Reisners Einschätzung zur Front: „Ziel ist es, einen Keil in die besetzten Gebiete zu treiben“
Kiew sieht sich erneut heftigen Luftangriffen ausgesetzt. Oberst Markus Reisner führt dies unter anderem auf Russlands weiterhin steigende Produktionskapazitäten zurück. Trotzdem gerät Putins Armee zunehmend unter Druck.
Markus Reisner: Eine Befriedung liegt nicht im Interesse des Kremls. Zum einen muss Moskau mit einem fallenden Ölpreis rechnen. Aktuell liegt der Brent-Ölpreis bei etwa 80 US-Dollar pro Barrel, während er zuvor bis zu 120 US-Dollar erreichte. In dieser Zeit generierten Russlands Erdölexporte erhebliche Einnahmen für Putins Kriegskasse. Die hohen globalen Preise konnten sogar die durch ukrainische Luftangriffe verursachten Produktionsausfälle kompensieren. Zum anderen hatte sich US-Präsident Donald Trump über Monate hinweg weitgehend vom Ukraine-Krieg distanziert. Ein Abkommen mit dem Iran könnte die US-Regierung jedoch wieder dazu bewegen, den Druck auf Russland zu erhöhen. Hinzu kommt die Problematik der Flugabwehr.
Warum ist das so?
Die Ukraine benötigt dringend mehr einsatzfähige Flugabwehrsysteme, insbesondere Munition der Typen PAC-2 und PAC-3 für die Patriot-Systeme. Viele dieser Abwehrraketen wurden von den USA und ihren Verbündeten am Golf im Konflikt mit dem Iran verbraucht. Nach einem Friedensschluss könnten verbleibende Raketen und Systeme an die Ukraine weitergeleitet werden.
Benötigt Russland den Iran als Technologie- und Öllieferanten?
Das trifft zu. Der Iran sucht derzeit nach neuen Abnehmern und Lieferketten. Großflächige Pipelines, um Öl über Land nach China oder Russland zu transportieren, existieren noch nicht. Dennoch gibt es Möglichkeiten, und Russland leidet momentan unter gewissen Engpässen.
Aus Kiew erreichten uns heute Morgen Aufnahmen vom brennenden und offenbar teilweise zerstörten Höhlenkloster. Wie ist dieser Vorfall einzuschätzen?
Putin hat angekündigt, die Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur zu intensivieren, um künftige Angriffe auf Russland zu verhindern. Bereits im Juni kam es zu zwei schweren Luftangriffen, in den Nächten zum 2. und zum 15. Juni. Die Auswirkungen sind gravierend, da ein Teil der Marschflugkörper und ballistischen Raketen direkt in Kiew einschlägt.
Hat Russland das bekannte Höhlenkloster getroffen?
Um die Informationshoheit wird heftig gestritten: Kiew spricht von einem gezielten Angriff russischer Streitkräfte, während Moskau in sozialen Netzwerken behauptet, eine fehlgeleitete PAC-3-Flugabwehrrakete sei verantwortlich. Dabei darf nicht vergessen werden: Russland ist der Auslöser des gesamten Geschehens durch seinen Angriff auf Kiew.
Moskau behauptet, es handele sich um eine abgelaufene Patriot-Rakete. Wie glaubwürdig ist diese Behauptung kurz nach dem Angriff?
Es stellt sich die Frage, wie Russland so rasch zu einer derart konkreten Aussage gelangen konnte. Unabhängige Analysen anhand von Trümmerteilen und Satellitenbildern werden das Geschehen aufklären. Das Ergebnis bleibt abzuwarten.
Haben Flugabwehrraketen ein Verfallsdatum?
Für einen sicheren Einsatz verfügen Flugabwehrraketen über eine begrenzte Nutzungsdauer, nach deren Ablauf eine technische Überprüfung erforderlich ist. Ist alles in Ordnung, bleiben sie einsatzfähig. Ich gehe davon aus, dass die Ukraine trotz aller Engpässe diese Kontrollen einhält. Allerdings beobachten wir auf beiden Seiten immer wieder, dass die Abwehr feindlicher Geschosse unbeabsichtigte Schäden am Boden verursachen kann. So zeigte ein Video vom russischen Luftangriff am 2. Juni, wie eine Patriot-Rakete einen russischen Marschflugkörper traf, der daraufhin ins Taumeln geriet und in ein ziviles Gebäude einschlug, das ursprünglich nicht das Ziel war.
Wie gestaltet sich das Kräfteverhältnis zwischen ukrainischer Flugabwehr und russischer Produktion neuer Angriffswaffen?
Die auf iranischer Technologie basierenden russischen Geran-2- und Geran-5-Drohnen werden bei Großangriffen in großer Stückzahl eingesetzt. Nachdem Russland im vergangenen Jahr rund 70.000 dieser Drohnen hergestellt hatte, soll die Produktion 2024 auf etwa 130.000 steigen. Dazu kommen monatlich etwa 130 Marschflugkörper und Raketen sowie Spezialwaffensysteme wie die Mittelstreckenrakete Oreschnik, von der Russland etwa zehn pro Monat produziert. Diese enorme Menge muss die Ukraine abfangen. Trotz Abschussraten von 80 bis 90 Prozent bei Geran-Drohnen treffen weiterhin bedeutende Mengen auf ukrainischem Gebiet ein. Besonders die ballistischen Raketen und Marschflugkörper mit ihren größeren Sprengköpfen gelangen zu oft durch.
