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Kritik am Umgang mit Soldaten: Veteran warnt Putin und wird aus anderem Grund inhaftiert

Umgang mit Soldaten angeprangert: Veteran droht Putin und muss ins Gefängnis - aus ganz anderem Grund

Alexander Lunin sorgt in Russland für Aufsehen: Die scharfe Kritik des Veteranen am Umgang mit den eigenen Soldaten erhält große Zustimmung. Seine Forderung, Präsident Wladimir Putin persönlich zu treffen, wirkt ungewöhnlich. Die darauf folgende Haftstrafe scheint unabhängig von seinen Anschuldigungen zu sein.

Ein Video, ein Ultimatum und eine Verhaftung innerhalb weniger Tage – der Fall des russischen Kriegsveteranen Alexander Lunin hat in Russland für erhebliches Aufsehen gesorgt und die internen Spannungen in den Streitkräften beleuchtet. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich der 39-Jährige aus Woronesch vom unbekannten Soldaten-Blogger zu einer landesweit diskutierten Persönlichkeit, vom vermeintlichen Überbringer einer Botschaft an den Kreml zum Gefangenen einer regionalen Behörde.

Am 25. Juni veröffentlichte Lunin auf Instagram ein Video, das sich innerhalb von Stunden rasant verbreitete. Die Angaben zur Reichweite variieren je nach Quelle zwischen etwa 5 und über 12 Millionen Aufrufen in den ersten 24 Stunden. Später wurden bis zu 20 Millionen genannt. Es war nicht sein erster Beitrag dieser Art: Bereits vier Tage zuvor hatte er ein ähnliches Video veröffentlicht, in dem er erstmals um ein Treffen mit Präsident Putin bat. Nach eigenen Angaben zog gerade dieses frühere Video die Aufmerksamkeit hochrangiger Stellen auf sich.

Im Video vom 25. Juni, in Tarnkleidung und mit Orden, berichtete Lunin, am Vortag sei ein dunkler Geländewagen mit Vertretern des Verteidigungs- und Innenministeriums vorgefahren. Diese hätten ihn gebeten, eine Botschaft an Putin weiterzugeben: Man wolle „kein Blutvergießen“, der Präsident müsse verstehen, dass an der Front „völlig untragbare“ Einsätze befohlen würden. Eine unabhängige Bestätigung dieser Begegnung gibt es bisher nicht.

Der Kreml kennt Lunin

Lunin warf russischen Kommandeuren vor, Soldaten systematisch zu foltern, in Gruben festzuhalten und Geld zu erpressen – oft als Strafe dafür, dass diese sich weigerten, riskante oder „dumme, selbstmörderische“ Befehle auszuführen. Wer sich widersetze, werde am Ende „eliminiert“ und offiziell als vermisst gemeldet, behauptete er. Belege legte Lunin nicht vor, doch solche Anschuldigungen von aktiven Soldaten und Veteranen sind nicht neu. Berichte über Bestrafungen in Kellern und Gruben sowie erzwungene Zahlungen zur Vermeidung gefährlicher Einsätze kursieren schon länger. In sozialen Netzwerken finden sich zudem Handyaufnahmen solcher Szenen, deren Echtheit jedoch schwer zu überprüfen ist.

Am Ende des Videos folgte das eigentliche Ultimatum: Sollte er nicht bald in den Kreml eingeladen werden, um live an Putins Seite „die ganze Wahrheit“ zu berichten, werde die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten – die Folgen würden „sehr ernst“ sein. Noch am selben Tag traf sich laut Lunin ein Vertreter der Verwaltung der Region Woronesch mit ihm.

Der Kreml reagierte zunächst vorsichtig. Pressesprecher Dmitri Peskow erklärte, man sei über das Video informiert, habe es aber noch nicht überprüfen können. Die Wortwahl sei „ziemlich ungewöhnlich“. Eine inhaltliche Stellungnahme zu den Foltervorwürfen blieb aus.

