dm und Lidl fordern die Zukunft der Apotheken heraus: Brauchen wir sie noch?
In Deutschland schließen immer mehr Apotheken ihre Türen. Die kürzlich in Kraft getretene Apothekenreform soll diesen Trend stoppen. Doch die Konkurrenz aus Versandapotheken, Drogerieketten und Discountern wächst stetig und macht den Markt immer umkämpfter. Hessische Ärzte schlagen sogar vor, dass viele Apotheken überflüssig werden könnten.
Apotheken sind oft der erste Ansprechpartner bei Fragen zu Medikamenten: Sie verkaufen und beraten zu Pillen, Zäpfchen und Cremes und stellen teilweise Medikamente selbst her. Mit der Reform, die Anfang Juli wirksam wurde, erhalten Apotheken neue Aufgaben und verwandeln sich zunehmend in erweiterte Gesundheitszentren. Neben Grippe- und Corona-Impfungen dürfen sie künftig auch Impfungen mit Totimpfstoffen wie gegen Tetanus oder FSME anbieten. Außerdem können sie Blut abnehmen, Schnelltests durchführen und Vorsorgeuntersuchungen anbieten.
Die Reform ist ein Versuch, das Sterben der Apotheken zu stoppen. Seit 2013 musste jede fünfte Apotheke schließen, allein im vergangenen Jahr waren es rund 500. Besonders in ländlichen Regionen stellt das ein Problem dar.
Thomas Preis, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), führt den Rückgang vor allem auf zu geringe Honorare zurück. Nach 13 Jahren Pause hat das Bundeskabinett im Juli die Vergütung erhöht: Für jede rezeptpflichtige Packung erhalten Apotheken nun 9,00 Euro statt zuvor 8,35 Euro. Ab Januar 2027 soll das Honorar nochmals auf 9,50 Euro steigen. Über 80 Prozent ihres Umsatzes erzielen Apotheken mit verschreibungspflichtigen Medikamenten.
Diese Entwicklung ist zwar positiv für die Apotheken, aber belastet die Beitragszahler. Die gesetzlichen Krankenkassen müssen in diesem Jahr 250 Millionen Euro mehr zahlen, im nächsten Jahr sogar 875 Millionen Euro. Zusätzlich dürfen Apotheken auf den Medikamentenpreis eine Gewinnmarge von drei Prozent aufschlagen.
Medikamente bei dm und Rossmann
Das Problem: Die Vor-Ort-Apotheken sind nicht mehr die einzigen Anbieter rezeptpflichtiger Medikamente. Dank des E-Rezepts haben auch Online-Apotheken wie Redcare Pharmacy (ehemals Shop Apotheke) und DocMorris ihren Umsatz im vergangenen Jahr um sechs Prozent gesteigert, berichtet der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (Bevh).
Auch andere Branchen entdecken den lukrativen Medikamentenmarkt für sich. Seit Dezember bietet die Drogeriekette dm eine eigene Online-Apotheke mit rezeptfreien Arzneimitteln an. Rossmann plant, zum Jahresende nachzuziehen und auch E-Rezepte für Kassenpatienten zu akzeptieren. Laut dem „Handelsblatt“ bereitet sich zudem Lidl auf den Einstieg in den Onlinehandel mit rezeptfreien Medikamenten vor.
Handelsexperte Carsten Kortum von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn ist im MDR überzeugt: Bald werden auch Discounter und Supermärkte Arzneimittel anbieten. Die Sortimente von Drogerien, Apotheken und Lebensmittelhändlern wachsen immer mehr zusammen. Künftig werden Kunden im Supermarkt nicht nur Drogerieprodukte, sondern auch Gesundheitsartikel einkaufen können.
Ärztevertreter hinterfragen die Notwendigkeit von Apotheken
Wenn Onlinehändler bereits Nasenspray und Hustenmittel direkt nach Hause liefern, stellt sich die Frage: Brauchen wir Apotheken überhaupt noch? Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen verneint dies. Die Vorsitzenden Frank Dastych und Armin Beck halten Apotheken für eine teure Institution, die den Staatshaushalt mit Milliarden belastet, ohne echten Mehrwert zu bieten.
Nach Ansicht der hessischen Ärzte werden in Apotheken zu 95 Prozent fertige Arzneimittel abgegeben, was kaum noch etwas mit Pharmazie zu tun habe. Stattdessen finanzierten sich Apotheken durch den Verkauf von Gummibärchen und Kosmetikartikeln.
Für die Bevölkerung wären demnach weniger Apotheken ausreichend. Die KV Hessen schlägt vor, für je 250.000 Einwohner eine Regionalapotheke mit rund um die Uhr verfügbarem Fahrdienst einzurichten. Die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln könne so günstiger sichergestellt werden. Viele Medikamente könnten direkt von Ärztinnen und Ärzten in der Praxis ausgegeben werden, der Rest werde online bestellt und an Abholstellen in Drogeriemärkten bereitgestellt.
Wettbewerbszentrale klagt gegen dm
Der Vorschlag aus Hessen hat jedoch einen Haken: Ärzte dürfen bislang keine Medikamente verkaufen und Drogerien dürfen nur frei verkäufliche, rezeptfreie Produkte wie Vitamine oder Erkältungstees anbieten. Verschreibungspflichtige Medikamente dürfen ausschließlich Apotheken abgeben, so schreibt es das Arzneimittelgesetz vor.
Bei dm finden Kunden dennoch apothekenpflichtige Arzneimittel – über einen Umweg: Der Konzern nutzt eine eigene Versandapotheke in Tschechien. Ähnlich verfahren auch die großen Versandapotheken Redcare Pharmacy und DocMorris, die aus den Niederlanden operieren. Rossmann plant ebenfalls, Medikamente von dort zu versenden.
Die Wettbewerbszentrale kritisiert, dass dadurch das deutsche Apothekenrecht umgangen wird und die Trennung von Drogerie- und Medikamentensortimenten verschwimmt. Anfang des Jahres reichte sie eine Klage gegen dm beim Landgericht Karlsruhe ein, um die Rechtmäßigkeit dieses Geschäftsmodells prüfen zu lassen. Das Urteil könnte auch für andere Anbieter wie Rossmann von Bedeutung sein.
dm-Chef Christoph Werner sieht die Sache gelassen: „Wenn andere Wettbewerber das ebenfalls tun wollen, kann das nicht völlig falsch sein“, sagte er im Februar gegenüber dem TV-Sender Welt. „Das ist eine gewisse Bestätigung.“
Apotheke als „Tankstelle der Gesundheit“
Ohne innovative Ansätze werden es stationäre Apotheken jedoch schwer haben, sich gegen Online-Angebote zu behaupten, meint David Matusiewicz von der FOM Hochschule Essen im ARD-Interview. „Heute ist die Apotheke vor allem ein Ort der Arzneimittelausgabe. Morgen könnte sie zur ‚Tankstelle der Gesundheit‘ werden“, so der Gesundheitsökonom. Die Bereiche Prävention und Langlebigkeit bieten dabei enorme Wachstumschancen.
Mehr Wettbewerb könne nur förderlich sein, sagt Handelsexperte Kortum im MDR, da er Innovationen anrege. Er ist überzeugt, dass Apotheken sich weiterentwickeln und anpassen werden, um konkurrenzfähig zu bleiben – sehr zur Hoffnung der Beitragszahler.