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Spionageaffäre in Italien: Russische Geheimdienste mit umfangreicher Wunschliste für ihre Agenten vor Ort

Spionageskandal in Italien: Russische Geheimdienste hatten lange Wunschliste für ihre italienischen Agenten

Der Kreml strebt danach, möglichst viele Details über die italienische Rüstungsbranche zu erhalten. Dabei wird Italien offenbar als Tor nach Europa genutzt. Auch der Vatikanstaat steht dabei im Fokus russischer Aktivitäten.

Russische Geheimdienste könnten durch zwei ehemalige italienische Agenten ein noch weitreichenderes Spionagenetz aufgebaut haben als bisher angenommen. Das berichtet die italienische Zeitung „Il Messaggero“. Über Italien wollte Moskau offenbar auch Informationen zu Rüstungs- und Militärstrategien der Europäischen Union sammeln.

Die beiden ehemaligen Agenten Raoul Gavino Piras und Vincenzo Di Pasquale, beide 59 Jahre alt und seit längerer Zeit im Ruhestand, fungierten als Türöffner in diesem Spionagefall, der vergangene Woche publik wurde. Beide wurden mittlerweile festgenommen und befinden sich unter Hausarrest.

Als Auftraggeber wurden die Militärattachés Mikhail Vasilyevich Astakhov und Ivan Petrovich Gorbachev von der russischen Botschaft in Rom identifiziert. Während der russische Botschafter Aleksej Paramanov ins italienische Außenministerium einbestellt wurde, erfolgte die Ausweisung von Astakhov und Gorbachev.

Russlands Interesse am Vatikan

Dem „Messaggero“ zufolge zeigte Russland auch großes Interesse an Informationen aus dem Vatikan. In einem abgehörten Gespräch soll Piras seinem Kompagnon Di Pasquale berichtet haben, dass er selbst Geld vorgestreckt habe, um einen Informanten im Vatikan zu bezahlen. Ob diese Aussage der Wahrheit entspricht oder Piras sich lediglich profilieren wollte, ist noch unklar.

Piras und Di Pasquale, die wegen mutmaßlicher Spionage und unbefugtem Zugriff auf Datensysteme angeklagt sind, bestreiten jegliche Schuld. Der Verteidiger von Di Pasquale erklärte vor Medienvertretern, sein Mandant sei Opfer einer unglücklichen Freundschaft mit Piras geworden. Piras wiederum gab an, er habe lediglich Informationen weitergegeben, die ohnehin öffentlich zugänglich waren.

Die Ermittler verfügen über Videoaufnahmen, die zeigen, wie Piras Dokumente an Astakhov übergibt und im Gegenzug Geld erhält. Laut der Tageszeitung „La Repubblica“, die Einsicht in die Ermittlungsakten hatte, betrug die Bezahlung 4000 Euro pro Auskunft. Die Treffen fanden an abgelegenen Orten statt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Die russische Wunschliste

Besonders interessiert waren die Russen neben den Vorgängen im Vatikan an technischen Details und neuen Rüstungssystemen. Bei einer Hausdurchsuchung bei Piras wurde eine Art Wunschliste gefunden, auf der detailliert vermerkt war, welche Informationen sie anstrebten. Dazu gehörten das italienische Raumfahrt- und Rüstungsunternehmen Avio, das Flugabwehrraketensystem SAMP/T, die Flugabwehrrakete Aster sowie unbemannte U-Boote.

Ein besonderes Augenmerk galt dem Panzer, den der italienische Rüstungskonzern Leonardo gemeinsam mit dem deutschen Rheinmetall-Konzern entwickelt. Zudem wollten die Russen wissen, wie effektiv die Angriffe auf die iranische Nuklearinfrastruktur waren, welche Verteidigungsziele die EU verfolgt und wie Italiens Kapazitäten für den Bau von Langstreckenraketen für die Ukraine stehen. Auch Informationen zu Italiens Waffenlieferungen an die Ukraine waren von Interesse.

„Nur die Spitze des Eisbergs“

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und ihre Koalitionspartner verfolgen die Ermittlungen mit großem Interesse, auch wenn Verteidigungsminister Guido Crosetto betont, dass nicht nur Italien Ziel russischer Spionage ist. „Das ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs“, so Crosetto. Italien sei verwundbar, jedoch nicht mehr als andere Länder: „Uns allen fehlen die notwendigen Schutzmechanismen.“

Dennoch fühlt sich die italienische Regierung besonders beobachtet. Zum einen, weil dies nicht der erste russische Spionagefall ist. Bereits 2021 wurde ein Fall bekannt, bei dem ein italienischer Fregattenkapitän geheime NATO-Dokumente an Russland weitergegeben hatte.

Hochrangige Putin-Sympathisanten

Hinzu kommen italienische Politiker, teilweise in Spitzenpositionen, die Sympathien für Putin hegen. Dazu zählt etwa Lega-Chef und Vizepremier Matteo Salvini. In anderen Regierungsparteien besteht die Sorge, dass Italien angesichts der russischen Spionageaktivitäten als schwächeres Glied in Europa wahrgenommen werden könnte. Ein Blick auf die Wunschliste bestätigt dies. Das Raketenabwehrsystem SAMP/T und die Aster-Raketen stammen von EUROSAM, einem europäischen Konsortium, in dem das italienische Rüstungsunternehmen Leonardo gemeinsam mit französischen und britischen Partnern kooperiert.

Außerdem wurde Ende 2024 das Joint Venture Leonardo Rheinmetall Military Vehicles (LRMV) gegründet, das neue Kampfpanzer für die europäischen Streitkräfte entwickeln und produzieren soll. Leonardo und Rheinmetall halten jeweils 50 Prozent an LRMV. Der italienische Staat besitzt 30 Prozent an Leonardo, dem wichtigsten Rüstungskonzern Italiens.

Nachdem die beiden russischen Militärattachés ausgewiesen wurden, stellt man sich in Rom die Frage, wen der Kreml im Gegenzug aus Italien ausweisen wird. Als möglicher Kandidat gilt Vittorio Parrella, Militärattaché an der italienischen Botschaft in Moskau. Bemerkenswert ist, dass bis drei Monate nach dem russischen Angriff auf die Ukraine General Roberto Vannacci diese Position innehatte. Auch er ist ein Putin-Anhänger und sorgt mit seiner neugegründeten rechtsextremen Partei Futuro Nuovo für Unruhe in der italienischen Politik und setzt Ministerpräsidentin Meloni unter Druck.