Nur einen Tag später veröffentlichte Lunin ein weiteres, deutlich härteres Video, in dem er – mit Kraftausdrücken gespickt – seine Aussagen relativierte. Seine Worte seien verfälscht worden, er habe nie zu einer Meuterei aufgerufen. Wer wirklich rebellieren wolle, tue dies leise, nicht durch einen öffentlichen Appell. Auch von seiner Forderung nach einem live übertragenen Treffen mit Putin rückte er vorsichtig ab, wolle aber weiterhin versuchen, dem Präsidenten die angeblichen Missstände zu übermitteln.

Unterstützung für den Veteranen

Die Reaktionen aus dem militärischen Umfeld fielen unterschiedlich aus. Aktive und ehemalige Soldaten veröffentlichten Unterstützervideos, in denen sie erklärten, Putin werde von seinen Generälen getäuscht. Die einflussreichen, propagandistischen Kriegsblogger hielten sich jedoch zurück. Viele große Kanäle ignorierten das Video. In den Kommentaren unter Lunins Beiträgen äußerten sich laut kremlkritischen Beobachtern zehntausende Nutzer aus dem „Z“-Lager zustimmend – „Z“ ist weiterhin das Symbol der Kriegsbefürworter. Diese Zustimmung könnte auf Unmut auch innerhalb der loyalen Basis hindeuten.

Geboren 1987, trug Lunin bis 2023 den Nachnamen Pustowalow, bevor er ihn offiziell änderte. Dies soll Berichten zufolge dazu geführt haben, dass er von einer russischen „Extremisten“-Liste gestrichen wurde. Unter seinem neuen Namen schloss er sich im Dezember 2022 dem Freiwilligenbataillon „Sudoplatow“ an und diente zunächst als Schütze, später als Kommandeur einer Aufklärungseinheit. Leaks zufolge war er zuvor der 150. motorisierten Schützendivision der 8. Gardearmee zugeteilt und wurde im Kampf verwundet.

Derzeit ist Lunin nach eigenen Angaben nicht mehr im aktiven Dienst: 2025 wurde er aus einer Einheit entfernt, nachdem er ein Video über unbewaffnete Kämpfer im Einsatz veröffentlicht hatte. Erst seit Anfang 2026 betreibt er seine eigenen Kanäle in sozialen Netzwerken intensiver; seit März sollen mehr als 700 Videos auf seinem Instagram-Profil erschienen sein.

Faschistische und anti-christliche Symbole

Nach der Veröffentlichung des Videos durchsuchten Sicherheitskräfte laut seiner Frau in der folgenden Nacht die gemeinsame Wohnung und beschlagnahmten Computertechnik. Die Frau veröffentlichte zunächst ein Video dazu, löschte es später aber wieder und schrieb, Lunin sei „wohlauf“. Kurz danach bestätigte ein Beitrag auf Lunins eigenem Telegram-Kanal seine Festnahme.

Der Fall wurde am Samstag vor dem Bezirksgericht Rossosch verhandelt. Informationen zum Verfahren erschienen jedoch erst zwei Tage später auf der Website des Gerichts. Eine schriftliche Urteilsbegründung wurde nicht veröffentlicht. Lunin wurde wegen der Zurschaustellung extremistischer beziehungsweise nationalsozialistischer Symbole nach Artikel 20.3 des russischen Ordnungswidrigkeitengesetzbuchs verurteilt – ein Tatbestand, der eine Verwaltungshaft von bis zu 15 Tagen vorsieht. Sein Telegram-Kanal meldete eine Haftstrafe von elf Tagen. Eine offizielle Bestätigung lag zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht vor.

Die Ironie des Falls liegt in der Herkunft der Beweise: Belastendes Material stammte aus seinen eigenen sozialen Netzwerken. Das unabhängige Investigativmedium ASTRA berichtete bereits vor seiner Verhaftung, auf Lunins Profilen seien Symbole zu finden, die mit dem nationalsozialistischen Deutschland in Verbindung gebracht werden, darunter die sogenannte „Schwarze Sonne“. Andere Berichte verweisen zudem auf heidnische Bildsprache wie Darstellungen des slawischen Gottes Perun. Ausgerechnet dieses Material wurde ihm nun zum juristischen Verhängnis – obwohl er selbst über Jahre einer Armee diente, deren offiziell erklärtes Kriegsziel die „Denazifizierung“ der Ukraine ist.