Beeinflussen die ukrainischen Angriffe tief im russischen Hinterland die Produktion von Drohnen und Raketen kaum?
Russland schafft es weiterhin, seine Produktionskapazitäten für schwer abzuwehrende Raketen auszubauen. 2023 wurden in der Ukraine insgesamt 74 ballistische Raketen registriert, 2025 sind es bereits 600, allein im ersten Halbjahr 400 russische Marschflugkörper. Möglicherweise produziert Russland in diesem Jahr mehr Marschflugkörper und Raketen als die USA PAC-3-Abwehrraketen herstellen. Die Gesamtzahl könnte bis zu 900 Stück erreichen.
Ist Russlands Produktionszuwachs ohne Chinas Unterstützung erklärbar?
Nein. Ein weiteres Beispiel ist die glasfasergesteuerte Drohne, die taktisch und technisch eine wichtige Rolle spielt und von beiden Seiten genutzt wird. China liefert etwa 60.000 bis 70.000 Glasfaser-Spulen pro Monat sowie die Maschinen zur Herstellung dieser Spulen. Das macht einen erheblichen Unterschied. Traurigerweise finden sich bei Analysen der Bauteile von eingeschlagenen Marschflugkörpern und ballistischen Raketen häufig Komponenten westlicher Produktion. Trotz Sanktionen erhält Russland weiterhin wichtige Bauteile.
Kurzer Themenwechsel: Mit mittlere Reichweite umfassenden Drohnen schränkt die Ukraine erfolgreich die russische Logistik in den besetzten Gebieten ein, insbesondere auf der Krim sowie in den besetzten Regionen nordwestlich und nordöstlich der Halbinsel. Wird ein ukrainischer Gegenangriff dadurch wahrscheinlicher?
Das vorrangige Ziel der ukrainischen Luftkampagne ist es, die Erzählung des Kremls zu durchbrechen, wonach der Krieg weit entfernt stattfindet. Die Bewohner von Moskau und St. Petersburg erleben derzeit, wie nahe der Krieg sein kann. Zweitens soll die Treibstoffversorgung eingeschränkt werden. Drittens versucht die Ukraine erneut, das umzusetzen, was sie bereits bei ihrer gescheiterten Sommeroffensive 2023 versuchte.
Was genau?
Es geht darum, einen Keil in die besetzten Gebiete zu treiben, um die Versorgung der Krim und der besetzten Gebiete nordwestlich der Halbinsel zu unterbrechen. Die Brücke von Kertsch ist durch ukrainische Angriffe nur eingeschränkt nutzbar. Daher ist Russland für seine Logistik auf Straßen und Eisenbahnstrecken durch die besetzten Gebiete entlang des Asowschen Meeres angewiesen. Diese Infrastruktur steht nun unter Drohnenbeschuss. Besonders Engstellen wie bei Tschonhar werden gezielt angegriffen. Die Russen haben zwar Pontonbrücken errichtet, doch auch diese sind Angriffen ausgesetzt.
Was passiert, falls Russland die besetzten Gebiete nördlich und nordwestlich der Krim nicht mehr versorgen kann?
Die Ukraine könnte versuchen, mit amphibischen Kräften in den besetzten Gebieten nordwestlich der Krim zu landen. Bisher blieben solche Versuche erfolglos, doch die russischen Truppen geraten zunehmend in Versorgungsschwierigkeiten. Für die Ukraine wäre eine erfolgreiche Landung jenseits des Dnipro vor allem ein medialer Erfolg, der internationale Aufmerksamkeit und zusätzliche Unterstützung bringen könnte.
Im Donbass zeigt sich kein Nachgeben Russlands. Läuft die russische Sommeroffensive auf Hochtouren?
Ja, das zeigt sich vor allem in den umkämpften Bereichen entlang des ukrainischen Verteidigungsgürtels von Kostjantyniwka über Kramatorsk bis Slowjansk. Die Kämpfe um Kostjantyniwka sind besonders intensiv. Russland behauptet, mindestens 60 Prozent der Stadt kontrollieren zu können. Die Ukrainer widersprechen, doch auch in ukrainischen sozialen Medien wird die Lage als äußerst schwierig beschrieben. Russlands Elite-Drohneneinheit Rubikon setzt die ukrainische Logistik massiv unter Druck, was die Versorgung der in Kostjantyniwka kämpfenden ukrainischen Truppen erschwert. Russland will in diesem Sommer spürbar vorankommen und die südliche Zange des Frontabschnitts weiter schließen. Die nördliche Zange am Verteidigungsgürtel bei Lyman konnte die Ukraine durch begrenzte Gegenangriffe zurückdrängen. Dennoch bringt Russland neue Kräfte heran und versucht, südwärts in Richtung Slawjansk vorzurücken. Es wird ein heißer Sommer.
Das Gespräch mit Markus Reisner führte Sebastian Huld