Reisners Einschätzung zur Front: „Der Krieg hat Russland jetzt endgültig erreicht“
Als Reaktion auf den Angriff auf Kiew setzt die Ukraine mit Drohnenangriffen auf Moskau ein deutliches Zeichen. Oberst Reisner sieht die russische Führung dadurch zunehmend unter Druck.
Markus Reisner: Die ukrainische Gegenwehr mit dem Drohnenangriff auf Moskau nach dem Angriff auf Kiew stellt eine neue Dimension dar, die wir so bisher nicht beobachten konnten. Die russische Führung steht nun vor der Herausforderung, diese Entwicklung zu erklären. Sie betont, viele Drohnen abgefangen zu haben, und behauptet, die Ukraine stehe vor großen Schwierigkeiten und das sei nur ein letztes Aufbäumen. Diese Einschätzung teile ich allerdings nicht.
Sie haben das Drohnen-Kräfteverhältnis meist mit 3:1 zugunsten Russlands beschrieben. Gibt es hier Veränderungen?
Täglich starten etwa 150 bis 200 Drohnenangriffe von russischer Seite – das darf man nicht außer Acht lassen. Alle zehn Tage erfolgen zudem größere Angriffe mit bis zu 750 Drohnen, ergänzt durch Marschflugkörper und Raketen. Dennoch gelingt es der Ukraine punktuell zurückzuschlagen, wie die Angriffe auf Moskau eindrucksvoll zeigen.
Beim Angriff auf Moskau wurde ein Wohnhaus getroffen. War das ein Versehen oder signalisiert das eine neue Strategie, auch zivile Ziele anzugreifen?
Höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen Unfall. Über große Distanzen präzise zu treffen, ist äußerst schwierig – für beide Seiten. Drohnen, die von der Flugabwehr getroffen, aber nicht sofort zerstört werden, können in zivile Gebäude stürzen. Zudem ist die Flugbahn einer Drohne auf langen Strecken, besonders im Endanflug, schwer exakt zu kalkulieren. So kann es leicht passieren, dass eine Drohne in einem Hochhaus einschlägt – speziell in einer Stadt wie Moskau mit vielen Hochhäusern. Dieses Problem besteht in der Ukraine seit Jahren und wurde kürzlich auch im Nahen Osten beobachtet.
Wie beurteilen Sie die Wirkung der ukrainischen Drohnenangriffe?
Russland bemüht sich intensiv, sein Narrativ aufrechtzuerhalten: Der Krieg wird weiterhin als „Spezialoperation“ dargestellt, die nur weit entfernt in der Ukraine stattfindet, nicht aber auf russischem Boden. Dieses Bild gerät ins Wanken, sobald Drohnen in Moskau einschlagen. Das zeigen auch zahlreiche Videos in russischen sozialen Netzwerken, in denen verunsicherte Bürger von Angriffen berichten. Das verdeutlicht: Der Krieg hat Russland nun tatsächlich erreicht.
Es gab Spekulationen, dass deutsche Waffen an dem Angriff auf Moskau beteiligt waren. Was sagen Sie dazu?
Es ist bekannt, dass die Langstreckendrohnen der Ukraine mit Unterstützung europäischer Partner gefertigt werden. Das wurde mehrfach öffentlich bestätigt. Die Auswirkungen sind spürbar: Russland veröffentlichte kürzlich eine Liste ausgewählter europäischer, darunter auch deutscher Firmen, die sie als legitime Ziele ansehen. Der Anstieg hybrider Angriffe in Europa ist eine direkte Folge dieser Entwicklungen.
Russland testete kürzlich die Sarmat-Atomrakete. Ist das eine typische nukleare Drohgebärde?
Genau. Solche Drohungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die vergangenen Jahre. 2022 schätzten US-Geheimdienste die Wahrscheinlichkeit eines russischen Atomangriffs auf 50 Prozent ein, was zu intensiven Verhandlungen führte, um dies zu verhindern. Auch danach hat Russland immer wieder mit seiner Nuklearwaffen-Drohung gespielt, vor allem wenn es um die Lieferung weitreichender westlicher Waffen ging.
Russland soll seine Atom-U-Boote im Fernen Osten unter Drohnen-Abwehrnetzen versteckt haben, tausende Kilometer von der Ukraine entfernt. Was bedeutet das?
