Britische Juden in Sorge: Zahlt der Iran junge Täter für antisemitische Anschläge?
In Großbritannien wächst die Angst unter jüdischen Bürgern. Grund dafür sind Anschläge auf jüdische Einrichtungen, die in den letzten Monaten von einer neu aufgetretenen Terrorgruppe verübt wurden. Hinter dieser Organisation könnte der Iran stehen.
Mit einer riesigen sauren Gurke in der U-Bahn wurde in London der jüdische Kulturmonat eröffnet. Unter dem Motto „Less Oy More Joy“ – frei übersetzt „weniger Sorgen, mehr Freude“ – präsentiert das Event jüdische Kultur an verschiedenen Orten im ganzen Land. Es ist farbenfroh, künstlerisch gestaltet und bietet kulinarische Spezialitäten. Ziel ist es, zu zeigen, dass jüdisches Leben eng mit Kultur verbunden ist – eine Tatsache, die in Großbritannien in den letzten Jahren zunehmend in den Hintergrund geraten ist.
Seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag, an dem die Terrororganisation Hamas koordinierte Angriffe auf Juden in Israel startete, ist das Leben vieler britischer Juden von Sorgen geprägt und hat sich deutlich erschwert. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern ist auch in Großbritannien eine verstärkte antisemitische Atmosphäre im Alltag spürbar. Das zeigte sich beispielsweise daran, dass eine Veranstaltung im British Museum während des Jewish Culture Month verschoben wurde, da die Gefahr bestand, dass Protestierende das Event stören könnten.
Besonders besorgniserregend sind die wiederholten Übergriffe auf jüdisches Leben. In diesem Jahr kam es mehrfach zu Brandanschlägen auf jüdische Einrichtungen. Im März wurden vier jüdische Krankenwagen in Brand gesetzt, glücklicherweise ohne Verletzte. Im April gab es Angriffe auf Synagogen, eine jüdische Stiftung sowie ein Gemeinschaftszentrum. Ende April stach ein Mann im Londoner Stadtteil Golders Green auf zwei jüdische Menschen ein. Zuvor hatte er offenbar in Südlondon einen Freund mit einem Messer attackiert, bevor er in das überwiegend von jüdischen Familien bewohnte Viertel weiterzog.
Atmosphäre hat sich gewandelt
„Golders Green ist das Zentrum des jüdischen Lebens in London“, erklärt Adrian Cohen, Geschäftsführer des Board of Deputies of British Jews, im Gespräch mit ntv. „Die Golders Green Road, wo der Angriff stattfand, gilt als der jüdischste Abschnitt im Vereinigten Königreich.“ Der Board of Deputies ist die älteste Vertretung der jüdischen Gemeinschaft im Land. Seit seiner Gründung 1760 vertritt er zahlreiche Synagogen und Organisationen und setzt sich politisch für jüdische Interessen ein.
Adrian Cohen steht in engem Kontakt mit jüdischen Gemeinden in London und beobachtet eine veränderte Stimmung. „Wir sind in höchster Alarmbereitschaft, deshalb wurden die Sicherheitsvorkehrungen in den Gemeinden verstärkt. Alle Schulen und Synagogen haben ihre Schutzmaßnahmen überprüft und ausgebaut. Dennoch möchten wir den Menschen zeigen, dass das Leben weitergeht. Unsere Gemeinde ist lebendig und aktiv – viele besuchen jetzt sogar in größeren Gruppen die Synagogen.“
Neue Terrorgruppe tritt auf
Mit „jetzt“ meint er die Zeit nach der Anhebung der Terrorwarnstufe in Großbritannien. Diese Maßnahme wurde von den Behörden nach dem Angriff in Golders Green ergriffen, der als Terroranschlag eingestuft wurde. Trotz der Zusage des scheidenden Premierministers Keir Starmer, 25 Millionen Pfund zusätzlich für die Sicherheit jüdischer Gemeinden bereitzustellen, und eines Gipfels in der Downing Street, der gesellschaftliche Kräfte gegen Antisemitismus bündeln sollte, zeichnet sich ein besorgniserregender Trend ab.
Für viele der Anschläge hat sich die mit dem Iran verbundene Terrororganisation Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia (HAYI) bekannt. Diese Gruppierung ist erst seit wenigen Monaten bekannt. Ermittler vermuten, dass der iranische Staat in gewissem Umfang hinter HAYI steht, einen eindeutigen Beweis gibt es bislang jedoch nicht.
Fest steht, dass HAYI gezielt Angst verbreiten möchte. Das belegt ein Mitte April veröffentlichtes Video der Gruppe, in dem zwei Personen in Schutzanzügen zu sehen sind. Sie drohten mit einem Angriff auf die israelische Botschaft in London mit „radioaktiven und krebserregenden“ Stoffen. Eine gründliche Untersuchung der nahegelegenen Kensington Gardens ergab jedoch keine Gefahr.
Junge Täter sollen angeworben und bezahlt sein
Ermittlungen zeigen, dass besonders junge Menschen für die Brandanschläge auf jüdische Einrichtungen in London verantwortlich sind. Man geht davon aus, dass sie von Iran-nahen Gruppen angeworben und finanziell unterstützt wurden. Es handelt sich also eher um bezahlte Täter als um Überzeugungstäter.
Als Reaktion hat die britische Regierung eine Gesetzesänderung vorgeschlagen, wonach Täter antisemitischer Anschläge, die durch ausländische Mächte gefördert werden, mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden können – selbst wenn sie nicht wissen, für wen sie eigentlich handeln.
Dennoch fühlen sich viele britische Juden in ihrem Land unsicher – und das liegt nicht nur an HAYI, sondern auch am alltäglichen Antisemitismus. Eine Umfrage von Campaign Against Antisemitism aus dem Dezember 2025 ergab, dass 61 Prozent der befragten Juden in den letzten zwei Jahren darüber nachgedacht haben, Großbritannien zu verlassen. Auch Adrian Cohen bestätigt diesen Trend: „Ich habe viele solche Gespräche geführt. Aber es ist nicht einfach, wenn das gesamte Leben, Freunde, Familie und Arbeit hier sind. Darüber zu sprechen ist das Eine, es tatsächlich umzusetzen das Andere“, so Cohen.