Neue Realität in der Nato: Europäische Staaten können nicht mehr auf die „Lebensversicherung“ USA zählen
Mehrere Vorfälle führten laut einer Expertin bei europäischen Ländern zu dem Eindruck, dass die USA als Nato-Partner zunehmend gegen deren Interessen agieren. „Der Wendepunkt für viele Europäer war die Grönlandkrise“, erläuterte Claudia Major, Sicherheitsexpertin des US-Denkfabrik German Marshall Fund. Der Krieg im Iran habe diesen Eindruck bestätigt und sogar verstärkt, da die USA unilateral und entgegen europäischer Interessen handeln würden.
Die Auswirkungen der Grönlandkrise
US-Präsident Donald Trump hatte zu Beginn des Jahres offen eine Übernahme der Arktisinsel Grönland, die zu Dänemark und damit zum Nato-Bündnis gehört, in Erwägung gezogen – notfalls auch mit militärischen Mitteln. Nach heftiger Kritik aus Europa zog er diese Pläne zwar zurück, beharrte jedoch darauf, Gespräche darüber zu führen.
„Für viele Europäer stellte sich die Grönland-Frage so dar: Ein Nato-Partner bedroht die territoriale Integrität und Souveränität eines anderen“, erklärte Major. „Aus europäischer Sicht drohten die USA Grönland mit dem, was Russland mit der Ukraine tut – nämlich die Souveränität und territoriale Unversehrtheit mit militärischen Mitteln infrage zu stellen.“ Dieses Ereignis führte bei zahlreichen Europäern zu einem Umdenken: „Der Eindruck entstand, dass das, was als unsere Lebensversicherung galt, sich gegen uns richtet.“
Bis Trump seine Besitzansprüche auf Grönland offen äußerte, hatten viele Europäer laut Major angenommen, sie könnten Trump durch Gefälligkeiten in der Nato halten. „Mit der Grönlandkrise kam für viele die Erkenntnis, dass das Festhalten der USA um jeden Preis nicht automatisch das Überleben der Nato garantiert.“ Ein um jeden Preis erzwungenes Verbleiben der USA in der Nato könne das Bündnis sogar von innen heraus schwächen, erläuterte Major.
Die Auswirkungen des Iran-Kriegs
Der Krieg im Iran verdeutlichte laut Major, „dass die Grönlandkrise keine Ausnahme darstellte, sondern möglicherweise die neue Normalität ist.“ Die Entscheidung wurde ohne Abstimmung mit den Verbündeten getroffen – gleichzeitig forderte Washington deren Unterstützung ein. Trump und Vertreter seiner Regierung äußerten mehrfach Unzufriedenheit über die vermeintlich unzureichende Unterstützung der Alliierten im US-Krieg gegen den Iran.
Eine weitere Erkenntnis aus dem Iran-Krieg sei, dass die USA Verbündete im Notfall im Stich lassen, wie in diesem Fall Israel. „Für die europäischen Partner stellt sich daher die Frage, wie lange sie sich tatsächlich auf die USA verlassen können – auch wenn die Nato ein anderes Bündnis ist, bleibt die Frage der langfristigen Verlässlichkeit bestehen.“
Israel und die USA hatten den Konflikt gegen den Iran Ende Februar gemeinsam begonnen – doch im Verlauf traten zunehmend unterschiedliche Interessen der Partner zutage. Während Israels Premier Benjamin Netanjahu auf eine Fortsetzung der Militäraktion drängte, strebte Trump angesichts innenpolitischen Drucks das Ende des in den USA unpopulären Kriegs an.
Die Folgen der Häufung vermeintlicher Fehltritte
Laut Sicherheitsexpertin Major waren Europäer zunächst bereit, viele Vorfälle als unglückliche Ausrutscher abzutun: etwa die Kritik an Spaniens geringen Verteidigungsausgaben oder das Ausbleiben von Kritik an Russland. „Doch wenn sieben solcher unglücklichen Vorfälle nacheinander auftreten, liegt die Vermutung nahe, dass dahinter ein System steckt.“