Reisners Perspektive an der Front: „KI markiert einen Wendepunkt im Krieg“
Markus Reisner: Wenn eine Vielzahl anfliegender Langstreckendrohnen gleichzeitig auftritt, gerät das regional verfügbare russische Fliegerabwehrsystem an seine Grenzen. Die Russen haben dann Schwierigkeiten zu entscheiden, welche Ziele priorisiert abgeschossen werden müssen und ob sie überhaupt alle eliminieren können. Der wesentliche Unterschied zu den vergangenen Jahren: Dank der Unterstützung der Europäischen Union gelingt es der Ukraine mittlerweile, eine kritische Anzahl von Drohnen herzustellen, die täglich zum Einsatz kommen. Dies zeigt sich auch in gezielten Luftoperationen, wie zuletzt vor einer Woche, als über 1200 Drohnen über mehrere Tage hinweg in Richtung Sankt Petersburg flogen. Zwischen 70 und 90 Prozent werden von den Russen abgefangen, doch jene, die durchkommen, erreichen ihre Ziele.
Spielt Künstliche Intelligenz dabei bereits eine Rolle?
Eine sehr bedeutende, und zwar auf beiden Seiten. Betrachten wir zunächst die Ukraine: Auf operativer Ebene, also an der Frontlinie, beobachten wir seit einigen Wochen, dass ukrainische Mittelstreckendrohnen mithilfe von KI in der Lage sind, russische Störsysteme im elektromagnetischen Spektrum zu durchdringen. Außerdem erkennen sie Ziele eigenständig und greifen diese gezielt an. Diese Fähigkeit, kombiniert mit dem Einsatz hunderter Drohnen, setzt die russische Nachschublinie im Süden und in Richtung der Halbinsel Krim massiv unter Druck.
Bedeutet das, dass das Jammen, also das Stören gegnerischer Drohnen mittels Störsender, an Bedeutung verliert? Die Russen waren darin ja früher recht erfahren.
Ganz richtig. Im Jahr 2022 setzten die Russen solche Mittel kaum ein, doch ab 2023 brachten sie zahlreiche elektronische Kampfführungssysteme an die Front. Das erschwerte der Ukraine den Drohneneinsatz erheblich. Auf taktischer Ebene entstand so ein Katz-und-Maus-Spiel, woraufhin vor etwa einem Jahr beide Seiten begannen, Drohnen mit Glasfaserverbindungen zu verwenden, um Störungen zu umgehen. Glasfaserkabel kommen vor allem taktisch zum Einsatz. Die KI hingegen verschiebt das Kräfteverhältnis auf operativer Ebene erneut zugunsten der Ukraine.
War diese Entwicklung vorhersehbar?
In Fachkreisen wurde in den letzten Jahren regelmäßig alle sechs bis zwölf Monate diskutiert, welcher technologische Fortschritt wohl als nächstes den Krieg prägen würde. Die verbreitete Ansicht, auch meine, war, dass der nächste Schritt darin besteht, dass KI Drohnen vollautonom steuert – also ohne menschliches Eingreifen. Es gibt dann keine Verbindung mehr, keinen Up- oder Downlink. Die Drohne wird vom Menschen programmiert, erhält einen Auftrag und fliegt in einen definierten Bereich. Ab einem bestimmten Punkt führt sie ihre Mission eigenständig aus. Genau das sehen wir nun, wenn die Ukraine versucht, die russische Versorgung auf der Krim und im Süden zu unterbrechen. Hier jagen vollautonome Drohnen russische Nachschub-LKW.
Wie wirkt sich KI auf strategischer Ebene aus, etwa bei Angriffen wie der Kampagne auf Sankt Petersburg?
Die Ukraine setzt mittlerweile großflächig auf Anbieter wie das US-Unternehmen Palantir. Deren Softwarelösungen Maven und Prisma ermöglichen es, Angriffe äußerst präzise zu planen und durchzuführen. Schon in der Vorbereitungsphase analysiert die KI Satellitenbilder und identifiziert potenzielle Ziele, erkennt kleine Veränderungen und Bewegungen, etwa die Platzierung eines Flugabwehrsystems. Die KI markiert diese Objekte und schlägt sie als Angriffspunkte vor, die dann vom Menschen bestätigt werden, der einer Drohne das Ziel zuweist.
Doch nicht alles, was wie ein scharfes Abwehrsystem aussieht, ist tatsächlich eines.
Genau das erkennt die KI. Nehmen wir als Beispiel Flugabwehrgeschütze auf Hochhäusern in Moskau. Nur weil sie sichtbar sind, heißt das nicht, dass es sich um echte Systeme handelt; es könnte auch eine Attrappe sein. Die ersten Drohnen werden ausgesandt, um das zu testen. Um diese zu orten und abzuschießen, müssen die Abwehrsysteme kurz ihren Radar aktivieren und so die Drohne erfassen. Dieses kurze Signal erkennt die ukrainische KI über die als Köder eingesetzte Drohne. Die einfliegende Drohne kann dann entweder sofort das System angreifen und so den Weg für einen nachfolgenden Drohnenschwarm freimachen oder ausweichen und außerhalb der Reichweite des Abwehrsystems vorbeifliegen. So entstehen Flugrouten, die es nachfolgenden Drohnen erlauben, die russische Verteidigung zu umgehen.
