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Ukraine-Oligarchen im luxuriösen Exil: Das Ende der glanzvollen Ära des „Monaco-Bataillons“

Ukraine-Oligarchen im Luxus-Exil: Die goldenen Zeiten des "Monaco-Bataillons" sind vorbei

Inmitten der Zerstörung ihrer Heimat durch Russland in den ersten Kriegsmonaten präsentieren sich viele ukrainische Oligarchen an der Côte d’Azur mit prunkvollen Villen, Yachten und Luxusautos. Doch das sorglose Leben an der Riviera hat mittlerweile Risse bekommen – nicht zuletzt durch einen Anschlag auf einen ukrainischen Geschäftsmann.

Die Geschehnisse erinnern an einen Mafia-Thriller: Ende Juni detonierte vor dem Wohnhaus des ukrainischen Oligarchen Wadym Jermolajew in Monaco eine Bombe. Er selbst, seine Lebensgefährtin sowie ihr 13-jähriger Sohn erlitten schwere Verletzungen, bei der Frau mussten beide Beine amputiert werden.

Als Verdächtige wurde eine 39-jährige Ukrainerin ermittelt, die seit Jahren in Deutschland lebte. Interpol setzte sie zur Fahndung aus. Nur eine Woche später wurde sie nahe Kiew tot aufgefunden – mit Schusswunden am Kopf. Die ukrainische Polizei nahm zwei Männer fest: einen Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes HUR und einen ehemaligen Sicherheitsbeamten.

Der HUR-Mitarbeiter gestand die Tötung der Frau, während die Ermittler vermuten, dass beide Männer auch den Anschlag auf Jermolajew geplant hatten, den die Frau dann ausführte. Der Beschuldigte behauptet, eigenmächtig und ohne Wissen seiner Vorgesetzten gehandelt zu haben. Jermolajew selbst ist überzeugt, dass es sich bei dem Attentat nicht um eine private Angelegenheit handelt, sondern um eine gezielte Operation ukrainischer Geheimdienstler.

Ob der Militärgeheimdienst tatsächlich hinter dem Anschlag steht oder ob es sich um eine persönliche Fehde aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität handelt, bleibt unklar. Sicher ist jedoch, dass Jermolajew in der Ukraine sehr umstritten ist. Der Unternehmer, der seine ukrainische Staatsbürgerschaft bereits 2019 aufgab und heute zyprischer Staatsbürger ist, gehörte lange zu den reichsten Menschen des Landes. In ukrainischen Medien wird er als Symbolfigur des sogenannten „Monaco-Bataillons“ bezeichnet: einer Gruppe von Oligarchen und Superreichen, die sich vor oder kurz nach Kriegsbeginn an die Côte d’Azur zurückzogen und denen vorgeworfen wird, dem Land in seiner existenziellen Krise den Rücken gekehrt zu haben. Vor dem Hintergrund des Anschlags im eigentlich sicheren Fürstentum rückt das „Bataillon“ erneut in den Fokus.

„Elite-Flüchtlinge“

Den Begriff prägte der Journalist Mychajlo Tkatsch mit einer Reportage für die „Ukrainska Prawda“ im August 2022, in der er etwa 80 ukrainische Superreiche dokumentierte, die vor oder nach der Invasion ihre Heimat in Richtung Riviera verließen. Sein Team zeigte eine Welt voller Mega-Jachten, Luxusfahrzeuge mit ukrainischen Kennzeichen und prachtvoller Villen – ein scharfer Gegensatz zu den Bildern der zerstörten ukrainischen Städte. Auch Jermolajew wurde gezeigt, wie er das Casino von Monte-Carlo verließ und in einen Bentley Flying Spur stieg, dessen Preis bei etwa 300.000 Euro beginnt. Damals stand er laut „Prawda“ auf Platz 45 der reichsten Ukrainer und lebte seit Jahren in Monaco als einer der größten Bauträger seiner Heimatstadt Dnipro.

Viele der damals porträtierten „Elite-Flüchtlinge“ waren Anhänger der prorussischen Opposition oder unterhielten geschäftliche Verbindungen nach Moskau, wie auch Jermolajew, gegen den die Ukraine 2023 Sanktionen wegen Aktivitäten auf der von Russland annektierten Krim verhängte. Doch das „Monaco-Bataillon“ ist keine einheitliche Gruppe.

Luxusimmobilien und humanitäres Engagement

Das bekannteste „Mitglied“ Rinat Achmetow ist nicht nur der wohl reichste Ukrainer, sondern auch einer der bedeutendsten privaten Förderer der ukrainischen Armee und Zivilbevölkerung. Über seine Holding SCM kontrolliert er Stahlwerke, Kohleminen und Energieunternehmen in der Ukraine. Zudem gehört ihm der international bekannte Fußballclub Schachtar Donezk. Nach eigenen Angaben stellten SCM, seine Stiftung und der Fußballclub seit Kriegsbeginn rund 340 Millionen Euro für militärische Unterstützung, humanitäre Hilfe und Wiederaufbau bereit.

Achmetow investierte zudem beträchtliche Summen in Immobilien an der Riviera. Anfang 2024 erwarb er eine etwa 2500 Quadratmeter große, fünfstöckige Wohnung im neuen Nobelviertel Mareterra in Monaco. Laut Bloomberg lag der Kaufpreis bei rund 471 Millionen Euro – der teuerste private Immobilienkauf aller Zeiten. Weniger als zehn Kilometer östlich, auf der Halbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat, besitzt der Milliardär seit 2019 die historische Villa „Les Cèdres“, einst im Besitz von König Leopold II. von Belgien, die etwa 200 Millionen Euro wert sein soll. Im Gegensatz zu Jermolajew nutzt Achmetow seine Residenzen an der Riviera nach eigenen Angaben eher als Rückzugsorte und lebt dort nicht dauerhaft.

