Berlin Tag & Macht: Merz, Nagelsmann und das Sommermärchen des Scheiterns neu erzählt
Große Hoffnungen, hohe Erwartungen und am Ende ein nationales Fiasko – das klingt nicht nur wie die Bilanz der Bundesregierung, sondern beschreibt ebenso die WM-Performance der deutschen Fußballnationalmannschaft. Warum Julian Nagelsmann als der Friedrich Merz des deutschen Fußballs gilt.
Eine verhängnisvolle Woche für das ohnehin schon strapazierte Deutschland. Mit enormem Potenzial und großen Erwartungen gestartet, endete alles in einem Desaster von epischem Ausmaß. Die Voraussetzungen hätten nicht besser sein können: viel Zuversicht, große Versprechen, riesige Vorfreude und eine beispiellose Aufbruchsstimmung. Doch was folgte, waren gravierende Fehler, katastrophale taktische Entscheidungen, eine Abfolge peinlicher Momente – nur vereinzelt gab es positive Ansätze. Und das Ganze wurde dann auch noch schlecht kommuniziert.
Doch genug von der Regierung – wenden wir uns der deutschen Nationalmannschaft zu. Vor dem FIFA World Cup wurde ihr nachgesagt, der Fußballgott schlafe wohl in Schwarz-Rot-Gold-Bettwäsche. Mit Curaçao, der Elfenbeinküste und Ecuador traf das Team auf Gegner, deren politisches Pendant etwa auf dem Niveau von Kleinstparteien wie der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD), der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) oder der Partei für Verjüngungsforschung angesiedelt ist. Ein souveräner Durchmarsch schien sicher. Selbst ein Hauch echter Gary-Lineker-Philosophie durchzog die nationale WM-Stimmung 2026. Lineker sagte einst: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“
Missgeschick im DFB-Quartier
Der frühere Starstürmer und Israel-Experte Gary Lineker stand mit seiner optimistischen Prognose für die Nationalelf nicht allein. Der durchschnittliche Fan war sogar bereit, eine Niere zu verkaufen, um den fünften WM-Titel live mitzuerleben. Noch-Ausrüster Adidas meldete Rekordverkäufe bei WM-Trikots. Mit Sophia Havertz, Lina Kimmich, Anika Neuer und Aaliyah Mohamed fieberte zudem eine neue Generation von Spielerfrauen auf der Ehrentribüne mit, die im Vergleich zum 2014er-Ensemble aus Lena Gercke, Cathy Hummels, Sarah Brandner, Mandy Capristo und Ann-Kathrin Götze keineswegs verblasste. Ganz Deutschland war landesweit für ein neues Sommermärchen bereit.
Allerdings war die Euphorie nicht ganz unumstritten. Bereits vor dem Anpfiff der 23. Fußball-Weltmeisterschaft gab es kritische Stimmen zur Kaderzusammenstellung von Julian Nagelsmann. Die AfD etwa betonte wiederholt, dass man sich als echter Patriot mit dieser Mannschaft phänotypisch nicht mehr identifizieren könne. Die Nationalelf brachte so viele Spieler mit Migrationshintergrund mit, dass politische Hauptstadt-Korrespondenten bereits befürchteten, Beatrix von Storch könnte an der Grenze bei Brown, Nmecha, Rüdiger, Tah, Thiaw, Amiri, Leweling, Musiala, Quedraogo, Sané und Undav „mausgerutscht“ schießen. Der altbekannte Migrantenhass – durchaus mutig für eine Partei, deren Vorsitzende im Schweizer Exil lebt und mit einer Frau aus Sri Lanka verheiratet ist.
