Auswirkungen des neuen Wehrdienstes: Höchste Zahl an Kriegsdienstverweigerern seit 15 Jahren
Die Bundeswehr benötigt verstärkt Personal, um im Ernstfall das Land verteidigen zu können. Gleichzeitig steigt die Zahl derjenigen, die aus Gewissensgründen keinen Waffendienst leisten wollen und deshalb vermehrt Anträge auf Kriegsdienstverweigerung stellen. Parallel dazu gibt es aber auch umgekehrte Entwicklungen.
Mit der Einführung des neuen Wehrdienstes ist die Anzahl der vorsorglichen Kriegsdienstverweigerungen deutlich angestiegen, da viele vermeiden möchten, im Spannungs- oder Verteidigungsfall Waffendienst leisten zu müssen. Bis Ende Mai wurden bereits 2667 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben rechtskräftig anerkannt, wie eine Sprecherin auf Nachfrage der „Süddeutschen Zeitung“ mitteilte. Damit dürfte die Zahl in diesem Jahr den höchsten Stand seit 2011 erreichen.
Im Jahr 2025 wurden insgesamt 2830 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung bewilligt – ein Wert, der im ersten Halbjahr 2026 bereits übertroffen wurde. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 sank die Zahl der Verweigerungen drastisch: von 87.590 im Jahr 2010 auf 5177 im Jahr 2011 und nur noch 370 im Jahr 2012. Seit der Debatte um die Wiedereinführung eines neuen Wehrdienstes steigen die Zahlen jedoch wieder deutlich an.
Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands nimmt auch die Zahl derjenigen zu, die ihre frühere Kriegsdienstverweigerung widerrufen – wenn auch auf niedrigem Niveau. Seit 2022, dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, stieg diese Zahl von 487 (2022) auf 781 im vergangenen Jahr. Bis Mai 2026 erklärten bereits 357 weitere Personen ihren Widerruf. Laut einer Sprecherin des Verteidigungsministeriums werden diese Personen dann wieder in den Datenbestand der 18- bis 60-jährigen Wehrpflichtigen aufgenommen. Ungediente können anschließend in Reserveübungen zum Soldaten ausgebildet werden und für den Heimatschutz eingesetzt werden.
Bundeswehr intensiviert Schulbesuche
Gleichzeitig hat die Bundeswehr ihre Präsenz an Schulen erhöht. Im ersten Halbjahr 2026 führten Vertreter der Bundeswehr bundesweit 3790 öffentliche Auftritte an Schulen und Berufsschulen durch, teilte das Bundesverteidigungsministerium auf eine Anfrage der Linken im Bundestag mit. Die Zahlen wurden den Funke-Zeitungen vorgelegt. Sollte sich dieser Trend im weiteren Jahresverlauf fortsetzen, wird die Anzahl der Schulbesuche aus dem Jahr 2025 deutlich übertroffen werden, als insgesamt 5617 Veranstaltungen stattfanden.
Die Linke kritisiert diese verstärkte Aktivität an Schulen scharf: Die hohe Anzahl der Schulbesuche zeige eine „systematische Militarisierung“ der Klassenzimmer auf Rekordniveau, erklärte Nicole Gohlke, Vizevorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, gegenüber den Zeitungen. Besonders Minderjährige stünden dabei im Fokus der Bundeswehr. Gohlke warnt vor einer „Rekrutierung durch die Hintertür“.