zahlreiche Balkone, Cafés und eine größere Bankfiliale beschädigt.

Als es passierte, ging mir nur ein Gedanke durch den Kopf: „Zum Glück bin ich unverletzt – hoffentlich gab es in unserem Haus keine Todesopfer.“ Glücklicherweise scheint das der Fall zu sein. Das Schlimme an solch einer Situation ist, dass man zunächst nichts tun kann. Man weiß, dass alles – um es deutlich zu sagen – katastrophal ist. Doch zuerst muss man den Luftalarm abwarten, und das kann Stunden dauern. Also bleibt man im Flur und verfolgt Nachrichten auf dem Handy. Ein wirklich schönes Gefühl ist das nicht.

Dazu kommen viele weitere Gedanken, die auf den ersten Blick unwichtig erscheinen mögen, einen aber unter dem ständigen Stress eines Kriegsjournalisten beschäftigen. Ich befinde mich gerade mitten in einem komplexen Umzugsprozess. Die beschädigte Wohnung war nur eine Übergangslösung, bald ziehe ich dauerhaft in eine andere Wohnung in der Nähe. Da denkt man sich: Super, jetzt auch noch das. Und fragt sich zugleich: Ist die neue Wohnung, für die ich erst am Freitag den Mietvertrag unterschrieben habe, noch einigermaßen unversehrt? Zum Glück ja, aber in dem Moment konnte ich das nicht einschätzen. Immerhin sind das Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was Soldaten täglich an der Front durchmachen.

Ein Hoffnungslicht im Trümmerfeld

Dennoch fühlt es sich apokalyptisch an, wenn man nach dem Luftalarm endlich nach draußen darf und die Treppe voller zerbrochener Glassplitter liegt. Und wenn man sieht, wie stark das geliebte georgische Restaurant im Erdgeschoss getroffen wurde. Doch ein so schwarzer Sonntag in der Spaska-Straße – die sowohl zum historischen Erbe Kiews gehört als auch einen starken Berlin-Charme hat – kann am Ende des Tages auch Kraft schenken.

Es sind die Gespräche mit den Nachbarn, die sich gegenseitig Mut zusprechen, Kaffee kochen und sich gegenseitig unterstützen. Es ist die unglaubliche Schnelligkeit, mit der rund um den Einschlagsort eine Infrastruktur entsteht, darunter Zelte mit warmem Essen und Tee. Und es sind bewegende Geschichten, von denen eine am Sonntag sogar über die Ukraine hinaus Schlagzeilen machte. Den freundlichen jungen Mann Jewhen sah ich fast täglich auf der Straße oder beim Feierabendbier im Laden nebenan. Wir kannten uns nicht, doch seine Geschichte war mir bekannt: Er hatte viel von seinen Ersparnissen investiert, um direkt um die Ecke ein kleines, gemütliches Café zu eröffnen.

Erst am Samstag war die feierliche Eröffnung mit DJs, Livemusik und liebevoller Dekoration. Noch in der Nacht beschädigte der Einschlag das Café erheblich. Trotzdem schenkte Jewhen bereits am Morgen den Nachbarn sowie Rettungskräften und Polizisten kostenlosen Kaffee aus. Am Abend bildete sich eine lange Schlange vor seinem Laden, um das Lokal zu unterstützen – ausdrücklich gegen Bezahlung. Bemerkenswert ist, dass der Georgier trotz der Schäden, deren Reparatur etwa 10.000 Euro kosten wird, am Montag wieder öffnete. Wie in meiner Wohnung sind die Fenster dort nun mit Sperrholzplatten verschalt. Darauf steht geschrieben: „Wir sind trotz allem offen“ und auch „Putin chujlo“, was so viel bedeutet wie „Putin ist ein Arschloch“.

Dass Russland seinen Luftterror gegen Kiew und andere ukrainische Städte in absehbarer Zeit nicht einstellen wird, ist offensichtlich. Moskau macht daraus keinen Hehl. Marija Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, kündigte am Montag an, dass die Luftangriffe fortgesetzt werden und in den nächsten Tagen eine explizite Warnung an das ausländische Diplomatenkorps veröffentlicht wird. Das lässt nichts Gutes erwarten. Doch trotz des vergangenen harten Winters und dieses schrecklichen Sonntags bleibt mir eine Frage trotz aller Erschöpfung unbegreiflich: Warum glaubt Russland immer noch, mit Luftangriffen unseren Widerstand brechen zu können?