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Hypermaskulinität in der US-Armee: Pete Hegseth betrachtet Testosteron als „heilige Pflicht“ für Soldaten

Hypermaskulinität in US-Armee: Pete Hegseth sieht es als "heilige Pflicht", Soldaten mit Testosteron vollzupumpen

Mit seiner Ankündigung, künftig bei Soldaten ab 30 Jahren den Testosteronspiegel zu überprüfen und bei Bedarf eine Hormonbehandlung anzubieten, sorgt Pete Hegseth für Aufsehen. Dennoch überrascht dieser Schritt des Pentagonchefs kaum, da er einer grundlegenden Ideologie und einem bekannten Vorbild folgt.

Sie trainieren gemeinsam, absolvieren Klimmzüge, joggen und heben Gewichte. Pete Hegseth präsentiert sich gerne als sportlicher US-Verteidigungsminister unter seinen Soldaten. Dabei ist er selten allein: Neben ihm ist häufig ein älterer Mann in Jeans und ohne Oberhemd zu sehen – Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. Dieser schreibt seine Fitness einer bestimmten Lebensweise und einem Hormon zu: Testosteron, das er sich seit einigen Jahren verabreichen lässt.

Obwohl Kennedy sich vehement gegen Impfstoffe ausspricht, setzt er bei seiner Gesundheit auf Testosteron und dient damit als Vorbild für die gesamte US-Armee. Am Mittwoch gab Hegseth bekannt, dass bei allen Soldaten ab 30 Jahren künftig im Rahmen der jährlichen Gesundheitsuntersuchung auch der Testosteronspiegel gemessen wird. Wer einen niedrigen Wert aufweist, soll die Möglichkeit erhalten, diesen künstlich zu erhöhen. Nach Medienberichten ist unklar, ob Soldaten Konsequenzen drohen, sollten sie eine Behandlung ablehnen, und ob auch weibliche Soldatinnen getestet und behandelt werden. Angesichts von Hegseths Fokus auf männliche „Krieger“ erscheint Letzteres eher unwahrscheinlich, zumal er Frauen im Kampfeinsatz keine zentrale Rolle zuschreibt.

Genau das ist Hegseths Ziel als selbsternannter „Kriegsminister“: Männliche Soldaten sollen stark, einsatzfähig und leistungsbereit sein. In einem am Mittwoch auf der Plattform X veröffentlichten Video bezeichnet er es als seine „heilige Pflicht“, den „einzelnen Kämpfer“ als den wichtigsten taktischen Vorteil der USA zu erhalten. Mit einem „optimalen Testosteronlevel“ soll sichergestellt werden, dass ein Soldat seine bestmögliche Leistung im Einsatz bringt. Sein Ministerium will er zum „High-T Department of War“ machen.

Dabei betont Hegseth, dass es sich nicht um eine „künstliche Leistungssteigerung“ handele. „Wir schulden unseren Kriegern die beste medizinische Versorgung weltweit, und dieses Programm erfüllt diese Verantwortung.“ Er richtet sich an die Soldaten: „Langfristige Gesundheit bedeutet, stark, widerstandsfähig und leistungsfähig zu bleiben – nicht nur für den nächsten Einsatz, sondern für das gesamte Leben, damit ihr auch nach dem Dienst erfolgreich sein könnt.“

Ganzheitliches Fitnesskonzept der Streitkräfte

In den letzten Monaten hat die US-Regierung bereits die Grundlagen für diese Ankündigung geschaffen: Die Arzneimittelbehörde FDA und das Gesundheitsministerium haben Warnhinweise auf Testosteronpräparaten entfernt und den Zugang für Männer erleichtert, indem sie die Anforderungen für medizinisches Personal gelockert haben. Laut einem Bericht der „Military Times“ im Juni hat das Pentagon zudem stillschweigend eine Strategie eingeführt, um die Ansätze der verschiedenen Teilstreitkräfte zur Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit zu vereinheitlichen und eine „Total Force Fitness“ zu erreichen. Dabei sollen „Leistungssteigerungstechnologien“ zum Einsatz kommen.

Was unter der Trump-Regierung für Transpersonen meist verboten war und im Leistungssport als Doping gilt, soll nun männlichen Soldaten zu mehr Kraft verhelfen. Anhänger von Kennedys „Make America Healthy Again“-Bewegung preisen Testosteron als Mittel an, um jugendlich zu wirken, Muskelmasse aufzubauen und geistig fit zu bleiben – obwohl die meisten Experten diese Anwendungen medizinisch nicht anerkennen.

