Stefan Evers soll Berliner CDU nach Wegners Rückzug wieder nach vorne bringen
Nach dem Rücktritt von Kai Wegner benötigt die Berliner CDU einen neuen Spitzenkandidaten – diesen findet sie in Stefan Evers. Er steht nun vor der Herausforderung, im Wahlkampf einen schnellen Durchbruch zu erzielen, denn bislang ist er kaum bekannt.
Etwa zwei Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus tauscht die Berliner CDU ihren Spitzenkandidaten aus. Finanzsenator Stefan Evers soll die Partei nun in den Wahlkampf führen. Wie CDU-Fraktionschef Dirk Stettner am Rande des Treffens berichtete, haben sich die Kreisvorsitzenden der Hauptstadt-CDU am Abend für Evers ausgesprochen.
Der aus Westfalen stammende Evers übernimmt die Spitzenkandidatur zu einer äußerst schwierigen Phase für die CDU. Die Partei ist in den Umfragen deutlich gefallen – zuletzt erreichte sie nur noch 17 Prozent und rangiert damit hinter Linken, Grünen und AfD auf dem vierten Platz. Die aktuelle Regierungskoalition mit der SPD unter Führung von Bürgermeister Kai Wegner verfügt schon seit geraumer Zeit nicht mehr über eine Mehrheit. Innerhalb der CDU wurde angesichts der schwachen Umfragewerte und der kurzen Zeit bis zur Wahl am 20. September oft die Frage gestellt, wer sich diese Aufgabe sonst noch antun wolle.
Evers’ Nominierung gilt als sicher
Die Kreisvorsitzenden haben sich für Evers als Spitzenkandidaten entschieden. Dieser erklärte anschließend, er nehme die Spitzenkandidatur und vorübergehend auch den Landesvorsitz der CDU in dieser herausfordernden Lage an. Die endgültige Entscheidung fällt voraussichtlich am Montag durch den CDU-Landesvorstand, wobei eine Zustimmung als sehr wahrscheinlich gilt. Evers betonte, dass die CDU bis zur Wahl am 20. September viel erreichen könne, wenn sie geschlossen, engagiert und fokussiert auf das Wesentliche agiere. „Ich bin bereit, diese Verantwortung zu übernehmen“, so Evers.
Für Evers steht eine anspruchsvolle Aufholjagd bevor, zumal er als Finanzsenator bislang nicht zu den bekanntesten Landespolitikern zählt. Dieses geringe öffentliche Profil gilt als Nachteil, denn fehlende Bekanntheit erschwert die Wahlentscheidung der Wähler. Andererseits setzen viele CDU-Mitglieder große Hoffnungen in Evers, da sie Wegner nicht mehr zutrauten, die Partei aus dem Umfragetief zu führen. Zudem ist Evers von den Vorwürfen, die gegen Wegner erhoben wurden, nicht betroffen.
Der Druck auf Wegner war zuletzt enorm: Am Freitagnachmittag kündigte er überraschend seinen Rückzug als CDU-Spitzenkandidat an. Er erkannte, dass die Diskussionen um seine widersprüchlichen Angaben zum Krisenmanagement während des großen Stromausfalls in Berlin Anfang des Jahres nicht abreißen würden. Aufgrund immer neuer Hinweise auf Unstimmigkeiten wuchs in der CDU die Sorge, welche weiteren Enthüllungen noch folgen könnten.
Eralp: „Wegner geht, aber die CDU bleibt“
Auch Evers steht unter erheblichem Gegenwind. Die Opposition übt scharfe Kritik: „Mit der Nominierung von Stefan Evers versucht die CDU, einen Neustart vorzutäuschen“, sagte Grünen-Landesvorsitzende Nina Stahr. „Doch am 20. September entscheiden die Wähler über Parteien – und die Bilanz der drei Jahre CDU-Regierung muss auch Evers verantworten.“ Seine Haushaltspolitik habe Berlin in eine Phase der Unsicherheit gestürzt und Chaos bei sozialen Trägern, Wissenschaft und Kultur ausgelöst.
AfD-Landeschefin und Spitzenkandidatin Kristin Brinker äußerte sich ähnlich kritisch: „Evers ist das letzte Aufgebot der CDU und als Finanzsenator verantwortlich für die höchste Verschuldung in der Geschichte Berlins“, bemängelte sie. „Wegner ist weg, doch das System Wegner bleibt bestehen, denn mit Stefan Evers wird sein engster Vertrauter zum Spitzenkandidaten.“ Seine Kandidatur sei kein Neubeginn, sondern ein „Weiter so“ mit anderer Führungspersönlichkeit.
Auch Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp sieht die CDU skeptisch: „Wegner geht, aber die CDU bleibt, egal wer sie anführt“, sagte sie. „Eine Partei, die gegen die Interessen Berlins arbeitet, gegen die Menschen, die die Stadt täglich am Laufen halten, und die jegliches Vertrauen verspielt hat.“
Innerhalb der Berliner CDU gilt Evers als vielseitiges Talent. Der 46-Jährige ist seit 2023 Finanzsenator und hat darüber hinaus die Aufgaben der parteilosen Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson übernommen, nachdem diese Ende April wegen der Fördergeld-Affäre zurückgetreten war. Auch aus anderen Teilen der Union gibt es Lob für die Personalentscheidung. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst bezeichnete Evers im „Tagesspiegel“ als „perfekte Wahl für Berlin“. Evers könne integrieren und gleichzeitig führen. „Er kann als Regierender Bürgermeister die Bundeshauptstadt erfolgreich und nachhaltig gestalten.“
Sein Parteifreund, der hessische Ministerpräsident Boris Rhein, nannte Evers den passenden Kandidaten für einen schnellen und erfolgreichen Richtungswahlkampf. „Berlin hat unter Evers als Senator nach dem Wahlchaos von Rot-Rot-Grün eine Trendwende geschafft.“