Deutsche Soldaten im Unabhängigkeitskrieg vor 250 Jahren: Die Hessen kommen – Schrecken in den USA
Die britischen Streitkräfte reichen nicht aus. Um die aufständischen Kolonien in Nordamerika zu unterwerfen, benötigt König Georg III. zusätzliche Soldaten. Diese findet er in Hessen – ein Ruf eilt ihnen voraus. Dennoch kämpfen ab 1775 auch Deutsche auf Seiten der Rebellen im Unabhängigkeitskrieg. Nach einem von ihnen ist bis heute eine Parade benannt.
„Ihr lausigen Rebellen ihr, Gebt vor uns Hessen Acht! Juchheisa nach Amerika, Dir Deutschland gute Nacht!“ Mit diesen Zeilen verabschieden sich Soldaten aus Hessen-Kassel aus Europa. Ihr Ziel ist die Neue Welt, wo sie im Unabhängigkeitskrieg Großbritannien gegen die aufständischen Amerikaner unterstützen sollen.
Freiwillig überquerten die Soldaten den Atlantik selten, viele wurden zwangsrekrutiert. Landgraf Friedrich II. war verpflichtet, den Briten Soldaten zu stellen. Am 15. Januar 1776 unterzeichnete er einen Vertrag mit König Georg III., seinem Verwandten. Für zunächst 12.000 Soldaten erhielt der deutsche Fürst jährlich 600.000 Pfund, am Ende waren es fast 17.000. Die Truppenaufstellung war beeindruckend: 15 Linienregimenter, vier Grenadier-Bataillone, drei Feldjäger-, zwei Jäger- sowie eine Artillerie-Kompanie.
Die Vermietung von Soldaten war damals keine Seltenheit. Hessen-Kassel füllte damit seine leeren Kassen. Auch die Fürstentümer Braunschweig-Lüneburg, das unter britischer Personalunion stand, Hessen-Hanau, Ansbach-Bayreuth, Waldeck-Pyrmont und Anhalt-Zerbst entsandten gut ausgebildete Einheiten. In Amerika wurden sie jedoch alle unter dem Sammelbegriff „Hessen“ (Hessians) zusammengefasst. Insgesamt kamen fast 30.000 deutsche Soldaten zum Einsatz. Sie unterstanden zwar britischem Kommando, behielten aber ihre Uniformen und wurden von deutschen Offizieren geführt.
„Die Hessen kannten kein Erbarmen“
Eine Ausnahme bildete die Einheit der sogenannten Jäger, erklärt Historiker Hochgeschwender. Diese schlossen sich mit irregulären britischen Truppen, den Dragonern, zusammen. „Sie waren auf Anti-Guerilla-Kampf spezialisiert und äußerst brutal“, so der Experte. Der Krieg wurde von beiden Seiten mit Härte geführt, inklusive Gräueltaten. Soldaten verbesserten mit Plünderungen oft ihren Sold und ihre Versorgung. Auch bei Hinrichtungen von Kriegsgefangenen und verletzten Gegnern waren Deutsche beteiligt.
Der amerikanische Historiker Joseph J. Ellis zitiert in seinem Buch „1776“ einen britischen Offizier nach der Schlacht von Long Island: „Die Hessen und unsere tapferen Highlander kannten kein Erbarmen. Es war beeindruckend zu sehen, wie sie die Rebellen mit dem Bajonett erledigten.“ Andere Berichte schildern, wie Hessen amerikanische Gefangene mit Bajonetten an Bäume spießten. Solche Grausamkeiten waren zwar Ausnahmen, doch die amerikanische Presse berichtete ausführlich darüber.
Der Einsatz ausländischer Truppen schürte die Wut der Amerikaner und brachte manchen dazu, sich den Rebellen anzuschließen. Dies spiegelt sich auch in der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 wider, in der König Georg III. vorgeworfen wird, „große Heerscharen ausländischer Söldner“ heranzuziehen, „um Tod, Verwüstung und Tyrannei zu vollenden“. Damit sind vor allem die Deutschen gemeint, die nicht als britische Hilfstruppen, sondern abwertend als Söldner bezeichnet wurden.
Preußen erkennt die USA früh an
Aufseiten der Rebellen wurden Deutsche nicht so systematisch eingesetzt wie bei den Briten, doch sie waren präsent. Deutsche Siedler kämpften auf beiden Seiten, etwa in kolonialen Milizen. Im Mai 1776 stellte der Kontinentalkongress ein Deutsches Regiment auf, in dem deutschstämmige Kolonisten aus Pennsylvania und Maryland dienten. Eine Besonderheit war das Regiment Royal Deux-Ponts, auch Zweibrücken genannt, das französischen Verbündeten der Rebellen angehörte, jedoch überwiegend deutschsprachige Soldaten hatte.
