Entlassener Verteidigungsminister Fedorow entwickelt sich zum Herausforderer von Selenskyj
Präsident Selenskyj strebt eine Wiederwahl an. Obwohl der Krieg noch andauert, bereiten sich bereits Rivalen für die zukünftigen Wahlen vor. Zu diesen Kandidaten zählt nun auch der entlassene Verteidigungsminister, der bis vor Kurzem als einer der engsten Vertrauten Selenskyjs galt.
Der 35-jährige Mychajlo Fedorow, der vor Kurzem von seinem Amt als Verteidigungsminister entbunden wurde und dieses nur sechs Monate innehatte, wird in der Ukraine häufig als politischer Schützling von Wolodymyr Selenskyj bezeichnet – und das nicht ohne Grund. Nach mehr als sieben Jahren im politischen Dienst war Fedorow, der zuvor erfolgreich das Digitalministerium leitete, der einzige enge Weggefährte Selenskyjs, der ihn seit Beginn seiner Amtszeit durchgehend unterstützte. Im Jahr 2019 führte der junge IT-Experte aus dem mittlerweile teilweise besetzten südukrainischen Gebiet Saporischschja den digitalen Wahlkampf für Selenskyj. Bis zu seiner Entlassung war er zudem der einzige Minister im ukrainischen Kabinett, der seitdem ununterbrochen im Amt war.
Die besondere Bindung zwischen Selenskyj und Fedorow zeigte sich gerade nach dessen Entlassung, die landesweit zu Protesten in Kiew und anderen Städten führte. Während der Präsident seinen langjährigen Kindheitsfreund Iwan Bakanow, den Leiter des Inlandsgeheimdienstes SBU, rigoros entließ, verbrachte er einen großen Teil der letzten Tage im intensiven Austausch mit dem ehemaligen Verteidigungsminister. Ein Gespräch soll dabei sogar bis zu sechs Stunden gedauert haben – eine Gesprächsdauer, die Selenskyj in seinem Präsidentenbüro bislang mit kaum jemandem, auch nicht mit amtierenden Regierungsmitgliedern, geführt hat.
Obwohl sich das Verhältnis zwischen Selenskyj und Fedorow in den vergangenen Monaten merklich abgekühlt hat, zeigte Fedorow bei seiner Pressekonferenz nach der Entlassung noch immer Sympathie für den Präsidenten, während er die Führung der Armee scharf kritisierte. Tatsächlich verdankt der 35-Jährige Selenskyj einen Großteil seiner politischen Laufbahn. Fedorows Vorzeigeprojekt im Digitalministerium war die App Dija („Aktion“), mit der Ukrainer staatliche Leistungen einfach per Smartphone abrufen können. Diese Anwendung ist jedoch stark auf die Datenbanken des Innenministeriums angewiesen, das damals von dem politischen Schwergewicht Arsen Awakow geleitet wurde. In Kiew gilt es als sicher, dass Awakow nur auf direkten Wunsch Selenskyjs mitwirkte.
Die Unterstützung Selenskyjs verschaffte Fedorow über die Jahre erheblichen Einfluss; Ende 2025 trug er am Rande von Antikorruptionsermittlungen zur Entlassung des Leiters des Präsidialamtes, Andrij Jermak, bei. Sein Einfluss beruhte aber auch auf seiner Kompetenz als einer der talentiertesten Manager im Umfeld Selenskyjs. Deshalb wird in Kiew berichtet, dass das Präsidentenbüro versuchte, Fedorow zum Amt des Vizeregierungschefs für Kriegstechnologien zu bewegen – auch nachdem dieser abgelehnt hatte. Fedorow selbst machte jedoch deutlich, dass er ausschließlich ins Verteidigungsministerium zurückkehren wolle.
