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Hormusstraße gewaltsam öffnen?: Jäger: „Trump hat einen 46 Jahre alten Bluff entlarvt“

Hormusstraße mit Gewalt öffnen?: Jäger: "Trump hat einen 46 Jahre alten Bluff ruiniert"

Thomas Jäger: Nein, jedoch hat Trump auch „kleine Tricks“ im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt angewandt. Er bezeichnete es quasi als einen kurzen Ausflug, den man unternehmen müsse, und betonte wiederholt, wie lange andere Präsidenten bereits Kriege geführt hätten. Das ist seine Art zu signalisieren, dass er eigentlich keine großen Forderungen stellt. Ob er dabei bewusst mit Worten spielt oder tatsächlich manchmal die Lage unterschätzt, ist schwer zu beurteilen.

Für Trump war die Öffnung der Straße von Hormus die mit Abstand wichtigste Voraussetzung für ein Friedensabkommen mit dem Iran. Welche zwei weiteren zentralen Themen müssten in den Verhandlungen jetzt dringend geklärt werden?

Das zweite Problem betrifft die Bedrohung der Region durch das ballistische Raketenprogramm und das Nuklearprogramm des Iran. Dies lässt sich nur durch regionale Abkommen lösen. 2015 funktionierte das einmal, wurde jedoch durch das damalige Nuklearabkommen JCPOA unter Präsident Barack Obama wieder zunichtegemacht. Drittens muss man die Gefahr durch vom Iran unterstützte Terrorgruppen berücksichtigen.

Hisbollah, Hamas, Huthis?

Diesen Organisationen sollte man die Möglichkeit nehmen, andere zu bedrohen. Auch aktuell versucht man, dieses Ziel durch das Unterbrechen der Verbindungen zum Iran zu erreichen. Erfahrungen aus verschiedenen Ländern zeigen jedoch, dass dies langfristig nicht ausreicht, wenn Terrorgruppen die Kontrolle haben. Entscheidend ist die Entwicklung der jeweiligen Staaten. Der Libanon und der Gazastreifen müssen sich so verändern, dass Hisbollah und Hamas nicht mehr als Beschützer der Bevölkerung auftreten können. Alle drei Herausforderungen erfordern unterschiedliche Lösungsansätze. Ob dies in einem Gesamtpaket gelingen kann? Ich bin sehr skeptisch.

Der Iran erklärt zurzeit, keine Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ins Land lassen zu wollen. Das würde ein künftiges Abkommen sogar schlechter machen als das JCPOA von 2018, bei dem die IAEA noch Zugang hatte.

Wie ist diese Aussage zu verstehen?

Wir müssen dies doppelt bewerten. Zum einen erlitt Vizepräsident JD Vance während der Genfer Verhandlungen zweimal Rückschläge: Erstens, als die Gespräche begannen und die Iraner nicht erschienen, sodass er im Regen warten musste. Zweitens, als er das Ergebnis verkündete und die Iraner unmittelbar danach widersprachen. Das ist eine Verhandlungstaktik.

Heißt das, die Lage ist noch offen?

Ob der Iran tatsächlich Inspekteure zulässt, ist meiner Ansicht nach noch völlig unklar. Fest steht jedoch: Das Regime wird für jedes Zugeständnis eine Gegenleistung verlangen. Der Iran wird für alle Zugeständnisse etwas fordern. Die Frage ist, wie weit die USA dabei mitgehen. Sie haben sich bereits in 14 Punkten verpflichtet, Sanktionen gegen iranisches Öl aufzuheben, was auch schon umgesetzt wurde. Auch die Freigabe von zwölf Milliarden Dollar eingefrorenem Kapital ist vereinbart, und es laufen Gespräche zur Umsetzung. Zudem verlangt der Iran 300 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau.

Sind diese Zahlungen bereits beschlossen?

Ja, die USA können davon nicht mehr zurücktreten. Alles, was der Iran zusätzlich fordert, wird womöglich noch hinzukommen. Der Iran agiert dabei sehr geschickt, während die Amerikaner eher ungeschickt reagieren.

Wenden wir uns noch einmal dem zweiten Thema zu: der Bedrohung der Region durch Teheran. Wie stark ist diese aktuell? Der Iran hat im Krieg viele Waffen verloren, zeigt aber gleichzeitig mehr Aggression.

Trump hebt immer wieder hervor, dass der Iran militärisch geschwächt sei, da seine Luftwaffe nicht mehr existiert, die Marine versenkt wurde und ein Teil der Raketen zerstört ist. Das spielt eine Rolle, wenn man an einen konventionellen Krieg denkt: Luftwaffe gegen Luftwaffe, Marine gegen Marine. Doch die iranische Luftwaffe ist so veraltet, dass die Flugzeuge auch ohne Krieg bald ausgefallen wären. Gleiches gilt für die Marine. Wenn man die Gewaltfähigkeit des Iran beurteilen will, darf man nicht von einem symmetrischen Krieg ausgehen.

