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Wenn Privates politisch wird: Jens Spahn warnt vor Doppelmoral-Vorwürfen

Wenn das Private politisch ist: Den Doppelmoral-Vorwurf hat Jens Spahn kommen sehen

Jens Spahn, CDU-Politiker, wird Vater und sieht sich sofortigen Vorwürfen der Doppelmoral ausgesetzt – denn seine Partei lehnt die Legalisierung von Leihmutterschaften strikt ab. Alte Aussagen werden hervorgeholt, die jedoch verdeutlichen, dass Spahn schon vor Jahren den Wunsch hatte, Vater zu werden.

Unionsfraktionschef Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke sind Eltern eines Sohnes geworden. Während dies bei anderen Paaren meist nur das private Umfeld betrifft, hat das Private bei Spahn eine politische Dimension.

Spahn und Funke nutzten für die Geburt ihres Sohnes Georg die Unterstützung einer Leihmutter. Hier kommt die Politik ins Spiel: Die Geburt erfolgte in den USA, da das deutsche Embryonenschutzgesetz Leihmutterschaften untersagt.

Die Strafvorschriften richten sich zwar nur gegen Ärzte, sind jedoch streng. Wer bei einer Frau, „die bereit ist, ihr Kind nach der Geburt dauerhaft Dritten zu überlassen (Ersatzmutter)“, eine künstliche Befruchtung durchführt oder einen Embryo überträgt, dem drohen laut Paragraph 1 des Gesetzes „Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe“. Ebenfalls verboten ist die Vermittlung von Ersatzmüttern in Deutschland.

Vorwurf der „politischen Doppelmoral“

In den USA ist Leihmutterschaft erlaubt. Die Vaterschaft von Daniel Funke – er ist offenbar der genetische Vater – wird auch in Deutschland anerkannt. Gleiches gilt für Spahn, unabhängig davon, ob seine Vaterschaft in den USA gerichtlich anerkannt oder adoptiert wurde.

Spahn und sein Mann haben somit keine deutschen Gesetze verletzt. Fraglich bleibt jedoch, ob hier eine kognitive Dissonanz vorliegt: ein Widerspruch zwischen Spahns Handeln und seiner politischen Haltung. Der Herausgeber des Portals queer.de schreibt in einem Kommentar, Spahn habe angesichts der Hasswelle gegen die junge Regenbogenfamilie die Solidarität der queeren Community verdient. Gleichzeitig wirft er dem CDU-Politiker „politische Doppelmoral“ vor.

Als Beleg werden alte Zitate von Spahn hervorgeholt. Vor elf Jahren, als in Deutschland über Leihmutterschaften diskutiert wurde, äußerte sich Spahn gegenüber der Zeitschrift „GQ“ als gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion: „Als schwuler Mann und Christ fällt es mir schwer, mich mit der Idee eines gemieteten Mutterleibs anzufreunden.“

„Großes Maß an Demut“

Doch Spahn ergänzte auch: „Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, erfordert ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht. Aber ich erwarte, dass meine Zurückhaltung in dieser ethisch tiefgreifenden Frage respektiert wird, ohne mich als rückständig zu bezeichnen.“

Einige Jahre später, als Spahn Gesundheitsminister war, forderte die FDP im Bundestag eine Reform des Embryonenschutzgesetzes. Nicht Spahn selbst, aber sein Ministerium erklärte im April 2020 laut Redaktionsnetzwerk Deutschland, dass der Gesetzgeber mit dem Verbot der Leihmutterschaft das Kindeswohl schützen wolle, indem die eindeutige Mutterschaft gewährleistet wird. Bei Leihmutterschaft seien genetische und austragende Mutter verschieden, was nach Ansicht des Gesetzgebers negative Folgen für die kindliche Entwicklung und eine Gefährdung des Kindeswohls mit sich bringen könne.

Diese Haltung wird Spahn auch von Jette Nietzard, der früheren Chefin der Grünen Jugend, vorgeworfen – oder vielmehr entgegengehalten. Auf Instagram schrieb sie: „Gesetze, die von mächtigen Männern beschlossen werden, gelten nie für sie oder ihre Kinder. Sie finden immer Wege, ihre Söhne vor dem Wehrdienst zu schützen, ihren Töchtern Abtreibungen zu ermöglichen oder eben Kinder zu bekommen.“

Bereits damals hatte Spahn den Wunsch, Vater zu werden. Im Interview mit der „Bunten“ 2021 sagte er: „Wir wollen Kinder und ich denke, wir wären gute Eltern. Wir sprechen darüber, noch ist nichts konkret. Aber wenn, dann bald – wir werden ja auch nicht jünger.“

CDU bekräftigte im Februar Verbot von Leihmutterschaften

Spahn ist heute 46, sein Mann 44 Jahre alt. Dass sie mit alten Zitaten konfrontiert würden, hatten die jungen Eltern erwartet. In einer an Freunde gerichteten Nachricht, die die „Bild“-Zeitung zitierte, schrieben sie: „Wir wissen, dass diese Nachricht für Überraschung sorgt und Fragen zum Thema Leihmutterschaft aufwirft. Diese beantworten wir gerne.“

Doch es handelt sich nicht nur um alte Zitate, sondern auch um relativ frische Entscheidungen. Vor wenigen Monaten bestätigte der CDU-Parteitag in Stuttgart das Verbot von Leihmutterschaften – ausdrücklich auch bei altruistischen Modellen, also wenn es nicht um kommerzielle Zwecke geht, „um Missbrauch, Ausbeutung und gesundheitliche Risiken zu verhindern“.

Dennoch existieren auch andere Äußerungen von Spahn – bereits in der „GQ“-Stellungnahme angedeutet. Im ntv-Talk bei Pinar Atalay im November letzten Jahres sagte Spahn, sein Kinderwunsch habe sich bislang noch nicht erfüllt. Mit einem Lachen fügte er hinzu: „Jetzt sind die Voraussetzungen bei uns ohnehin etwas schwieriger geworden.“ Grundsätzlich könne er sich aber weiterhin gut vorstellen, Vater zu werden.