Auch Wiktor Pintschuk zählt zum „Bataillon“: Stahlmagnat, ehemaliger Abgeordneter, Schwiegersohn des Ex-Präsidenten Leonid Kutschma und einer der bekanntesten Philanthropen des Landes. Pintschuk pflegt seit Jahren enge Verbindungen zum Westen und lud in seinem „Jalta European Strategy“-Forum prominente Persönlichkeiten wie Bill Clinton und Tony Blair ein – ein Netzwerk, das ihm in Kiew den Ruf eines „pro-westlichen Oligarchen“ einbrachte, aber auch Kritik wegen seiner Nähe zur alten Kutschma-Elite. Laut Berichten hält er sich seit Kriegsbeginn nur zeitweise an der Côte d’Azur auf, betont jedoch die Fortführung seiner Programme für ukrainische Veteranen und Verletzte.

Korruptionsvorwürfe und Luxusflucht

Anders verhält es sich bei den Brüdern Hryhorij und Ihor Surkis, die nach Recherchen der „Ukrainska Prawda“ zwei Tage nach Kriegsbeginn auf zweifelhafte Weise aus der Ukraine flohen – angeblich mit 17,6 Millionen US-Dollar Bargeld, das sie illegal in zwei Luxus-SUVs aus dem Land schmuggelten. Ihor Surkis ist seit Jahren Präsident des Fußballclubs Dynamo Kiew, sein Bruder Hryhorij war früher Vorsitzender des ukrainischen Fußballverbands und Mitglied des Parlaments.

Ihr Vermögen bauten beide in den 1990er-Jahren in der Energie- und Finanzbranche auf und sahen sich immer wieder Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Ein besonders kurioser Fall: 1995 versuchten die Surkis-Brüder vor einem Champions-League-Spiel zwischen Dynamo Kiew und Panathinaikos Athen, den Schiedsrichter mit zwei Nerzmänteln und 30.000 Dollar zu bestechen. Das Geschäft kam nicht zustande, Dynamo Kiew wurde letztlich für ein Jahr gesperrt. Französische Medien berichten, dass die Brüder Villen in den Hügeln über Nizza besitzen. Nach Kriegsbeginn sollen sie laut „Prawda“ im Monte-Carlo Bay Hotel & Resort residiert haben – in einem Apartment, das rund 2 Millionen Euro jährlich kostet.

Pro-russischer Politiker mit Luxusvilla an der Côte d’Azur

Politisch besonders brisant ist der Fall Serhij Ljowotschkin. Als Leiter der Präsidialverwaltung unter Wiktor Janukowitsch war er eine Schlüsselfigur der damaligen pro-russischen Regierung. Nach der Flucht Janukowitschs nach Russland infolge der Maidan-Revolution 2014 gehörte Ljowotschkin zu den führenden Köpfen der prorussischen und EU-kritischen Partei „Oppositionsplattform – Für das Leben“. Die von dem ukrainischen Oligarchen Wiktor Medwedtschuk, einem engen Vertrauten von Kremlchef Wladimir Putin, mitbegründete Partei wurde nach Beginn der russischen Invasion verboten. Medwedtschuk wurde nach monatelanger Flucht gefasst und später im Austausch gegen 200 ukrainische Kriegsgefangene nach Russland überstellt.

Ljowotschkin hingegen genießt sein Leben in Europa – trotz des politischen Gegnerschaftsverhältnisses – an einer der teuersten Adressen. Nach Recherchen der „Ukrainska Prawda“ besitzt er ebenfalls eine Villa auf der Halbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat, die Berichten zufolge mit etwa 40 Millionen Euro deutlich bescheidener ist als die seines Nachbarn Achmetow.

Übergang zum „Dubai-Bataillon“

Die Recherchen der „Ukrainska Prawda“ lösten nicht nur Empörung aus, sondern auch Ermittlungen des Staatlichen Ermittlungsbüros. Untersucht wurde, ob Mitglieder des sogenannten „Monaco-Bataillons“ das Kriegsrecht umgangen oder mit Hilfe von Beamten illegal die Grenze passiert hatten. Größere strafrechtliche Folgen für die bekanntesten Namen blieben aus. Seitdem stehen die Akteure jedoch verstärkt im Fokus von Medien, Behörden und Öffentlichkeit.

Wie viele ukrainische Oligarchen heute noch an der Riviera leben, ist unklar. Der ukrainische Botschafter in Frankreich, Wadym Omeltschenko, schätzt ihre Zahl auf 20 bis 30 – deutlich weniger als die etwa 80, die Tkatschs Team 2022 dokumentierte. Einige haben Dubai als neuen Standort gewählt, andere kehrten zurück oder verloren ihr Vermögen, so Omeltschenko gegenüber französischen Medien. Tatsächlich prägte die „Ukrainska Prawda“ wenig später den Begriff „Batallion Dubai“ für wohlhabende Ukrainer, die in die Emirate geflohen sind.

Für viele der verbliebenen Oligarchen ist das Leben an der Riviera längst nicht mehr so unbeschwert wie früher. Wer seinen Reichtum gerne zur Schau stellte, möchte die Aufmerksamkeit der kritischen Öffentlichkeit inzwischen eher vermeiden. Nach dem Anschlag auf Jermolajew gewinnt auch die Frage der Sicherheit für manche eine größere Bedeutung. Die glanzvollen Zeiten des „Monaco-Bataillons“ scheinen endgültig vorbei zu sein.