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250.000 Jobs in Gefahr? Ökonomen warnen vor steigenden Beitragssätzen durch Rentenreform

250.000 Arbeitsplätze weniger?: Ökonomen warnen vor höheren Beitragssätzen durch Rentenreform

Um das Rentenniveau zu stabilisieren, schlägt die Rentenkommission der Bundesregierung den Aufbau eines Kapitalstocks vor. Führende Ökonomen wie Bofinger und Dullien warnen jedoch davor, dass der schnellere Anstieg der Beitragssätze negative Folgen für Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum haben wird.

Der Vorschlag der Rentenkommission, einen Kapitalstock in der gesetzlichen Rentenversicherung aufzubauen, könnte laut Experten die Beitragssätze deutlich erhöhen – mit negativen Auswirkungen auf Kaufkraft, Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) bei der Hans-Böckler-Stiftung, erklärt: „Der eingeschlagene Weg führt dazu, dass Erwerbstätige in den kommenden Jahrzehnten doppelt belastet werden – einmal für die Rentenzahlungen der älteren Generation und zusätzlich für den Kapitalstockaufbau. Das schmälert den Konsum.“ Eine IMK-Studie prognostiziert, dass eine solche Beitragserhöhung das deutsche Wirtschaftswachstum ab 2028 um rund einen Prozentpunkt reduzieren und etwa 250.000 Arbeitsplätze kosten könnte.

Sowohl Bundeskanzler Friedrich Merz als auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas, die zugleich Vorsitzende ihrer Parteien CDU und SPD sind, unterstützen die Umsetzung der 33 Vorschläge der Kommission, die am Vortag vorgestellt wurden. Die Expertenrunde, bestehend aus Wissenschaftlern und Vertretern der Koalitionsparteien, empfiehlt, ab 2028 die Beitragssätze paritätisch um zwei Prozentpunkte zu erhöhen. Diese Mittel sollen an den Kapitalmärkten investiert werden, um die gesetzliche Rente nicht mehr ausschließlich durch Beiträge und Bundeszuschüsse zu finanzieren. Langfristig erhofft sich die Kommission sogar, bei einer positiven Renditeentwicklung ein Rentenniveau von 50 Prozent zu erreichen – ein Ziel, das die IMK-Ökonomen jedoch skeptisch sehen.

„Das ist keine Kleinigkeit“

Die IMK berechnet, dass die Beiträge für den Aufbau des Kapitalstocks bis 2032 von derzeit 18,6 auf 22 Prozent steigen würden. Dullien bezeichnet diesen Anstieg als „sehr steil“. Ohne den Kapitalstock würde der Beitrag 2032 nur bei etwa 20,4 Prozent liegen. Zum konjunkturellen Effekt meint Dullien: „Das sind keine Kleinigkeiten, sondern ein ernstzunehmender Wachstumshemmnis, den die deutsche Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Schwächephase nicht gebrauchen kann.“

Die Einführung eines kapitalgedeckten Systems führt zu einer Doppelbelastung der Erwerbstätigen, die sowohl die Renten der älteren Generation als auch den Kapitalstock finanzieren müssen. Wären die aktuellen Beitragszahler weiterhin rein umlagefinanziert, wäre der Beitragssatzanstieg geringer und das verfügbare Haushaltseinkommen höher. „Wenn man unbedingt einen Kapitalstock aufbauen möchte, hätte man eine andere Finanzierungsform wählen können“, so Dullien.

Zweifel an Renditen und Wirtschaftseffekt

Die IMK-Ökonomen hinterfragen auch den erwarteten positiven Effekt auf die deutsche Wirtschaft: Die Kommission kalkuliert bei den geplanten Anlagen mit einer Rendite von 5 Prozent, was als optimistisch gilt. Zudem sei der erwartete Kapitalmarktzufluss für Deutschland fraglich, da das Geld in global ausgerichtete Fonds investiert werden soll, die nur geringe Anteile an deutschen und europäischen Unternehmen halten. Zudem sei das durch höhere Beiträge entnommene Kapital für Unternehmen schwerer wiegend als das zusätzlich verfügbare Investitionskapital, erklärt Dullien.

