Reisners Analyse der Front: „Moskau sendet mit der Oreschnik-Rakete ein Signal an Europa“
Präsident Wladimir Putin befindet sich unter massivem Druck. Zunächst griff die Ukraine Moskau an, anschließend ein Studentenwohnheim, in dem russische Drohnen gefertigt werden. Als Reaktion intensiviert der Kreml seine heftigen Angriffe auf Kiew, erklärt Oberst Reisner. Besonders ein Detail fällt dabei ins Auge.
Markus Reisner: Kiew ist eine Großstadt mit umfangreicher Infrastruktur und beherbergt daher zahlreiche industrielle Anlagen. Vermutlich finden innerhalb der Stadt verteilt dezentrale Drohnen- und Rüstungsproduktionen statt.
Moskau fordert ausländische Diplomaten ausdrücklich zum Verlassen Kiews auf, während die EU-Botschafterin diese Aufforderung öffentlich zurückweist. Wie bewerten Sie diese Drohung gegen Botschaften – als reine psychologische Kriegsführung?
Meiner Einschätzung nach stecken dahinter mehrere Gründe. An der Front herrscht derzeit eine Pattsituation. Taktisch-operativ hat die Ukraine den russischen Vormarsch vorerst gestoppt. Zwar gibt es vereinzelt russische Vorstöße, diese sind jedoch mit erheblichen Verlusten verbunden. Strategisch eröffnet dies die Möglichkeit einer Eskalation an anderer Stelle – von beiden Seiten. In den letzten Wochen und Monaten haben wir eine starke Zunahme ukrainischer Angriffe auf russisches Staatsgebiet beobachtet, worauf Russland zunehmend reagiert.
Wie groß ist der Druck auf Russland aktuell?
Am russischen Nationalfeiertag, dem 9. Mai, blieben ukrainische Angriffe aus – eine Waffenruhe, die dank US-Präsident Donald Trump ermöglicht wurde. Danach folgten jedoch massive Luftangriffe auf Moskau. Besonders nach dem Drohnenangriff auf das Studentenwohnheim in Starobilsk in der besetzten Region Luhansk mit über einem Dutzend Todesopfern stieg der Druck auf Putin erheblich. Die russische Regierung musste ihrer Bevölkerung erklären, wie solche Angriffe im fünften Kriegsjahr überhaupt möglich sind und wie sie darauf mit Vergeltungsaktionen reagiert. Infolgedessen intensivieren sich nun die russischen Angriffe, was auf eine Eskalation im Luftkrieg hinweist.
Russland stellt den Drohnenangriff auf das Studentenwohnheim als gezielten Schlag gegen unschuldige Jugendliche dar, verschweigt aber offenbar, dass dort Drohnen gefertigt und Rekruten ausgebildet wurden.
Genau. Es existieren zwei konkurrierende Narrative. Der ukrainische Generalstab gab an, in Starobilsk das Hauptquartier der russischen Drohnen-Ausbildungseinheit getroffen zu haben. Die russische Seite spricht hingegen von zivilen Opfern – was der ukrainische Generalstab als Manipulation bezeichnet. Im Krieg geht es auch darum, den eigenen Informationsraum zu kontrollieren. Beide Seiten versuchen, eigene Fehler zu relativieren und dem Gegner Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht vorzuwerfen.
Russland und Belarus üben den Einsatz taktischer Atomwaffen, während Rosatom nach fortgesetzten Drohnenangriffen am AKW Saporischschja vor einem „Punkt ohne Rückkehr“ warnt. Sehen Sie hier eine Gefahr der Eskalation – konventionell oder nuklear?
Keine der Konfliktparteien verfolgt ernsthaft das Ziel eines Nuklearkriegs oder einer nuklearen Eskalation. Bisher bemühen sich alle Verantwortlichen um Deeskalation. Doch sobald Russland sich in die Ecke gedrängt fühlt, demonstriert es die Einsatzfähigkeit seiner militärischen Mittel als Signalwirkung. Das zeigt sich daran, wie Russland die leistungsstarke Mittelstreckenrakete Oreschnik nun zum dritten Mal eingesetzt hat.
Hat der Einsatz der Oreschnik-Rakete immer eine besondere Bedeutung?
Die bisherigen drei Einsätze folgen einem klaren Muster. Der erste Einsatz im November 2024 erfolgte als Reaktion auf westliche, insbesondere amerikanische Langstreckenwaffen, die bei Kursk gegen Ziele in Russland zum Einsatz kamen. Das war eine Antwort auf die neue Qualität westlicher Technik im Krieg. Der zweite Einsatz im Januar 2026 richtete sich hauptsächlich als Signal an US-Präsident Donald Trump, nachdem bekannt wurde, dass die CIA die Ukraine bei der Zielaufklärung unterstützt und russische Tanker festsetzen ließ.
Und was signalisiert der aktuelle Einsatz?