Mohit Khera, der laut BBC im vergangenen Jahr ein FDA-Expertengremium zum Testosteroneinsatz im Militär leitete, erklärte, dass alle Männer über 30 untersucht werden sollten, da der Testosteronspiegel ein wichtiger Indikator für die aktuelle und zukünftige Gesundheit ist. „Viele junge Männer haben einen niedrigen Testosteronwert, was ihre Muskelkraft und Energie beeinträchtigt – ein Problem im Kampf“, so Khera, Professor für Urologie am Baylor College of Medicine.

Medizinjournalist Christoph Specht erläutert gegenüber ntv, dass der Testosteronspiegel bei Männern normalerweise ab 40 Jahren jährlich um etwa ein Prozent sinkt. Bei jüngeren Männern mit niedrigem Wert treten typische Symptome wie Libidoverlust, Depressionen, Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bauchfett und Diabetes auf. Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass Testosteron eingenommen werden muss, da auch ein gesunder Lebensstil mit Gewichtsreduktion und Bewegung helfen kann.

„Testosteron kann junge Männer unfruchtbar machen“

„Man muss vorsichtig sein und darf Testosteron nur bei tatsächlichen Symptomen verabreichen“, warnt Khera laut BBC. Ohne medizinische Indikation kann die Einnahme Nebenwirkungen haben. Frühere Studien, berichtete NBC News, verknüpften Testosterontherapien mit Schlaganfällen, Herzinfarkten und sogar Todesfällen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2023 kam jedoch zu dem Schluss, dass das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle durch eine Testosteron-Ersatztherapie nicht steigt. Dennoch ergänzte die US-Behörde FDA im vergangenen Jahr eine Warnung, dass die Hormontherapie den Blutdruck erhöhen kann, wie „The Atlantic“ berichtet.

Ob im Militär allein der Testosteronspiegel oder auch Symptome berücksichtigt werden, ist noch offen. Khera mahnt, dass die Therapie nicht für jeden geeignet sei: „Testosteron kann junge Männer unfruchtbar machen“ und birgt auch Risiken für das Herz-Kreislauf-System. Überraschend brachte Gesundheitsminister Kennedy den Einsatz von Testosteron als Antwort auf eine angebliche nationale „Fruchtbarkeitskrise“ ins Gespräch, so die BBC.

Die demokratische Kongressabgeordnete Chrissy Houlahan aus Pennsylvania kommentierte Hegseths Ankündigung auf X kritisch: „Die Testosteron-Industrie wird begeistert sein. Steuerzahler sollten hinterfragen, wer von diesem neuesten Kulturkampf profitiert.“ Die Air-Force-Veteranin sieht darin Beweise, dass Hegseth Anweisungen aus den „entlegensten Ecken der Manosphere“ erhält – einem sozialen Phänomen, das Hypermaskulinität, Anti-Feminismus und Anti-Wokeness propagiert. Testosteron gilt dort als ultimatives Symbol für Männlichkeit und Leistungsfähigkeit.

Drogentests im Militär nach Todesfall eingeführt

Zusätzlich zu diesen Hintergründen ist Hegseth ein Anhänger eines fundamentalistischen christlichen Glaubens, den er durch zahlreiche Tattoos zeigt und in öffentlichen Äußerungen sowie Dienstanweisungen betont.

Im vergangenen Jahr teilte er auf seinem Account einen Beitrag des radikalen Pastors Doug Wilson mit dem Motto: „All of Christ for All of Life“ („Ganzheitliche christliche Lebensführung“). Wilson vertritt die Ansicht, dass Frauen kein Wahlrecht haben und sich auf Mutterschaft konzentrieren sollten. Für seine Anhänger symbolisiert ein hoher Testosteronspiegel den starken Mann, der seine Familie schützt und in den Kampf zieht – wörtlich oder im übertragenen Sinn.

Vor wenigen Jahren sorgte ein Skandal um leistungssteigernde Substanzen im US-Militär für Schlagzeilen. Im Februar 2022 starb ein 24-jähriger Rekrut der Navy Seals während der extremen „Höllenwoche“, die unter anderem lange Läufe, schwere Lasten und kalte Wasserübungen bei minimalem Schlaf umfasst. Obwohl die Todesursache eine bakterielle Lungenentzündung war, fanden sich in seinem Auto zahlreiche leistungssteigernde Mittel, darunter Testosteron. Viele Rekruten griffen damals zu Drogen, um die harten Prüfungen zu bestehen, obwohl dies verboten war. Als Konsequenz führte die Marine Ende 2023 regelmäßige Drogentests ein, die auf Steroide und andere testosteronähnliche Substanzen prüften.

Mit Hegseths neuer Politik vollzieht das US-Militär nun eine Kehrtwende: Der Gebrauch solcher Substanzen soll künftig zum normalen Alltag der Streitkräfte gehören.