Eine stärkere Fokussierung auf europäische oder deutsche Märkte würde zu niedrigeren Renditen führen. Der erwartete Kapitalzufluss für die deutsche Wirtschaft sei daher „eher gering“, so der frühere Wirtschaftsweise und IMK-Experte Peter Bofinger.

Bofinger, Mitglied der 13-köpfigen Rentenkommission, bezeichnete die Kapitaldeckung als „problematisch“. Er schlägt vor, Unternehmen und den öffentlichen Dienst von den Zusatzbeiträgen für den Kapitalstock auszunehmen, wenn sie selbst eine solide betriebliche Altersvorsorge bieten. „Der öffentliche Sektor leistet mit der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder bereits eine Kapitaldeckung von 7 Prozent für seine Beschäftigten“, erklärt Bofinger. „Dazu kommen noch zwei Prozent oben drauf – das ist gerade in einer Phase, in der der öffentliche Sektor ohnehin finanzielle Schwierigkeiten hat, nicht optimal.“

Mehr Bundesmittel, Beamtenpensionen bleiben

Auch der Bundeshaushalt wird durch den Vorschlag belastet: Bis der Kapitalstock ausreichend Renditen abwirft, dauert es lange. Um das Rentenniveau von mindestens 48 Prozent bis 2031 und darüber hinaus zu sichern, soll der Bund für die Rentnergenerationen von 2032 bis Mitte der 2040er Jahre einspringen. Dadurch muss der Beitragssatz in diesem Zeitraum nicht weiter steigen.

Für den hoch verschuldeten Bund mit steigenden Zinskosten bedeutet dieser „Übergangsfaktor“ eine erhebliche Mehrbelastung. Dullien spricht von „Zusatzkosten in Milliardenhöhe“. „Der Kapitalstockaufbau verteuert kurz- und mittelfristig die Stabilisierung des Rentenniveaus, anstatt sie zu erleichtern.“ Die Generation, die bis 2050 in den Ruhestand geht, werde nach seiner Einschätzung durch höhere Beiträge und das steigende Renteneintrittsalter „doppelt belastet“.

Während etwa Die Linke und die SPD den Kreis der Beitragszahler gern auf zukünftige Beamte ausweiten würden, lehnt Bofinger dies wegen der hohen Kosten ab: Würde etwa ein neu eingestellter Lehrer nicht verbeamtet, müsste der Staat über 40 Jahre in die Rentenkasse einzahlen. Erst danach entstünde eine Entlastung, da das Bundesland dann keine Pension mehr zahlen müsste. Der Vorschlag der Kommission, die Beamtenpensionen künftig auf Basis des Durchschnitts der letzten fünf bis zehn Jahre statt des letzten Gehalts zu berechnen, schafft „etwas mehr Gerechtigkeit“, so Bofinger.

Weniger kritisch bewerten die Ökonomen den Wegfall der abschlagsfreien Rente nach 45 Berufsjahren, da mit jedem weiteren Jahr auch die Rentenansprüche steigen. Allerdings müssten gerechte und rechtlich belastbare Lösungen für Arbeitnehmer gefunden werden, die ihren Beruf altersbedingt nicht mehr ausüben können.

Bofinger und Dullien übten zudem Kritik an der engen Themenauswahl und dem engen Zeitrahmen der Rentenkommission: Wichtige Maßnahmen wie eine höhere Beschäftigungsquote bei Frauen oder mehr qualifizierte Zuwanderung wurden nicht berücksichtigt, obwohl mehr Beitragszahler die wirksamste Strategie gegen steigende Beitragssätze und für den Erhalt des Rentenniveaus darstellen.