Könnte die Drohne, die das Flugabwehrsystem angreift, nicht auch selbst vom System abgeschossen werden?
Das ist möglich. Wenn jedoch nicht nur eine, sondern zehn Drohnen gleichzeitig angreifen, wird das einzelne Flugabwehrsystem überlastet und lässt einige Drohnen durch. Diese Fähigkeit, die russische Fliegerabwehr mit Hilfe von KI zu umgehen oder gezielt anzugreifen, hat in den letzten Wochen so stark zugenommen, dass der Ukraine-Krieg eine neue technologische Phase erreicht. Eine Phase, in der KI ein zentrales Werkzeug im Angriffs- und Verteidigungssystem der Ukraine ist, um sich gegen die russischen Angriffe zu behaupten. Gleichzeitig erkennt die KI, welche russischen Drohnen, Marschflugkörper und Raketen tatsächlich eine Bedrohung darstellen. Anhand der Flugbahnen berechnet sie, welche Ziele getroffen werden und welche im freien Gelände landen. Nur die wirklichen Bedrohungen werden abgefangen, was Munition schont. Das ist anspruchsvoll, da die Russen oft mit mehreren Waffen gleichzeitig angreifen.
Lässt sich abschätzen, wie viel Zeit der Ukraine noch bleibt, bis Russland technologisch aufholt? Russland arbeitet ja mit Hochdruck an eigenen KI-Lösungen.
Das ist tatsächlich die entscheidende Frage. Wir erleben gerade einen evolutionären Schritt im Krieg. Durch die Kooperation mit Palantir hat die Ukraine derzeit die Nase vorn. In der Vergangenheit benötigte die Gegenseite etwa sechs bis zwölf Monate, um technologische Rückstände aufzuholen. Wenn wir die Situation aus einer höheren Perspektive betrachten, können wir Muster und Trends erkennen.
Bitte fahren Sie fort.
Wenn die Russen nicht schnell auf die ukrainische KI reagieren, wird es ihnen schwerfallen, in der Sommeroffensive Fortschritte zu erzielen. Stattdessen werden sie auf operativer Ebene in die Defensive gedrängt. Zudem wird die russische Wirtschaft durch gezielte Angriffe auf die Erdölindustrie weiter leiden. Putin ist sich bewusst, dass ihm nur noch begrenzt Zeit bleibt – vielleicht ein halbes Jahr. Die Ukraine steht vor einer ähnlichen Herausforderung.
Steht ihnen dann der nächste harte Winter bevor?
Die Russen werden spätestens im Winter erneut die kritische Infrastruktur der Ukraine angreifen. Sie produzieren konstant bis zu 130 ballistische Raketen pro Monat, hinzu kommen Drohnen und Marschflugkörper. Für dieses Jahr planen sie den Bau von 130.000 Geran-2-Drohnen, nach 70.000 im letzten Jahr. Der Ukraine drohen also im Herbst und Winter weitere Luftangriffe, während die Fliegerabwehrsysteme und -raketen knapp bleiben. Auch hier existiert somit nur ein begrenztes Zeitfenster. Beide Seiten senden inzwischen Signale, dass der Krieg Ende des Jahres eingefroren oder sogar beendet werden könnte. Putin hat das mehrfach angedeutet, und auch Wolodymyr Selenskyj lässt in diese Richtung interpretieren. Beide wissen: Die Zeit läuft ihnen davon.
Glauben Sie, dass US-Präsident Donald Trump bei den Geschäftsbeziehungen zwischen Palantir und der Ukraine eine Rolle spielt?
Wenn man genau hinsieht, erkennt man an scheinbar trivialen Dingen wie dem Bau des neuen Ballsaals im Weißen Haus, wie eng die Verbindungen zwischen der US-Regierung und privaten Investoren sind. Diese spenden großzügig für den Bau und erhalten im Gegenzug staatliche Aufträge – etwa Lockheed Martin aus der Rüstungsindustrie oder Unternehmen wie Palantir. Ich spekuliere: Es könnte sein, dass ein ungeduldiger Trump den sogenannten Tech-Bros signalisiert hat, jetzt seid ihr gefragt. Probiert aus, was ihr leisten könnt. Das erscheint mir plausibel. Elon Musk und Trump sind beispielsweise wieder befreundet, und Alex Karp, der CEO von Palantir, teilt mit Trump sicherheitspolitische Interessen.
Und die Ukrainer entwickeln vermutlich auch eigene Systeme, um Palantir langfristig zu ersetzen, oder?
Ohne Zweifel. Palantir wird es nicht zulassen, dass die Ukraine selbst wesentliche Softwareänderungen vornimmt. Gleichzeitig lernt Palantir natürlich von den Erfahrungen der Ukraine. Das Unternehmen kann Erkenntnisse vom realen Schlachtfeld in der Ukraine gewinnen, das auch als Testfeld für eine mögliche künftige Konfrontation mit China dient. So können Technologien erprobt werden, die später in den US-Streitkräften eingeführt werden. Die USA zeigen damit auch China ihre Fähigkeiten – in der Hoffnung, einen Krieg um Taiwan zu verhindern.
Das Gespräch führte Frauke Niemeyer mit Markus Reisner