Die Unterstützung aus deutschen Ländern für die Rebellen war begrenzt. Preußens König Friedrich der Große half zunächst indirekt durch Handelsbeziehungen und gestattete Waffenverkäufe. Zudem untersagte er britische Anwerbeversuche in Preußen. Später änderte er seine Haltung. Dennoch gehörte Preußen zu den ersten Staaten, die die Unabhängigkeit der USA anerkannten: 1785, kurz nach Kriegsende, wurde ein Freundschafts- und Handelsvertrag geschlossen, der weltweit als erster humanitäre Regeln für Kriegsgefangene enthielt.
Bekannt sind einzelne deutsche Soldaten und Offiziere, die auf eigene Initiative der Kontinentalarmee beitraten oder ihre militärische Expertise einbrachten, darunter Johann von Kalb und Friedrich Wilhelm von Woedtke. Besonders berühmt ist der preußische Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben, der 1777 nach Amerika kam. Er revolutionierte die Ausbildung der heterogenen Armee, formte sie nach preußischem Vorbild zu einer schlagkräftigen Einheit und verfasste als Generalinspekteur das erste Drillhandbuch inklusive Übungs- und Hygieneregeln. Seine Verdienste sind so bedeutend, dass die jährliche Steubenparade in New York nach ihm benannt ist.
Zwar hatten Männer wie Steuben Einfluss, doch insgesamt war der deutsche Beitrag auf Seiten der Rebellen weniger gewichtig – wichtiger waren hier die Franzosen. Für die Briten hingegen waren die deutschen Truppen unverzichtbar. Im Gegensatz zur Royal Navy genoss das Heer keinen guten Ruf. Historiker Hochgeschwender bezeichnet die Hessen als „sehr disziplinierte und kampferprobte Truppen“, die in geordneten Feldschlachten kaum zu schlagen waren.
Kriegshelden und Furcht einflößende Gestalten
Die Hessen kämpften von Kanada bis zu den südlichen Kolonien an der Ostküste. Sie waren in Linienschlachten mit Musketen und Artillerie sowie im Nahkampf mit Bajonetten, Messern und Äxten aktiv. Speziell ausgerüstete Jäger und Scharfschützen beteiligten sich am Partisanenkrieg gegen Rebellenmilizen und lieferten sich Gefechte mit den amerikanischen Riflemen, den Eliteeinheiten der Kontinentalarmee.
Oft waren die Hessen entscheidend, etwa bei der Schlacht von Long Island 1776. Sie erlitten aber auch schwere Niederlagen. Nach der Überquerung des zugefrorenen Delaware durch George Washingtons Kontinentalarmee an Weihnachten 1776 gelang in der Schlacht von Trenton ein Überraschungsangriff, bei dem fast 1.000 hessische Soldaten gefangen genommen wurden. Diese wurden in Philadelphia bei einem Triumphzug präsentiert, um der Angst vor den Deutschen entgegenzuwirken. Eine weitere Katastrophe erlitten die deutschen Truppen 1777 in der Schlacht von Bennington, als Rebellenmilizen rund 1.000 Soldaten töteten oder gefangen nahmen.
Die deutschen Linienregimenter hatten oft Schwierigkeiten, sich an die ungewohnten Kriegsbedingungen in Nordamerika anzupassen. „Da die Hessen grundsätzlich unter eigenem Kommando operierten, zeigten sie in Situationen, die Spontaneität, Initiative und Schnelligkeit erforderten, wenig Flexibilität“, schreibt Hochgeschwender in seiner Gesamtanalyse „Die Amerikanische Revolution“. Auch Klima, Ernährung und Krankheiten aufgrund mangelnder Hygiene setzten ihnen zu. „Die meisten Soldaten starben nicht in der Schlacht oder an Verletzungen, sondern ganz banal an Krankheiten“, so Hochgeschwender. „Durchfall war quasi die Normalität.“
Von den fast 30.000 deutschen Soldaten auf britischer Seite kehrten nach Kriegsende etwa 17.300 nach Europa zurück. Rund 1.200 fielen im Kampf, mehr als 6.500 starben an Krankheiten oder Unfällen. Etwa 5.000 blieben als Siedler in den USA oder Kanada, da sie sich dort nicht nur Land, sondern auch mehr Freiheit versprachen als bei ihren Landesherren, die sie einst zwangsweise in einen fremden Krieg schickten.
Übrigens: Nach dem Krieg fanden die Hessen auch Eingang in die amerikanische Kultur: In Washington Irvings mehrfach verfilmter „Legende von Sleepy Hollow“ ist der kopflose Reiter der Geist eines hessischen Söldners. Nachts reitet er auf der Suche nach seinem abgeschlagenen Kopf über ein ehemaliges Schlachtfeld. So wurden die einst gefürchteten Hessen zu unheimlichen Gestalten in der Folklore.