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Reisners Analyse zur Frontlage: „Russland steht unter erheblichem Zeitdruck“

Reisners Blick auf die Front: "Die Russen stehen unter Zeitdruck"

Markus Reisner: Bislang zögerte der US-Präsident bei den Tomahawk-Raketen und strich die geplante Stationierung der Marschflugkörper in Deutschland wieder. Spannend ist, weshalb er jetzt seine Position ändert. Meiner Einschätzung nach hängt das eng mit den Entwicklungen im Nahost-Konflikt zusammen: Das iranische Regime zeigt keine Zugeständnisse, die wechselseitigen Raketen- und Luftangriffe haben wieder begonnen, und die Straße von Hormus bleibt unsicher. Trump sieht, dass er im Nahen Osten nicht vorankommt und setzt nun auf einen Erfolg mit der Ukraine. Schließlich hat die ukrainische Armee in den letzten Wochen und Monaten Erfolge erzielt, insbesondere durch Drohnenangriffe über mittlere und lange Distanzen, die auf KI-Lösungen amerikanischer Unternehmen und Geheimdienstinformationen der CIA basieren.

Verkauf von Tomahawks wäre somit neben einem lukrativen Geschäft für die US-Rüstungsindustrie auch ein weiterer Druckmittel gegenüber Putin?

Zusätzlich zur direkten Unterstützung der Ukraine durch CIA-Daten und Zielerfassungssoftware großer US-Technologiekonzerne kommt die indirekte Hilfe durch Waffenlieferungen nach Europa, die für Russland eine Bedrohung darstellen. US-Außenminister Marco Rubio hat dies auf dem Nato-Gipfel in Ankara offen angesprochen. Das Ziel sei eine „kontrollierte Eskalation“, um Russland so unter Druck zu setzen, dass es spätestens bis Jahresende an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Ob das gelingt, bleibt offen, aber das ist der Hintergrund.

Nach seinem Telefonat mit Putin zeigte sich Trump sehr optimistisch und meinte, eine Lösung des Konflikts sei näher als viele denken. Die ukrainische Seite ist jedoch deutlich zurückhaltender; in Kiew liegt der Fokus darauf, den kommenden Winter zu überstehen.

Beiden Parteien läuft die Zeit davon. Die Ukrainer wissen, dass die Russen im Winter erneut mit einer strategischen Luftoffensive auf kritische Infrastruktur starten werden. Erinnern Sie sich: Im Januar fehlte der Ukraine die Patriot-Munition, um russische Marschflugkörper und ballistische Raketen abzufangen. Das führte dazu, dass die drei wichtigsten Heizkraftwerke Kiews schwer beschädigt oder zerstört wurden – und sie sind bis heute nicht wieder voll funktionsfähig. Die Ukraine will unbedingt verhindern, dass sich ein derart harter Winter wiederholt. Da das Gefechtsfeld an der Front sehr transparent ist und kaum Raum für Offensiven bietet, versucht man, durch den strategischen Luftkrieg eine Eskalation herbeizuführen.

Ist das Ziel dann, Verhandlungen zu erreichen, die einen Waffenstillstand im Luftkrieg bewirken?

Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Doch dieser Versuch, Russland an den Verhandlungstisch zu bringen, ist deutlich erkennbar. Dabei geht es nicht um einen dauerhaften Frieden oder eine umfassende Waffenruhe, sondern vor allem um einen Waffenstillstand bei den gegenseitigen Langstreckenangriffen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betont das immer wieder, zuletzt erst vergangene Woche gegenüber Putin: Er sei bereit, die Langstreckenangriffe zu stoppen.

Und anders als im letzten Winter hat Selenskyj nun auch ein entscheidendes Druckmittel: Wenn Russland seine strategischen Luftangriffe einstellt, wird die Ukraine dies ebenfalls tun?

Ja, und die Ukraine kämpft mit aller Kraft, um diese Erfolge zu sichern. Ein gutes Beispiel sind die Luftangriffe auf russische Treibstoffkonvois, die aus Südrussland über das Asowsche Meer zur Krim transportiert werden. Die ukrainischen Angriffe haben die Landversorgung nahezu zum Erliegen gebracht. Russland versuchte daraufhin, Treibstoff per Schiff zu transportieren, doch die ukrainische Armee hat in den letzten Wochen über 90 dieser Tanker beschädigt oder versenkt – eine bemerkenswerte Leistung.

Hat die russische Armee darauf bislang keine Antwort gefunden?

