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Berlin Tag & Macht: Das Klatschen aus dem Kanzleramt klingt eher nach Ohrfeigen

Berlin Tag & Macht: Das rhythmische Klatschen aus dem Kanzleramt erzählt eher von Ohrfeigen

Als Friedrich Merz verkündete, die Regierung habe endlich ihren Takt gefunden, musste ich sofort an meinen Großvater denken. Und an Stephan Remmler. Leider klingt Schwarz-Rot dabei weniger wie das „Trio“ als vielmehr wie die Bordkapelle der Titanic.

In meiner Kindheit hörte ich meinen Opa oft durch das Haus laufen, in dem ich zahlreiche Sommer verbracht hatte, während er immer wieder denselben Song summte. Über viele Jahre hinweg. Besonders laut sang er die Zeile „Der Rhythmus, wo ich immer mit muss“. Jahre später, als das Haus ruhiger wirkte, weil mein Opa nicht mehr da war, entdeckte ich, dass dieses Lied vermutlich „Keine Sterne in Athen“ hieß und von Stephan Remmler gesungen wurde. Weder kannte ich das Lied noch Remmler, doch diese Zeile blieb mir im Gedächtnis. Später erzählte meine Mutter, Stephan Remmler sei ein bekannter Sänger gewesen und seine Band „Trio“ ein kulturelles Phänomen, ähnlich wie heute „Die Ärzte“. Ob das wirklich so stimmt, da bin ich mir nicht sicher.

Friedrich Merz hingegen ist alt genug, um Songs wie „Keine Sterne in Athen“ am Tag ihrer Veröffentlichung live im Autoradio gehört zu haben. Die Älteren erinnern sich: Autoradios waren damals Geräte fürs Auto, mit denen man Radiosender empfangen konnte. Radios waren damals sehr beliebt, lange bevor man beim Autofahren hauptsächlich Podcasts hörte, in denen hysterisch lachende Influencer mit Ringlicht und Life-Coach-Zertifikat einem erklären, warum man eine schlechte Mutter ist, sich falsch ernährt oder kein Millionär geworden ist.

In meiner unbeschwerten Jugend stelle ich mir diese Woche oft vor, wie Friedrich Merz ständig „Keine Sterne in Athen“ summte, bevor er der überraschten Presse erklärte: „Die Bundesregierung hat ihren Rhythmus gefunden.“ Einen Rhythmus zu finden klingt moderner als einen Plan zu haben. Es verleiht der Regierung ein wenig Sunshine-Reggae-Feeling. Man sieht förmlich Bärbel Bas mit Taucherbrille am Strand, Jens Spahn im grünen Muskelshirt in der Brandung und Lars Klingbeil, der Kokosnüsse von einer Palme wirft. Sunshine, Sunshine Reggae, don’t worry, don’t hurry, take it easy!

So wünschenswert es wäre, wenn der Bundeskanzler tatsächlich einen Rhythmus vorgeben könnte, dem alle folgen, halte ich Euphorie in der Koalition für verfrüht. Ehrlich gesagt wirkte Merz’ Zuversicht über die neue Effizienz der Regierung ein wenig wie der Kapitän der Titanic, der kurz vor dem Zusammenstoß mit dem Eisberg stolz verkündet, die Bordkapelle spiele inzwischen hervorragend.

Ist das wirklich Rhythmus?

Man muss der schwarz-roten Koalition zugestehen: Das rhythmische Klatschen aus den Koalitionsausschüssen erzählt keine Geschichte von tosendem Beifall. Vielmehr klingt es nach lauten Ohrfeigen, mit denen man sich liebevoll, aber bestimmt in die Parade fährt. Parallel zu seiner Rhythmus-Botschaft erklärte Merz, er rechne nicht mit einer baldigen Reform der Schuldenbremse. Das sendet ein deutliches Signal an die Koalitionspartner und insbesondere die SPD, für die dieses Thema ähnlich wichtig ist wie Lionel Messi für den argentinischen Fußball.

Friendly Fire kommt aber auch von der anderen Seite der Koalitionsbank: SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf fordert Bildungsministerin Karin Prien auf, ihre Sparpläne zurückzunehmen. Der Kanzler erklärte zum Unterhaltsvorschuss, darüber werde man „noch ausführlich sprechen“. Das klingt weniger nach einem politischen Dialog als eher nach: Du bekommst jetzt erst einmal drei Wochen Hausarrest. Merz trägt diese als Gesprächsangebot verkleidete Drohung so ernst, dass ich aus Schreck vorsorglich mein Zimmer aufgeräumt habe.

