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Kanzler in der Warteschleife?: Wüst als größte Herausforderung für Merz

Kanzler im Wartestand?: Wüst ist die größte Bedrohung für Merz

Friedrich Merz, der Bundeskanzler, verzeichnet in aktuellen Umfragen einen deutlichen Einbruch. Als potenzieller Nachfolger aus den eigenen Reihen wird NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst gehandelt, der gegenüber Merz und weiteren Konkurrenten einen bedeutenden Vorteil besitzt.

Angela Merkel hatte die Banken- und Eurorettung während der Finanzkrise einst als „alternativlos“ bezeichnet – ein Begriff, der bei vielen, darunter auch Friedrich Merz, auf Kritik stieß. Merz, damals Oppositionsführer und CDU-Vorsitzender, betonte vor drei Jahren auf dem evangelischen Kirchentag, dass in einer Demokratie nichts und niemand alternativlos sei.

Dies legt nahe, dass auch Merz als Bundeskanzler nicht unumstritten ist. Der Kanzler befindet sich in einer Krise. Dass er beim Deutschen Gewerkschaftsbund ausgepfiffen wurde, gehört für einen CDU-Chef offenbar dazu. Doch nicht nur Gewerkschafter stehen ihm kritisch gegenüber: Lediglich knapp die Hälfte der Unionsanhänger bewertet seine Regierungsarbeit positiv.

Im jüngsten Trendbarometer von RTL und ntv äußerten 84 Prozent der Befragten Unzufriedenheit mit dem Bundeskanzler – schlechtere Werte als selbst sein unbeliebter Vorgänger Olaf Scholz je erreichte.

Wer könnte eine theoretische Alternative darstellen? Die bekanntesten Kandidaten sind die Ministerpräsidenten Markus Söder aus Bayern und Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen. Ein weiteres Trendbarometer zeigt Wüsts klare Vorteile gegenüber Söder: Viele Wähler anderer Parteien trauen ihm mehr zu als dem amtierenden Kanzler.

Mit Kinderwagen souverän an Fotografen vorbei

Besonders unter Grünen-Anhängern genießt Wüst mit 54 Prozent Zustimmung eine hohe Akzeptanz – was auch daran liegen dürfte, dass er eine schwarz-grüne Koalition vergleichsweise geräuschlos leitet. Gleichzeitig präsentiert er sich als moderner und liberaler junger Familienvater, der mehrmals den Kinderwagen vor Fotografen schiebt.

Grünen-Wähler bewerten Wüst somit sogar positiver als viele Unionsanhänger, von denen viele weiterhin Merz unterstützen. Die Frage, ob jemand anderes die Kanzlerschaft besser ausüben könnte, erscheint dort fast unangemessen.

Angesichts der großen Ablehnung Merz’ überrascht es kaum, dass auch Wähler anderer Parteien Alternativkandidaten mehr zutrauen. Frei nach dem Motto: Jeder könnte es besser als Merz! Doch so einfach ist die Lage nicht. Wüst führt in dieser Hinsicht deutlich vor Söder, der außerhalb seiner eigenen Wählerschaft kaum Anklang findet, wie dieselbe Umfrage verdeutlicht.

Wählergruppen außerhalb des eigenen Lagers zu gewinnen, ist heute von unschätzbarem Wert. Aktuell wären 30 Prozent für CDU und CSU auf Bundesebene ein sehr gutes Ergebnis. Um darüber hinaus zu kommen, müssen Kandidaten auch Anhänger anderer Parteien ansprechen. Zahlreiche amtierende Ministerpräsidenten machen dies vor, wie Cem Özdemir in Baden-Württemberg, Dietmar Woidke in Brandenburg, Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Günther in Schleswig-Holstein – und Hendrik Wüst in Nordrhein-Westfalen.

Wie einst Johannes Rau

In Nordrhein-Westfalen erzielte die CDU unter Wüsts Führung 2022 ein beeindruckendes Ergebnis von 35,2 Prozent und übertraf damit das bereits starke Resultat von 2017. Wüst folgt dabei einer Strategie, die auch seinem Vorgänger Laschet zum Erfolg verhalf: ein überparteiliches Auftreten. Würde es eine Anleitung für Nordrhein-Westfalen geben, stünde das bewährte Motto des langjährigen Ministerpräsidenten Johannes Rau (SPD) ganz oben: Versöhnen statt Spalten. Denn zwischen Ruhrgebiet, Münsterland, Ostwestfalen und Rheinland leben so viele unterschiedliche Menschen, dass ein Ministerpräsident sie alle vereinen muss.

Diese Fähigkeit ist auch auf Bundesebene gefragt. Für eine Volkspartei ist es essentiell, sich an den Wählern und nicht nur an den Parteimitgliedern zu orientieren, erklärte Peter Matuschek vom Meinungsforschungsinstitut Forsa Anfang letzten Jahres. Damals versuchte er zu erläutern, warum die Unionsparteien mit Merz an der Spitze nicht dauerhaft die 30-Prozent-Marke überschreiten konnten. „Um eine Wahl zu gewinnen, muss eine Partei auch Wählerschichten außerhalb des eigenen Kosmos erreichen“, so Matuschek.