Mit der Oreschnik-Rakete sendet Moskau eine Botschaft an Europa, das Kiew bei Angriffen auf russisches Territorium unterstützt. Die Oreschnik stellt eine Bedrohung für Europa dar, da es kaum wirksame Verteidigungsmöglichkeiten gegen diese Rakete gibt – zumal die modernen Raketenabwehrsysteme auf europäischem Boden größtenteils amerikanisch kontrolliert sind und Europa bislang nur begrenzte eigene Kapazitäten besitzt. Erst durch Initiativen wie die Anschaffung des israelischen „Arrow“-Systems könnte die Bundeswehr perspektivisch einen Schutz gegen solche Raketen bieten.
Handelt es sich dabei also um eine Warnung an die europäischen Unterstützer der Ukraine?
Russland vermittelt damit die Botschaft: Wir sind uns bewusst, dass die Ukraine dank eurer Unterstützung zu weitreichenden Angriffen auf unser Hinterland fähig ist – und wir werden das verhindern. Da Putin angesichts der ukrainischen Angriffe unter Erklärungsdruck steht, verlagert der Kreml den Fokus von der stagnierenden Front auf den Luftkrieg. Er verbreitet das Narrativ, dass die NATO-Staaten der Ukraine helfen, einen umfangreichen Drohnenkrieg zu führen.
Die Ukraine traf zudem eine zentrale Ölpumpstation in der russischen Region Wladimir und führte fortgesetzte Drohnenangriffe auf die Grenzregion Belgorod durch, bei denen Energieinfrastruktur beschädigt wurde. Bewirken diese Angriffe eine spürbare Beeinträchtigung der russischen Kriegslogistik?
Das lässt sich erst mit zeitlichem Abstand beurteilen, da die Folgen solcher Angriffe oft erst nach Wochen oder Monaten statistisch sichtbar werden. Wenn die Zerstörung der Öl-Infrastruktur zu einem messbaren Rückgang der russischen Deviseneinnahmen führt, fehlen Moskau mittelfristig Mittel für die Kriegsführung. Allein in den letzten drei Monaten wurden etwa 10 bis 15 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten getroffen. Zusammen mit früheren Angriffen dürfte inzwischen rund ein Viertel der Verarbeitungs- und Exportkapazitäten beeinträchtigt sein. Das ist schmerzhaft, jedoch noch nicht existenzbedrohend für Russland.
Es gibt zahlreiche Berichte, dass die Ukraine Nachschubwege Richtung Cherson und Krim durch Drohnenangriffe rund um Mariupol zur „Todeszone“ gemacht hat, insbesondere durch Angriffe auf Lkw-Kolonnen. Führt dies zu einer nachhaltigen Störung der russischen Kriegslogistik im Süden?
Diese Angriffe zielen darauf ab, russische Truppenverlegungen für eine mögliche Sommeroffensive zu behindern. Dieses Muster kennen wir aus den vergangenen Jahren. Neu ist, dass ukrainische Mittel- und Langstreckendrohnen zunehmend tief ins russische Kernland und in besetzte Gebiete eindringen und dort tatsächlich Schäden verursachen. Wie dauerhaft diese Einschnitte die russische Kriegslogistik schwächen, wird sich jedoch erst in den kommenden Wochen zeigen. Sollte die Sommeroffensive ausbleiben, könnte man sagen, dass die Ukraine es in diesem Jahr geschafft hat, die Russen so unter Druck zu setzen, dass keine Offensive stattfindet.
Wo finden aktuell noch intensive Kämpfe statt?
Der Schwerpunkt der Gefechte liegt derzeit im Mittelabschnitt der Front, rund um Kostjantyniwka. Russland behauptet, bereits etwa ein Drittel der Stadt eingenommen und sie von zwei Seiten eingekesselt zu haben. Diese Angaben lassen sich jedoch nicht bestätigen. Die ukrainische Versorgung funktioniert weiterhin bis in die Stadt hinein, obwohl russische Elitedrohnen-Einheiten wie Rubikon gezielt die Logistik angreifen.
Wie reagiert Kiew auf diese Lage?
Die Ukraine versucht, spiegelbildlich die russischen Versorgungswege abzuschneiden und gleichzeitig ihre eigenen Kräfte so zu verteilen, dass Angriffe im Norden und Süden abgewehrt werden können, ohne den Mittelabschnitt zu schwächen. In dieses Konzept passt auch die russische Drohung, eventuell von belarussischem Gebiet aus anzugreifen: Ziel ist es, die Ukraine zu zwingen, ihre Truppen auf viele Fronten zu verteilen und kein klares Schwergewicht zu bilden. Dieses Konzept verfolgt die russische Armee seit zwei Jahren, konnte die ukrainischen Linien bisher aber nicht durchbrechen.
Das Gespräch mit Markus Reisner führte Lea Verstl