Nach Syrskyjs Abberufung: Mariupol-Veteran Mychajlo Drapatyj übernimmt Führung der ukrainischen Armee
Bringt die Abberufung von Verteidigungsminister Fedorow und Armeechef Syrskyj wieder Stabilität ins ukrainische Militär? Der deutlich jüngere Mychajlo Drapatyj tritt die Nachfolge von Syrskyj an. Bekannt wurde Drapatyj 2014 durch eine mutige Aktion in Mariupol.
Der 43-jährige Generalmajor Mychajlo Drapatyj wird künftig die ukrainischen Streitkräfte im Kampf gegen die russische Invasion leiten. Präsident Wolodymyr Selenskyj entließ nach anhaltendem Druck von Demonstranten den bisherigen Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj und ernannte den 17 Jahre jüngeren General zu seinem Nachfolger.
In einer Videobotschaft aus Kiew kündigte Selenskyj eine Umstrukturierung des Generalstabs in enger Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium und dem Präsidialamt an. Drapatyj, der seit 25 Jahren im Militärdienst steht, erklärte auf Facebook: „Ich werde verantwortungsbewusst, fokussiert und mit großem Respekt gegenüber denjenigen arbeiten, die heute unser Land verteidigen.“
Der Wechsel an der Spitze der Armee folgte auf tagelange Proteste in zahlreichen ukrainischen Städten, die sich gegen die Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow richteten. Fedorow hatte in seiner Amtszeit von einem halben Jahr die Modernisierung der ukrainischen Armee vorangetrieben, was sich besonders in den erfolgreichen Drohnenangriffen auf russische Ziele zeigte.
Drapatyj setzt auf Technik statt auf Soldatenverschleiß
Der Minister stand jedoch in einem dauerhaften Konflikt mit Oberbefehlshaber Syrskyj, einem Kommandeur alter Schule, der noch zu Sowjetzeiten ausgebildet wurde. Die Demonstranten betrachteten Fedorow als Verfechter einer modernen Kriegsführung, die Technik in den Vordergrund stellt und den unnötigen Verlust von Soldaten vermeidet – ein wichtiger Aspekt angesichts der knappen Personalressourcen der Ukraine.
Nach intensiven Gesprächen mit verschiedenen Kommandeuren traf sich Selenskyj am Dienstagabend erneut mit Fedorow. Der Präsident kündigte an, dass Fedorow eine „würdige Position“ erhalten soll, in der er weiterhin die technische Weiterentwicklung der ukrainischen Streitkräfte vorantreiben kann. Konkrete Details dazu wurden nicht genannt.
Der bei der Bevölkerung beliebte Drapatyj ist nach Walerij Saluschnyj und Olexander Syrskyj der dritte Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor fast viereinhalb Jahren. Bereits 2014 erlangte er als Major Bekanntheit, als er mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter eine prorussische Straßensperre in Mariupol durchbrach und so die Hafenstadt für die Ukraine sicherte.
Im Jahr 2024 trug Drapatyj als Kommandeur dazu bei, den russischen Vormarsch im Gebiet Charkiw einzudämmen. Anschließend wurde er zum Befehlshaber der ukrainischen Bodentruppen ernannt. Im Jahr 2025 trat er von diesem Posten zurück, nachdem bei einem russischen Iskander-Raketenangriff auf eine Ausbildungseinheit zwölf Soldaten ums Leben kamen. Er übernahm die Verantwortung für unzureichenden Schutz der Truppe. Zuletzt leitete Drapatyj eine Armeeeinheit, die für die Verteidigung der Region Charkiw zuständig ist.
Drapatyj fordert ebenfalls eine Reform der Armee
Der „Kyiv Independent“ beschrieb Drapatyj als „den obersten modernen, menschenorientierten Militärführer der Ukraine“. In einem Facebook-Beitrag äußerte er seine Unterstützung für Fedorow und betonte die Notwendigkeit einer Reform der Streitkräfte: „Die Armee braucht Veränderungen, doch ohne Gerechtigkeit bleiben diese für die Soldaten, die diesen Krieg täglich tragen, bedeutungslos.“
Selenskyj würdigte ausdrücklich die militärischen Leistungen des scheidenden Armeechefs Syrskyj bei der Verteidigung von Kiew 2022, Charkiw 2024 sowie beim ukrainischen Vorstoß in das russische Gebiet Kursk 2024. Er betonte, dass auch Drapatyj diese Erfolge anerkenne. Zum neuen kommissarischen Verteidigungsminister ernannte der Präsident Jewhenij Chmara. Drapatyj, Chmara und der Vizechef des Präsidialamts, Pawlo Palissa, sollen gemeinsam die Neuorganisation des Verhältnisses zwischen Verteidigungsministerium und Generalstab vorantreiben.
In der vergangenen Nacht gab es erneut Luftalarme in der Ost- und Zentralukraine aufgrund russischer Drohnenangriffe. Auch die Hauptstadt Kiew war betroffen. Gleichzeitig meldeten russische Regionen wie Orjol, Kaluga und Woronesch zeitweise Drohnen- oder Raketengefahr.