In den letzten 30 Jahren gelang dies auf Bundesebene nur zwei Persönlichkeiten: Gerhard Schröder für die SPD und Angela Merkel für die CDU. Beide waren innerhalb ihrer Parteien umstritten. Schröder wurde von vielen Sozialdemokraten als zu wirtschaftsfreundlich wahrgenommen, Merkel galt bei Teilen der Union als zu links. Dennoch schafften sie es, frühere Wähler der anderen Parteien zu gewinnen, ohne die eigene Basis zu verlieren. Schröder war für liberale CDU-Anhänger wählbar, Merkel für konservative SPD-Wähler.

Diese Fähigkeit ist heute wichtiger denn je, da die Parteibindungen immer schwächer werden, insbesondere in Ostdeutschland. Dort haben Landtagswahlen bereits Charakter von Personenwahlen angenommen.

Die Bedeutung der Persönlichkeit

In Sachsen wählen viele eher Michael Kretschmer als die CDU. In Mecklenburg-Vorpommern erreichte Schwesig vor fünf Jahren fast 40 Prozent, was nicht allein an einer starken SPD-Stammwählerschaft liegt. In Brandenburg besiegte Woidke die AfD mit der klaren Ansage, er werde bei einer Niederlage nicht Ministerpräsident bleiben. Auch im Westen zeigt sich dieser Trend deutlich: Özdemir gewann in Baden-Württemberg, weil die Menschen ihn und seine Botschaften schätzten. Seine Plakate zeigten vor allem ihn selbst, die Grünen-Logos waren kaum erkennbar.

Als Merz CDU-Vorsitzender wurde, rückte er die Partei in zentralen Fragen wie Migration und Wirtschaftspolitik wieder von der Mitte weg. Sein Auftreten schwankt zwischen einem Dax-Vorstand, einem Schuldirektor und einem besorgten Großvater, wobei die ersten beiden Rollen dominieren. Ausufernde Debatten über angeblich faule oder krankfeiernde Arbeitnehmer schadeten seiner Beliebtheit zusätzlich. Grünen-Politiker Robert Habeck sprach im Wahlkampf 2025 von einer „Merkel-Lücke“, in die er vorstoßen wollte. Damit zielte er auf jene Wähler, die vor allem wegen Merkel CDU wählten – genau diese Wähler sprach Merz nicht mehr an. Er bezeichnete das als „das Profil der CDU schärfen“.

Offenkundig glaubt auch Hendrik Wüst an die „Merkel-Lücke“. Während Merz das Image anhängt, in den 1990er Jahren steckenzubleiben, steht Wüst für eine moderne CDU. Dies gelang ihm durch seine Selbstdarstellung als junger Familienvater und die geräuschlose Zusammenarbeit mit den Grünen.

Hinter diesem Auftritt steckt sicherlich viel Strategie: In jungen Jahren war Wüst ein konservativer Hardliner, der sogar gegen Merkel opponierte. 2007 verfasste er gemeinsam mit Markus Söder und anderen ein Papier mit dem Titel „Moderner bürgerlicher Konservatismus. Warum die Union wieder mehr an ihre Wurzeln denken muss“.

Erfahrung und Glaubwürdigkeit

Der junge Wüst hätte Merz begeistert unterstützt. Der reifere Wüst ehrte Angela Merkel 2023 mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen – zu einer Zeit, als Merz bereits CDU-Chef war. Im selben Jahr veröffentlichte Wüst einen Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in dem er einen Kurs der Mitte für die CDU forderte und sich damit gegen den Rechtsruck unter Merz stellte. Der „Spiegel“ berichtete damals, Merz sei darüber verärgert gewesen. Auch die Wahl des Mediums war eine Botschaft: Merkel hatte sich einst in einem FAZ-Gastbeitrag von Helmut Kohl distanziert und gefordert, die CDU müsse ohne den langjährigen Vorsitzenden neu beginnen – ein Meilenstein in ihrem Aufstieg.

Als Ministerpräsident, ehemaliger Minister und Generalsekretär des CDU-Landesverbandes verfügt Wüst über umfangreiche Erfahrung und bewies bereits seine Fähigkeit zum Comeback. 2010 stürzte er durch eine Affäre, die als „Rent-a-Rüttgers“ bekannt wurde: Er vermittelte Sponsoren Termine mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Doch er kämpfte sich zurück, wurde von Armin Laschet als Verkehrsminister ins Kabinett geholt und folgte ihm schließlich als Ministerpräsident nach, als Laschet Bundeskanzler werden wollte.

Die jüngste Forsa-Umfrage zeigt einen deutlichen Vertrauensvorsprung für Wüst – ein wertvoller Vorteil angesichts des Vertrauensverlustes bei Merz. Seine Regierungserfahrung im bevölkerungsreichsten Bundesland ist ebenfalls ein Versprechen, dass keine groben Fehler passieren – anders als kürzlich bei Merz, dessen Entlastungsprämie über 1000 Euro im Bundesrat scheiterte.

Doch Theorie bleibt Theorie. Ob Wüst tatsächlich ein besserer Kanzler wäre und ob es die Merkel-Lücke wirklich gibt, steht auf einem anderen Blatt. Das weiß Wüst auch selbst, denn als NRW-Ministerpräsident kennt er Adi Preißler. „Grau ist alle Theorie. Entscheidend is‘ auf’m Platz“, sagte der legendäre Kapitän von Borussia Dortmund einst. Merz, ebenfalls BVB-Fan, hat noch drei Jahre im Amt – Stand jetzt.