Die Russen probieren verzweifelt verschiedene Strategien, doch es bleibt offen, ob sie sich innerhalb von drei bis sechs Monaten an diese neue Bedrohung anpassen können. Klassische Gegenmaßnahmen, wie die Dezentralisierung des Transports in kleinere Einheiten auf vielen Routen, sind bereits zu beobachten. Man darf nicht vergessen, wie groß Russland ist; es würde lange dauern, bis ukrainische Angriffe die russische Seite wirklich entscheidend schwächen. Entscheidend ist jedoch, dass der Erfolg messbar ist.

Und genau das ist inzwischen der Fall. Die Schäden für die russische Treibstoffindustrie sind erheblich und zum Teil irreparabel. Anlagen zur Erdölförderung und Lagerstätten erleiden zunehmend schwere Schäden. Putin musste eine Krisensitzung einberufen, und Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnet den Konflikt nun offen als „Krieg“. Russland steht spürbar unter Druck. Vor diesem Hintergrund wirkt es überraschend, dass Selenskyj gerade jetzt seine Regierung umbaut und den Verteidigungsminister durch den Innenminister ersetzen will. Dieser junge Verteidigungsminister, Mychajlo Fedorow, gilt als maßgeblicher Architekt des messbaren Erfolgs. Möglicherweise ist die Regierung mit den bisherigen Ergebnissen unzufrieden und will den Druck erhöhen, da die Zeit knapp wird. Das wird in Kiew hinter vorgehaltener Hand intensiv diskutiert.

Werden die Erfolge der Ukraine von westlichen Beobachtern womöglich zu euphorisch bewertet, besonders angesichts der hohen Verluste nach nächtlichen russischen Raketenangriffen?

Russland ist noch lange nicht geschlagen. Ihre Luftangriffe haben keineswegs an Zerstörungskraft eingebüßt, wie der Angriff auf Odessa mit Marschflugkörpern gestern Nacht erneut zeigte. Die Ukrainer tun sich schwer, diese Angriffe abzuwehren. Auch Kiew ist nur unzureichend geschützt, da die Patriot-Munition stark knapp ist. Der ehemalige ukrainische Generalstabschef Walerij Saluschnyj warnt zu Recht davor, sich von den ukrainischen Erfolgen täuschen zu lassen. Dennoch stehen auch die Russen unter erheblichem Zeitdruck: Sie müssen entweder bald militärisch Erfolge erzielen oder Zugeständnisse machen. Sie sind nicht am Ende, doch der Druck wächst. Dieses Paradoxon erklärt die aktuelle Situation: Militärisch spitzt sich die Lage zu, während gleichzeitig ein Waffenstillstand wahrscheinlicher wird.

Sie erwähnten, dass Russland verzweifelt nach Antworten auf die ukrainischen Luftangriffe sucht. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Rolle Chinas, das Russland bereits mehrfach bei der Waffenentwicklung unterstützt hat? Wird Peking angesichts der russischen Lage nun intensiver helfen?

Streichen Sie „könnte“ und sagen Sie: „Das ist bereits Realität.“ Am Wochenende wurden mehrere geleakte Dokumente veröffentlicht, die bei chinesisch-russischen Treffen entstanden sind. Diese belegen, dass China tief in die russischen Kriegsplanungen gegen die Ukraine eingebunden ist. Im Austausch für Russlands Kampferfahrung liefert Peking Technologien in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Elektronik, Drohnenentwicklung und Waffentechnik. Zudem arbeiten beide Seiten gemeinsam an Raketenabwehrsystemen, Drohnenschwärmen, Antidrohnenwaffen, gepanzerten Fahrzeugen sowie Strategien zum Hacken und zur Störung und Zerstörung von Starlink.

Die Behauptung Chinas, im Ukraine-Krieg neutral zu sein, ist schon lange widerlegt. Doch zeigen die neuen Dokumente eine bisher unbekannte Dimension?

Russland und China bauen eine militärische Partnerschaft auf, die weit enger ist, als offiziell zugegeben wird. Die konkrete Ausprägung dieser Zusammenarbeit ist immer wieder ernüchternd. Zudem ist China in der Lage, Russland mit Hochtechnologie zu versorgen, um einen russischen Verlust im Krieg zu verhindern. Die Erfahrungen Russlands mit neuen Waffentypen könnten für die Modernisierung der chinesischen Streitkräfte genutzt werden. Außenminister Wang Yi sagte im vergangenen Jahr der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas offen, China habe kein Interesse daran, dass Russland den Ukraine-Krieg verliert, da die USA sich dann wieder stärker China zuwenden würden. Das mag empörend klingen, doch so funktioniert die Welt im 21. Jahrhundert – das Recht des Stärkeren dominiert.

Das Gespräch führte Frauke Niemeyer mit Markus Reisner