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Berlin Tag & Macht: Norbert Blüms Rentenversprechen – Was ist geblieben?

Berlin Tag & Macht: Was von Norbert Blüms Rentenversprechen übrigblieb

Die Bundesregierung arbeitet an der Rentenreform, Markus Lanz diskutiert mit Philipp Türmer, und Friedrich Merz rückt das Thema Generationengerechtigkeit in den Fokus. Vierzig Jahre nach Norbert Blüms bekanntem Satz bleibt die Frage: Was davon war damals tatsächlich sicher?

Willkommen im politischen Scheinwerferlicht des Regierungsviertels. Der aktuelle Blockbuster trägt den Titel: Rentendämmerung in Deutschland. Eine bewegende Erzählung über Hoffnungen, Zukunftsängste und eine Gesellschaft zwischen Exportweltmeister-Glanz und drohendem Haushaltskollaps. Als Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm im April 1986 die Kampagne „Denn eins ist sicher: Die Rente.“ vorstellte, atmeten die wirtschaftlich verwöhnten Deutschen auf. Blüm war einer der beliebtesten Politiker des Landes, während Johannes Winkel (geboren 1991) und Philipp Türmer (geboren 1996) noch nicht einmal geboren waren.

Heute, genau 40 Jahre später, feiert eine Arbeitnehmerin, die 1986 mit 20 Jahren ins Berufsleben startete, ihren 60. Geburtstag. Nennen wir sie „Hertha Wörken“. Doch zum Feiern gibt es wenig Anlass – zumindest was ihre Rente betrifft. Nach vier Jahrzehnten harter Arbeit stellt sich für Hertha Wörken die Frage: Gilt Norbert Blüms Versprechen noch? Und falls ja, bezog sich Blüm damals auf die Höhe der Rente oder lediglich auf das Rentensystem an sich? Wann beginnt eigentlich der Renteneintritt? Mit 63? 65? 67? Oder sogar später?

Zum Jubiläum erhält Hertha Wörken von Bärbel Bas, der „Norbert Blüm“ der Merz-Ära, keine klare Antwort. Stattdessen gibt es eine kontrovers diskutierte Rentenreform und ein neues Lieblingswort des Kanzlers: Generationengerechtigkeit. Begeisterung für einen sorgenfreien Ruhestand bleibt dabei aus. Vor allem bleibt unklar, was Generationengerechtigkeit konkret bedeutet. Aktuell scheint es so zu sein: Die heutige Generation soll länger arbeiten, die nächste länger einzahlen, und die übernächste darf hoffen, dass ihr überhaupt noch ein Rentenbescheid zugestellt wird.

Man of the Match: Friedrich Deniz Merz-Undav

Während Hertha Wörken versucht zu verstehen, was die geplanten Reformen für die Altersvorsorge konkret für sie bedeuten, sind sich Johannes Winkel und Philipp Türmer uneins. Beide führen die Jugendorganisationen der Regierungsparteien an. Auch für den politischen Nachwuchs ist die Rente ein zentrales Thema. Ganz in der Tradition ihrer politischen Mentoren Friedrich Merz und Lars Klingbeil unterscheiden sich ihre Ansichten deutlich.

Johannes Winkel bewertet die von der Rentenkommission kürzlich präsentierten Konzepte als einen großen Erfolg und vergleicht sie sogar mit Deutschlands spätem WM-Sieg gegen die Elfenbeinküste: „Vielleicht wird das ein echter Deniz-Undav-Moment für die Bundesregierung!“ Ein passender Vergleich, denn reformpolitisch befindet sich Deutschland tatsächlich bereits in der Nachspielzeit. Und auch Friedrich Merz saß lange auf der Ersatzbank, bevor er im Alter von 69 Jahren als Kanzler ins Spiel kam – und möglicherweise den entscheidenden Treffer landen könnte.