Der Witz des Jahres
Zur Freude der AfD-Kritiker zeigte das Team von Bundestrainer Nagelsmann eine ähnlich instabile Leistung wie das Team um Bundeskanzler Merz. Wer auf den fünften WM-Titel gesetzt hatte, fühlte sich spätestens nach dem dritten Gruppenspiel schlechter als Aktionäre von VW nach Kursrückgängen. Deutschland überzeugte in keinem Spiel und schied im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus. Ein Resultat, für das Legenden wie Paul Breitner oder Franz Beckenbauer früher nicht einmal aufgestanden wären. Passend dazu ein aktueller Scherz:
Günter Netzer: „Gegen Paraguay hätte sogar unser WM-Team von 1974 knapp gewonnen!“
Laura Wontorra: „Warum nur knapp?“
Günter Netzer: „Na ja, die meisten von uns sind ja schon über 80!“
Nach diesem kurzen Ausflug in den Humor kehren wir zum Ernst der Lage zurück: Während VW auf das schlechte Ergebnis mit der Ankündigung reagiert, rund 100.000 Stellen abzubauen, würde im deutschen Fußball bereits die Entlassung einer einzigen Person reichen: Julian Nagelsmann. Oder wie man ihn im Regierungsviertel nennt: Julerich Mergelsmann – eine Mischung aus Julian Nagelsmann und Friedrich Merz. Ein Duo, das Deutschland gleichzeitig an mehreren Fronten ins Mittelalter der Relevanz zurückkatapultiert.
Merz, übernimm die Niederlage, Julian
Im Umfeld von DFB-Zentrale und Kanzleramt wird seit dem Paraguay-Schock hinter vorgehaltener Hand gemunkelt: Ist Julian Nagelsmann der Friedrich Merz des Profifußballs? Kaum war Jonathan Tah mit seinem letzten Elfmeter in den Bostoner Nachmittagshimmel geschossen, wünschten sich die enttäuschten Fans Jürgen Klopp als neuen Nationaltrainer zurück. Ähnlich wie bei Friedrich Merz kursieren auch über den Regierungschef Ablösungsgerüchte, sein Pendant heißt Hendrik Wüst.
Zum Glück für Merz steht Wüst nicht jeden Abend mit Johannes B. Kerner und Angela Merkel im TV-Studio der Reichstagskuppel und bewertet seine Regierungsfähigkeit. Statistisch gesehen sind die Chancen, dass Friedrich Merz die EM 2028 noch als Bundeskanzler erlebt, deutlich höher als die von Julian Nagelsmann, bei der nächsten WM in UK und Irland das Trikot mit dem Bundesadler zu tragen.
Oder positiver formuliert: Nur wenige Menschen schaffen es, zugleich Hoffnungsträger und Enttäuschungsikone zu sein. Julian Nagelsmann ist im Grunde Friedrich Merz mit Abseitsfalle. Zwei Persönlichkeiten, die stets so wirken, als würden sie privat Flipcharts mit ihren eigenen Lösungen füllen. Beide sind Meister im asymmetrischen Gegenpressing: der eine gegen den Gegner, der andere gegen den Koalitionspartner. Und beide teilen eine Eigenschaft, die in Deutschland traditionell als Führungskompetenz gilt: Sie sehen permanent so aus, als würden sie gerade einen genialen Rettungsplan präsentieren. Am Ende erklären sie jedoch meist nur, warum es wieder nicht geklappt hat.
Doch auch das ist eine wichtige Fähigkeit. Denn egal ob im Regierungsviertel oder auf dem DFB-Campus, der wahre Gegner heißt mittlerweile Erwartungsmanagement. Deutschland liebt Menschen, die kompliziert erklären, warum einfache Dinge gerade nicht möglich sind. Der einzige Unterschied zwischen Merz und Nagelsmann liegt darin, dass der eine von „Wettbewerbsfähigkeit“ spricht, der andere „Undav ist schuld!“
Merz und Nagelsmann sind somit die Riesterrenten-Verkäufer unter den Hoffnungsträgern. Dabei hätte die Nationalmannschaft bei der WM sicher nicht schlechter abgeschnitten, wenn Friedrich Merz sie trainiert hätte. Ob Deutschland umgekehrt besser dastehen würde, falls Julian Nagelsmann Bundeskanzler wäre, bleibt an dieser Stelle lieber unkommentiert.