Kürzlich wurde ein bemerkenswerter Drohnenangriff auf eine russische Marinebasis im Kaspischen Meer in Dagestan beobachtet – ebenfalls weit entfernt von der Ukraine. Diese Kamikaze-Drohnen feuerten vor dem Einschlag sogar noch Raketen ab. Das zeigt, dass die Ukraine in der Lage ist, Ziele tief im russischen Gebiet anzugreifen. Die Russen reagieren darauf, indem sie beispielsweise ihre Atom-U-Boote mit Drohnenabwehrnetzen schützen. Russland hat erkannt, dass es überall verwundbar ist, selbst im Fernen Osten.
Bei einem Nato-Manöver in Schweden haben ukrainische Drohnenpiloten westlichen Truppen gezeigt, wie effizient sie sind, indem sie mehrere Einheiten schnell ausschalteten. Muss man da nicht fragen, wer hier eigentlich wem hilft?
Absolut richtig. Kürzlich bezeichnete der Chef eines deutschen Rüstungskonzerns die ukrainischen Drohnen als Plastikspielzeuge, die von Hausfrauen im Keller gebaut würden. Diese Überheblichkeit ist völlig fehl am Platz und entspricht nicht der Realität. Viele sprechen von einer Revolution in der Kriegsführung. Es ist heute möglich, mit kostengünstiger Hochtechnologie Waffen zu entwickeln, die tausende Kilometer entfernt wirken. Die Nato ist auf Drohnenkriege nicht ausreichend vorbereitet – das haben inzwischen drei Übungen deutlich gezeigt.
Die Ukraine stoppte mit massivem Drohneneinsatz die russische Frühjahrsoffensive. Können die Russen dennoch Geländegewinne verbuchen?
Man kann weiterhin von einer Pattsituation sprechen. Die russische Frühjahrsoffensive begann Mitte März. Nach ersten Erfolgen mit einigen Geländegewinnen konnten die Ukrainer sich neu formieren und Gebiete zurückerobern, etwa bei Kupjansk. Im Bereich zwischen Kostjantyniwka und Slowjansk gelingt den Russen punktuell ein Vorstoß, während die Ukrainer im südlichen Frontabschnitt Land zurückgewinnen. Für beide Seiten bleibt das Vorrücken schwierig.
Im April hat die Ukraine mehr Gebiet zurückerobert, als sie verloren hat. Ist das eine Trendwende?
Es ist noch zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. Doch die Ukrainer haben sich nach dem harten Winter so gut aufgestellt, dass die russische Frühjahrsoffensive bereits gescheitert ist – ein bemerkenswerter Erfolg. Ein russisches Vorankommen ist derzeit nicht erkennbar. Die Verluste an russischen Soldaten übersteigen inzwischen den Nachschub, was den Krieg für Russland teilweise unkontrollierbar macht. Auch die Ukraine hat Schwierigkeiten, neue Soldaten aufzustellen, was kürzlich vom Leiter des Präsidialamtes, Kyryl Budanov, eingeräumt wurde.
Klingt das nach einer Möglichkeit für Frieden?
Russland könnte noch mobilisieren, doch ohne wirksame Mittel gegen das gläserne Gefechtsfeld würden erneut Tausende Soldaten verloren gehen. Die Frage ist, welchen Sinn das hätte. Ich glaube, auch Russland erkennt, dass ein neuer Ansatz notwendig ist oder dass die Front eingefroren werden muss. Selbst Putin äußerte kürzlich, dass sich der Krieg möglicherweise seinem Ende nähert – eine Aussage, die es in dieser Form bislang nicht gab. Fakt ist: Russland ist weit davon entfernt, seine Kriegsziele zu erreichen.
US-Präsident Donald Trump hat kürzlich Präsident Xi Jinping in China besucht. Welche Erkenntnisse gab es zu Ukraine und Frieden?
Wir wissen nicht, was hinter den Kulissen besprochen wurde. Fakt ist, der Konflikt in der Ukraine ist nur möglich, weil beide Seiten von externen Partnern unterstützt werden: Russland durch China, Indien und Nordkorea, die Ukraine durch die USA und Europa. Ohne diese Hilfe würden beide Seiten erschöpfen. Das lässt hoffen, dass eine Lösung des Konflikts möglich ist. Wann genau das passiert, ist jedoch ungewiss.