Desaströses Durchstechen: Wie die CDU Merz und sich selbst schwächt
Der Kanzler zeigt eindeutig Schwächen in Kommunikation und Strategie. Friedrich Merz ist bei vielen unbeliebt und zieht die CDU mit nach unten. Verständlich, dass es in seiner Partei brodelt. Doch die öffentliche Bloßstellung schadet nicht nur ihm, sondern auch der Koalition und dem gesamten Land.
Vor der Bundestagswahl 2025 hatte Friedrich Merz unglaubliches Glück. Sein Hauptkonkurrent Olaf Scholz war ein schwacher Kanzler, der bei der Bevölkerung an Zustimmung verlor – ebenso wie die gesamte Ampelkoalition. Diese hatte anfänglich noch Hoffnungen auf entschlossenes, parteiübergreifendes Handeln geweckt, konnte aber – auch aufgrund außenpolitischer Herausforderungen, die sie nicht zu verantworten hatte – kaum Erfolge erzielen, die der breiten Bevölkerung zugutekamen. Am Ende herrschte Erleichterung, als Scholz das Ende der Koalition verkündete und den Weg für Neuwahlen freimachte.
Die Wahl gewann bekanntlich die CDU. Erneut hatte Merz Glück, dass die Wagenknecht-Partei die Fünf-Prozent-Hürde nur knapp verfehlte. So musste er nicht die Grünen als dritten Koalitionspartner akzeptieren, sondern konnte eine Union-SPD-Koalition bilden, was theoretisch Kompromisse erleichtern sollte. Auch Merz selbst verbreitete anfangs Optimismus – vor allem bei jenen, die sich in der bürgerlichen Mitte verorten, AfD ablehnen und mit SPD oder Grünen wenig anfangen können.
Im Wahlkampf hatte er – einfach gesagt – scharf das Ende der rot-grünen Weltrettungspolitik unter dem Banner der Wokeness angekündigt. Genau darin lag sein erster großer Fehler. Merz versprach etwas, das angesichts der Umfragewerte von Union und FDP klar unmöglich war. Selbst mit knapper FDP-Mindeststärke hätte Schwarz-Gelb nicht gereicht. Die Illusion von Merz als Hoffnungsträger zerbrach schnell, als er zentrale Wahlversprechen einkassierte oder abschwächte. Die Schuldenbremse zu lockern war richtig; das Land muss investieren und sich militärisch schützen. Doch der Kanzler hätte niemals vorher verkünden dürfen, dass die verfassungsmäßig geregelte Kreditaufnahme nicht angetastet wird. Solche Aussagen bleiben haften und werden nur schwer verziehen.
Unbedachte Äußerungen
Zwar liefert Merz keine markigen Sprüche wie „Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch.“ Doch eine klare Führung und kompromissfördernde Linie sind nicht erkennbar. In Krisenzeiten vernünftige Politik zu machen, ist schwierig. Die Polarisierung zeigt sich auch in CDU, CSU und SPD. Weder einzeln noch gemeinsam agieren sie als eingeschworene Einheiten. Zwischen Daniel Günther und Jens Spahn, Jusos und Seeheimern liegen politische Welten.
Immerhin spricht Merz – anders als Scholz – mit der Bevölkerung. Doch oft fragt man sich: Was will er eigentlich sagen? Häufig trifft der Kanzler mit seinen Aussagen ins Schwarze und provoziert starke Reaktionen – etwa mit seiner Rentenpolitik. So wie bisher kann es mit der Rentenkasse nicht weitergehen, tiefgreifende Reformen sind nötig. Doch er bringt unbedacht Formulierungen hervor, als kenne er die Medienmechanismen des 21. Jahrhunderts nicht und hätte keine Ahnung von der DNA von SPD und DGB. Mit der Diskussion um eine „Basisrente“ rüttelte Merz am zentralen Versprechen des Sozialstaats – das hätte er wissen müssen.
Es ist richtig, die Bevölkerung auf Einschnitte vorzubereiten, da der demografische Wandel und die wirtschaftliche Lage Herausforderungen darstellen. Doch Merz sollte dazu im Bundestag eine umfassende Rede halten, seine Vorstellungen genau erläutern und so Vertrauen schaffen, Menschen mitnehmen und Mut machen. Stattdessen zerstört sein Verhalten das Vertrauen von Millionen, noch bevor eine Reform konkret wird. So entsteht keine Zuversicht, sondern Angst.
Das fatale Durchstechen
Die CDU spürt die Folgen zunehmend, zumal die Lernkurve des Kanzlers flach bleibt. Merz droht Scholz als gefühlt schlechtester Bundeskanzler den Rang abzulaufen. In der Wählergunst ist er bereits dort, wo sein Vorgänger nach einem Jahr nicht war: in den tiefsten Niederungen. Und wie Scholz zieht Merz seine Partei mit nach unten.
Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern drohen Erfolge der AfD, deren Zustimmung Merz einst halbieren wollte. Die Rechtspartei gewinnt auch in westdeutschen Ländern zunehmend Stimmen. Ihm allein die Schuld zu geben, wäre falsch, doch von Mitverantwortung freizusprechen ebenso. Merz trägt als bedeutendster politischer Repräsentant Deutschlands Verantwortung. Seine Koalition wiederholt Fehler der Ampel, versinkt in Streitigkeiten, und der angekündigte „Herbst der Reformen“ bleibt ungewiss. Leider polarisiert Merz eher, statt zu vereinen – egal, ob das heute überhaupt gelingen kann. Er ist nun einmal der Kanzler.
Fasst man alles zusammen, wird deutlich: Die schwierige Lage, die schlechten Aussichten für CDU und Koalition sowie Merz’ kommunikatives und strategisches Versagen führten zwangsläufig zu Unruhe in seiner Partei, die mit den bevorstehenden Wahlen lauter wird. Merz wird von der Öffentlichkeit und sogar seiner eigenen Partei unter Druck gesetzt. Als am Mittwochmorgen erste Gerüchte auftauchten, die CDU erwäge, ihn durch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst zu ersetzen, konnte man nur ungläubig reagieren: So eine Debatte öffentlich zu führen, muss verrückt sein. Wer solche Informationen bewusst und kollektiv durchsickern lässt – offenbar mehrere Personen – muss wissen, dass damit Merz und die Partei selbst beschädigt werden. Es signalisiert Angst und Glaubensverlust innerhalb der Union.
Keine guten Aussichten
Bald bestätigte sich: Die Meldungen stammen offenbar von CDU-Mitgliedern, die einst auf Merz gesetzt hatten und nun enttäuscht sind, dass er die SPD nicht umgehen oder dominieren kann. Die daraus zu ziehenden Schlüsse sind alarmierend, selbst für CDU-Skeptiker. Sie verheißt nichts Gutes und stärkt die AfD.
Vielleicht sollte das Durchstechen Merz warnen. Vielleicht gilt er als beratungsresistent, sodass Druck aufgebaut werden soll. Vielleicht handeln einige Christdemokraten unbedacht, ohne die verheerenden Folgen zu bedenken, wenn solche Überlegungen ans Licht kommen. Vielleicht herrscht mehr Unmut über Merz, als öffentlich bekannt ist, sogar Panik, das Schicksal der SPD zu teilen und von der AfD verdrängt zu werden. Vielleicht glauben einige, die CDU könnte ohne Merz wieder 30 Prozent erreichen. Vielleicht ist es eine Mischung aus all dem. Der AfD den Rang abzulaufen, ist illusorisch. Im Gegenteil, solche Aktionen stärken sie nur. Wer Merz so bloßstellt, schadet ihm, seiner Koalition und dem ganzen Land.