Staatliche Beteiligung vermutet: Staatsanwaltschaft verdächtigt Kiew im Nord-Stream-Anschlag
Die Explosion an den Nord-Stream-Pipelines erfolgte durchdacht und mit hoher Effizienz. Nach umfangreichen Ermittlungen wird der mutmaßliche Haupttäter bald vor einem deutschen Gericht erscheinen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Auftrag direkt aus Kiew stammte.
Die Bundesanwaltschaft vermutet, dass die Anschlagspläne auf die Nord-Stream-Pipelines im Auftrag ukrainischer Regierungsstellen entstanden sind. Dies geht aus Details der Anklageschrift gegen einen ehemaligen ukrainischen Offizier hervor, die von der Karlsruher Behörde veröffentlicht wurden. Ziel der Sabotage war es demnach, die Gaslieferungen dauerhaft zu unterbinden, um Russland die Finanzierung des Ukraine-Krieges durch Einnahmen aus Gasverkäufen zu erschweren.
Im September 2022 wurden die Pipelines, die für den Transport von russischem Gas nach Deutschland errichtet wurden, durch Sprengladungen schwer beschädigt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Leitungen nicht in Betrieb: Russland hatte die Lieferungen über Nord Stream 1 kurz zuvor eingestellt, vermutlich als Reaktion auf westliche Sanktionen wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Nord Stream 2 wurde nie in Betrieb genommen.
Unmittelbar nach den Anschlägen übernahm die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen. Im August 2025 wurde der Ukrainer Serhii K. während eines Urlaubs in Italien festgenommen und später nach Deutschland ausgeliefert. Er befindet sich in Untersuchungshaft. Die Anklage gegen ihn wurde am Mittwochabend veröffentlicht. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, als Mittäter eines Kriegsverbrechens im Zusammenhang mit Angriffen auf zivile Einrichtungen beteiligt gewesen zu sein, außerdem Anklagen wegen Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, Zerstörung von Bauwerken und Störung öffentlicher Dienste.
Segelyacht mit gefälschten Dokumenten angemietet
Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 sollen K. und weitere Militärangehörige den Plan zur Zerstörung der Gasleitungen ausgearbeitet haben. Eine Gruppe aus Berufstauchern, einem Skipper sowie einem Sprengstoffexperten wurde gebildet, die K. anführte.
Am 4. September 2022 reiste K. laut Angaben mit einem gefälschten ukrainischen Reisepass über Polen nach Deutschland ein. Anschließend bestiegen er und die anderen Gruppenmitglieder eine hochseetaugliche Segelyacht. Diese war zuvor mithilfe gefälschter Ausweispapiere über Mittelsmänner bei einem deutschen Unternehmen in Rostock gemietet worden.
Mit dem Schiff transportierte die Gruppe offenbar größere Mengen militärisch nutzbarer Hochleistungssprengstoffe in internationale Gewässer bis nahe der dänischen Insel Bornholm. Dort befestigten sie Sprengsätze mit Zeitzündern am Meeresgrund an den Gasleitungen. Die Explosionen am 26. September 2022 verursachten schwere Schäden an beiden Pipelines.
Über die Zulassung der Anklage gegen K. sowie ein mögliches Gerichtsverfahren entscheidet nun das Oberlandesgericht Hamburg. Sein italienischer Verteidiger Nicola Canestrini äußerte, die Verteidigung sehe der Anklageerhebung gelassen entgegen: „Im Gegenteil, wir begrüßen sie.“ Der Prozess werde die Fakten und Verantwortlichkeiten umfassend aufklären und zeigen, dass eine Verurteilung des Angeklagten nicht in Betracht komme, erklärte er. K. wird zudem von einer deutschen Kanzlei vertreten, die die Anklage ebenfalls am Mittwochabend bestätigte.