Intensive Gespräche gab es auch über die geplanten grundlegenden Veränderungen im Gesundheitswesen. Besonders der Vorschlag, dass Arbeitnehmer bereits am ersten Krankheitstag ein Attest vorlegen müssen, sorgt für weitreichende Kopfschmerzen. Während Schwarz-Rot mehr Ideen zur Stabilisierung des Gesundheitssystems diskutiert als es Arztpraxen in ländlichen Regionen gibt, rät die frühere Grünen-Politikerin Ricarda Lang, inzwischen hauptberufliche Comedienne auf dem Kurznachrichtendienst X, Merz, er solle „mal zehn Minuten mit einem Hausarzt telefonieren“. Das würde er gern – aber Termine sind rar, wegen der vielen Migranten.

Und was macht eigentlich die AfD?

Die AfD macht unterdessen das, was sie am besten kann: viel Lärm um nichts. Dazu kommen kompromisslose Ahnungslosigkeit und argumentationsfreie Schattenrhetorik. Ganz in diesem Stil fragt Tino Chrupalla, der Lionel Messi der Heimatlyrik, den Kanzler im Bundestag: „Wo leben Sie eigentlich?“ Die Antwort ist einfach: Niedereimer im Sauerland. Willkommen zu einer neuen Folge von „DSDR – Deutschland sucht den Regierungsstar“. Die einzige Castingshow, bei der die Kandidaten nicht von einer Jury bewertet werden, aber trotzdem Woche für Woche schlechtere Quoten erzielen.

Der neue Merz-Rhythmus begeistert vor allem den Stephan Remmler der politischen Kommunikation: Niemand glaubt so sehr daran, plötzlich politisches Taktgefühl entwickelt zu haben, wie der Kanzler. Dabei kann sich Taktgefühl auf vielfältige Weise zeigen. Und wenn man so will, hat Merz recht: Die SPD tanzt Flamenco, die CDU hört Peter Maffay, Markus Söder spielt Alphorn, die AfD marschiert im Gleichschritt, die Bahn kommt grundsätzlich vier Takte zu spät und Kai Wegner verlässt die Band vor der Zugabe.

Ein totales Durcheinander, bei dem nichts zusammenpasst – und doch alles irgendwie unter Musik fällt. Das könnte man als Erfolg werten. Kein Wunder, dass Merz diese Woche tatsächlich erklärte, seine schlechten Umfragewerte seien für ihn eine Motivation. Nach dieser Logik müsste Schalke 04 deutscher Meister werden. Vielleicht ist genau das der neue Politikstil: Scheitern nicht als Problem, sondern als Coachingchance zu sehen. Normale Menschen reagieren auf historische Misserfolge mit Selbstkritik, Politiker interpretieren sie offenbar als Erfolgserlebnis.

Revolverhelden unter sich

Die Begeisterung, die Merz aus seinem neu gefundenen Rhythmus zieht, teilen nur wenige Wählerinnen und Wähler. Ungünstig für den Chef einer Partei, die gelegentlich auch mal eine Wahl gewinnen möchte. Zum Glück gibt es Freunde, die einem helfend die Hand reichen. Im Fall von Merz etwa sein türkisches Pendant Recep Tayyip Erdoğan, der dem Kanzler diese Woche eine Schusswaffe mit Munition schenkte. Andere Regierungschefs bekommen zum Staatsbesuch eine Vase, einen Bildband oder ein landestypisches Gebäck. Friedrich Merz erhält das Starterset „John Wick – Regierungsviertel-Edition“.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie solche Geschenke im Kanzleramt verwahrt werden. Gibt es eine repräsentative Vitrine? Liegt die Waffe zwischen dem goldenen Klo von Donald Trump und einem handsignierten BRAVO-Starschnitt von Emmanuel Macron? Muss sie als geldwerter Vorteil in der Steuererklärung angegeben werden? Und was schenkt Merz im Gegenzug? Einen Zahnarzttermin? So amüsant diese Vorstellung ist, hat das Szenario auch eine traurige Seite: Aufgrund der latenten Unzufriedenheit mit der Regierungsarbeit wartet die AfD nicht mehr im Vorzimmer der Macht, sondern steht mit einem Bein im Kanzleramt und misst bereits die Vorhänge für die Staatskanzlei aus.

Keine Sterne in Athen für Friedrich Merz und Lars Klingbeil. Und bald auch keine Mehrheiten mehr in Berlin. Vielleicht summt Friedrich Merz wirklich jeden Morgen „Keine Sterne in Athen“. Das Problem ist nur: Der Rhythmus, bei dem er immer mitmuss, ist inzwischen die Melodie des Stillstands – und somit der Soundtrack zum Sinkflug seiner eigenen Regierung.