Sondern von einem asymmetrischen?

Genau, man muss an hybriden Krieg denken, wie ihn der Iran führt. Er lässt beispielsweise fünf Drohnen einen Flughafen in den Emiraten angreifen, was dort drei Tage Stillstand verursacht, weil eine Landebahn repariert werden muss. Zudem wird das Image als sicheres Land beschädigt. So operiert der Iran auch bei Angriffen auf US-Stützpunkte. Er weiß, dass er die USA militärisch nicht besiegen kann, aber durch solche Aktionen das Vertrauen der Golfstaaten in die USA untergräbt und die Gewissheit erschüttert, dass „die Amerikaner uns schützen“.

Heißt das, der Iran ist im hybriden Krieg nicht geschwächt?

Überhaupt nicht. Die Verluste von Luftwaffe und Marine sind letztlich irrelevant.

Wie werden Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien darauf reagieren? Werden sie sich stärker bewaffnen?

Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Entfernungen im Nahen Osten kurz sind und die Vorwarnzeiten vor Luftangriffen gering, ähnlich wie im Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Eine flächendeckende Flugabwehr ist daher kaum umsetzbar. Aus der Erkenntnis, dass die USA als Schutzmacht ausfallen, erwarte ich, dass die Golfstaaten verstärkt auf eine friedliche Koexistenz mit dem Iran setzen. Es gibt dort einen Vermittler, der das ermöglichen könnte.

Sie meinen nicht den Dealmaker aus Washington, nehme ich an?

Ich denke an die chinesische Regierung. Sie wird vermutlich die Rolle übernehmen, den Iran zu kontrollieren. Die USA werden mit dem Ende dieses Konflikts ihre dominante sicherheitspolitische Stellung zunehmend verlieren. Das wird in zehn Jahren, vielleicht auch schon in fünf, deutlich werden. Die Abschreckungspolitik der USA funktioniert nicht mehr.

Sie schätzen die Auswirkungen also als sehr gravierend ein?

Ja. Um diese Konsequenzen zu verstehen, müssen wir Folgendes bedenken: Durch Trumps Angriff auf den Iran hat er einen 46 Jahre alten Bluff zerstört. Dieser Bluff lautete: „Wir, die USA, sichern militärisch die Öffnung der Straße von Hormus.“ Die entscheidende Frage ist doch: Warum kommen die Iraner erst 2026 auf die Idee, die Straße von Hormus schließen zu können?

Das ist eine naheliegende Frage.

Dabei sollte man bedenken: Die Iraner leiden seit Jahren unter Sanktionen und sind vom globalen Wirtschaftssystem ausgeschlossen. Waren sie wirklich zu ungeschickt, diese Möglichkeit früher zu nutzen?

Warum also erst jetzt?

Die Iraner sind nicht dumm. Die sogenannte Carter-Doktrin hat sie bisher abgeschreckt. Diese Doktrin des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter erklärte den Nahen Osten 1980 zur US-Einflusszone und warnte: „Wer die Straße von Hormus blockiert, wird es militärisch mit den USA zu tun bekommen.“ Dieser Bluff hat 46 Jahre lang gewirkt.

Bis Trump sich weigerte, die Straße von Hormus militärisch zu öffnen?

Mit seiner Verhandlungsbereitschaft zeigte Trump, dass die USA nicht mehr in der Lage sind, die Straße von Hormus militärisch zu sichern. Das haben die Iraner und die Golfstaaten registriert.

Der Kaiser ist nackt.

Jetzt braucht die Region jemanden, der die Beziehungen koordiniert. Es würde mich nicht überraschen, wenn unter den Staaten die Investitionen zunehmen und China seinen wirtschaftlichen Einfluss auf den Iran und die Golfstaaten nutzt, um genau diese Beziehungen zu gestalten.

Wie sehr sollten wir Europäer beunruhigt sein, wenn statt der USA China im Nahen Osten an Einfluss gewinnt?

Das ist sehr besorgniserregend. Für Europa stellt sich die Frage, wie man gemeinsam mit den USA die Expansionsbestrebungen Chinas eindämmen kann. Doch das „gemeinsam mit den USA“ kann man inzwischen streichen, da die USA ihre Bündnisnetzwerke gerade selbst zerstören – in Europa, im Nahen Osten und im Pazifik. Sie werden künftig nicht mehr in der Lage sein, ihre Verbündeten zu einer koordinierten China-Politik zu vereinen. Trump ist ein einmaliges Phänomen: ein Präsident, der sein Land absichtlich so schwächt, dass es im zentralen Wettbewerb mit China nicht bestehen kann.

Das Interview führte Frauke Niemeyer mit Thomas Jäger