Rückkehr ins Verteidigungsministerium für Fedorow ausgeschlossen
Wegen des tiefgreifenden strukturellen Konflikts zwischen dem Verteidigungsministerium und der Armeeführung sowie des persönlichen Zerwürfnisses zwischen Fedorow und dem ebenfalls entlassenen Ex-Armeechef Oleksandr Syrskyj ist eine Rückkehr Fedorows in sein früheres Amt politisch nicht durchsetzbar. Zudem würde dies Selenskyj schwach erscheinen lassen. Bereits auf Forderungen ukrainischer Demonstranten reagierte der Präsident mit der Entlassung Syrskyjs. Mychajlo Drapatyj wurde daraufhin als Nachfolger ernannt – ebenfalls eine Entscheidung, die auf den Druck der Protestierenden zurückzuführen ist. Fedorows Weigerung, eine andere Position als die des Verteidigungsministers anzunehmen, ist nachvollziehbar, da er nur in diesem Amt über vergleichbar großen Einfluss verfügt.
Die Proteste derjenigen, die Fedorow zurück ins Amt bringen wollen, werden daher in den kommenden Tagen fortgesetzt. Selenskyj kann diesen Demonstrationen jedoch gelassen entgegensehen. Die Mehrheit der Demonstranten gehört zur politisch aktiven Zivilgesellschaft, die Selenskyj schon 2019 wie auch 2026 ablehnte. Diese Wählergruppe wird Selenskyj wohl auch bei möglichen zukünftigen Wahlen, sofern diese angesichts der Lage überhaupt stattfinden können, kaum für sich gewinnen.
Erste Umfragen, die die jüngsten Ereignisse berücksichtigen, offenbaren jedoch neue Herausforderungen für Selenskyj nach dem Krieg. Fedorows steigende Beliebtheit macht ihn zu einem ernstzunehmenden Rivalen. Im Umfeld Selenskyjs ist kaum ein Geheimnis daraus gemacht worden, dass der Präsident eine zweite Amtszeit anstrebt, sofern es die Umstände zulassen. Zwar war Fedorow schon immer in Teilen der Bevölkerung beliebt, doch vor seinem Wechsel ins Verteidigungsministerium kannten ihn etwa 60 Prozent der Ukrainer nicht. Laut der renommierten Rating Group, die am 20. und 21. Juli eine Umfrage durchführte, galt dies Anfang Juli noch für 45 Prozent.
Fedorow erreicht Platz drei in der Sonntagsfrage
Während der aktuellen Krise sind Fedorows Vertrauenswerte von 35 auf 65 Prozent gestiegen, obwohl 18 Prozent der 35-Jährigen ihn weiterhin nicht kennen. Selenskyj genießt das Vertrauen von 59 Prozent. Diese Zahlen sind zwar kein Grund zur Panik, da der Präsident in den Kriegsjahren mehrere Krisen überstanden hat und sein Vertrauenswert in den letzten zwei Jahren stabil bei rund 60 Prozent lag.
Dennoch wächst Fedorows Popularität weiter: Er erreichte aus dem Stand den dritten Platz in der Sonntagsfrage. Selenskyj käme im ersten Wahlgang auf 22,3 Prozent, Fedorow folgt mit 13,4 Prozent knapp hinter dem beliebten Ex-Befehlshaber Walerij Saluschnyj (14,9 Prozent) und vor dem ebenfalls geschätzten früheren Chef des Militärgeheimdienstes HUR, Kyrylo Budanow (7,2 Prozent). Aus den Umfragen geht hervor, dass Fedorow vor allem unter früheren Selenskyj-Unterstützern an Vertrauen gewinnt. Der sich als Reformer präsentierende Fedorow spricht die Zivilgesellschaft stärker an als Selenskyj. Seine potenzielle Wählerbasis ist der durchschnittliche ukrainische Bürger.
Der bekannte ukrainische Politologe Wolodymyr Fessenko, Vorsitzender des Zentrums für angewandte politische Forschung Penta, warnt davor, den aktuellen Umfragewerten am Rande einer emotionalen Hochphase rund um die Krise und die Proteste zu viel Gewicht beizumessen. Er weist zudem darauf hin, dass Selenskyjs Vertrauenswerte im Kontext betrachtet werden müssen, dass 72 Prozent der Bevölkerung die Entlassung Fedorows nicht unterstützten. „Das bedeutet, viele Menschen verurteilen zwar den Rauswurf des Ministers, vertrauen aber dennoch dem Präsidenten, der ihn entließ“, erklärt Fessenko. Dennoch zeichnet sich auf der politischen Bühne der Ukraine ein neuer möglicher Star ab, was zukünftige Kooperationen zwischen Selenskyj und Fedorow erheblich erschweren dürfte.