Renate Künast entdeckt NSDAP-Mitgliedschaft ihres Vaters in Karteikarten
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrschte in der Familie der ehemaligen Bundesministerin Renate Künast ein sogenanntes „Schweigekartell“, wie sie es beschreibt. Nun wurde sie in kürzlich vom US-Nationalarchiv veröffentlichten NSDAP-Mitgliederakten im engsten Familienkreis fündig.
Die frühere Bundesministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, Renate Künast, entdeckte bei der Recherche in den digitalisierten NSDAP-Mitgliedslisten den Eintrag ihres Vaters.
„Schon lange beschäftigte mich die Frage, ob einer meiner Vorfahren Mitglied der NSDAP war. Die Recherche war jedoch nicht einfach. Ich suchte nach dem Namen meines Vaters, Willy Künast, sowie seinem Geburtsdatum und Jahrgang 1914. Sofort erhielt ich einen Treffer: Er wurde am 1. Mai 1933 in die Partei aufgenommen, also nur wenige Wochen nach der Machtübernahme“, berichtete die Grünenpolitikerin dem „Spiegel“, dessen Recherchetool sie nutzte.
Das Recherchetool des „Spiegel“ basiert laut Angaben des Mediums auf Millionen von Karteikarten, die kürzlich vom US-Nationalarchiv veröffentlicht wurden. Diese wurden heruntergeladen, mithilfe künstlicher Intelligenz ausgelesen und in eine Datenbank überführt. Auch direkt im US-Nationalarchiv ist eine Recherche möglich.
„Es war kein Schock, doch es hat mich getroffen und beschäftigt mich seither“, sagte Künast. „Wenn eine unbeantwortete Frage Gewissheit erhält, beginnt das Nachdenken von Neuem“, so die heute 70-Jährige, die bis Frühjahr 2025 dem Bundestag angehört.
Renate Künast: „Diese Entdeckung bewegt mich emotional“
Sie setzte ihre Suche fort und fand auch den älteren Bruder ihres Vaters, der 1937 der Partei beitrat. „Diese Erkenntnis berührt mich emotional, ich spreche darüber mit meinem Mann und Freunden“, erklärte Künast. „Nach dem Krieg herrschte auch in unserer Familie, wie in vielen anderen, ein Schweigekartell“, ergänzte die Grünen-Politikerin.
Der „Spiegel“ hatte nach der Veröffentlichung seines Suchtools mehrere Politikerinnen und Politiker befragt, ob sie sich mit der NS-Vergangenheit ihrer Familien auseinandersetzen.
Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach teilte dem „Spiegel“ mit: „Ich habe die Daten meiner Großeltern überprüft und war erleichtert, dass die Überlieferungen stimmen: Keiner meiner Großeltern war Mitglied der NSDAP.“
Lauterbach entdeckt Großonkel in NSDAP-Kartei
Allerdings fand er auch seinen Großonkel in der Karteikarte. „Er war der Bruder meiner Großmutter und trat bereits im Mai 1932 in die NSDAP ein“, sagte Lauterbach, der heute als SPD-Bundestagsabgeordneter tätig ist. Nach dem Krieg wurde sein Großonkel entnazifiziert und machte in Wuppertal Karriere bei der Polizei. „Er war ein überzeugter Nationalsozialist“, so Lauterbach über seinen Großonkel.
Der Bundestagsvizepräsident und ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) äußerte gegenüber dem „Spiegel“: „Ich halte die nun entstehende Transparenz bezüglich der NSDAP-Mitgliedsakten für wichtig. Nicht, um nachträgliche Verurteilungen zu ermöglichen, sondern um Erinnerung zu bewahren und sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.“
Ramelow wusste bereits vor der Freigabe der Akten, dass „mein Großvater ein frühes NSDAP-Mitglied war und meine Mutter früh dem Bund Deutscher Mädel angehörte“. Der Linken-Politiker ergänzte: „Ich habe die Geschichte meiner Familie stets offen thematisiert, da sie auch meine persönlichen Brüche erklärt.“