Für Philipp Türmer hingegen ist das Rentenpaket, das Bärbel Bas als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnete, eher ein Barcelona-1999-Moment. Damals führte der FC Bayern München im Champions-League-Finale mit 1:0, kassierte aber in der Nachspielzeit zwei Gegentore und erlebte die „Mutter aller Niederlagen“. Türmer sieht die „Teddy Sheringhams“ und „Ole Gunnar Solskjærs“ der Rentenreform vor allem in der Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Das hält er für „sozial ungerecht“. Oder, um es mit einem Augenzwinkern an den Überraschungserfolg „Wer früher stirbt, ist länger tot“ zu sagen: „Wer kürzer lebt, muss länger arbeiten.“

Die Angst des Türmers vorm Elfmeter

Zum Thema Ungerechtigkeit: Der vollständige Name des Juso-Vorsitzenden lautet Philipp Gangolf Balthasar Türmer – ein Name, der auf den Spielplätzen seiner Heimatstadt Offenbach sicher für Gesprächsstoff sorgte. Heute hat Philipp Gangolf Balthasar zweifellos das Talent, hitzige Debatten anzustoßen. Seine Liste an spektakulären Ausfällen und Rücknahmen ist lang: Von der Idee einer antikapitalistischen Umverteilung mit einem Grunderbe von 60.000 Euro für jeden 18-Jährigen über provokante Emojis bis hin zu seiner „Klassenkampf von oben“-Rhetorik ist immer etwas dabei.

Natürlich hat Türmer auch zur Rentenreform der Bundesregierung eine eigene Meinung, die von der offiziellen Parteilinie abweicht. Sobald sich Merz und Bas auf eine wichtige Entscheidung einigten, suchte der Juso-Chef das Gespräch bei Markus Lanz. In der vom ehemaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach während der Pandemie zum Polit-Talk erhobenen ZDF-Sendung zeigte Türmer sich unzufrieden mit den Rentenplänen, wirkte jedoch stellenweise unsicher bei den Fakten.

Ein gefundenes Fressen für Statistik-Experte Lanz. Der Meister der leichten Provokation zwang den teils überforderten Türmer zu einem datenbasierten Faktencheck, aus dem der Juso-Vorsitzende sich nur mit Kritik am Format retten konnte: Er hätte das Gefühl, „hier in einem Schätzquiz gelandet“ zu sein. Diese pauschale Kritik ließ Lanz nicht gelten: „Wenn Sie es nicht wissen, ist es Schätzen. Aber wenn man so argumentiert, muss man die Basiszahlen kennen, verstehen, für wen man spricht und wofür. Das würde helfen.“ Philipp Türmer reagierte darauf mit einem Blick, als hätte er gerade Hausarrest bekommen. 1:0 für Lanz, könnte man sagen. Dabei hat Lanz es auch leicht – seine aus Rundfunkbeiträgen finanzierte Rente ist sicher, egal wie die Reform im Detail ausfällt.

Rente gut, alles gut

Was viele nicht wissen, auch Markus Lanz nicht: Diese Kolumne basiert auf Schätzungen. Ich vermute beispielsweise, dass Philipp Türmer sich vor seinem nächsten Auftritt zum Thema Rentenreform intensiver mit den Daten zum Renteneintritt mit 63 auseinandersetzen wird. Während Lanz minutiös das manchmal etwas eingerostete Fachwissen Türmers analysierte, blieb weitgehend unberücksichtigt, dass dessen Kritik nicht völlig unbegründet war.

Ein Beispiel: Die geplante Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung ist tatsächlich nicht frei von Kritik. Das ist, als würde die Deutsche Bahn ihre Verspätungen künftig als logischen Ausgleich für längere Fahrzeiten verkaufen, weil die Menschen dank moderner Medizin länger leben.

Es macht einen Unterschied, ob nur die Diagnose stimmt oder auch die Therapie. Immer weniger Erwerbstätige tragen die Last für immer mehr Rentner. Das stimmt. Das Problem ist, dass die Lösungsansätze von Merz & Co. ungefähr so attraktiv sind wie die Ankündigung eines Restaurants, künftig nur noch halb so große Portionen zu servieren – dafür aber zum doppelten Preis. Die Details bieten Optimierungspotenzial, die Präsentation könnte besser sein. Dennoch agiert die aktuelle Regierung ehrlicher als ihre Vorgänger. Sie gibt offen zu: Ein demografisches Problem lässt sich nicht mit Pressekonferenzen lösen. Und es wird nicht so bleiben, wie es immer war. Das verdient zumindest Anerkennung für Transparenz.