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Berlin Tag & Macht: Watergate in Thüringen – Wie ich Björn Höcke suspendierte

Berlin Tag & Macht: Watergate in Thüringen: Als ich Björn Höcke suspendierte

Fehler passieren. Manchmal werden Beurlaubung und Suspendierung verwechselt. Manchmal auch Westdeutsche mit Amerikanern. Deshalb gilt es heute, einen Skandal aufzuarbeiten, der Deutschland stärker erschüttert als betende Fußballnationalspieler: die Unschuld von Björn Höcke. Eine schonungslose Selbstkritik.

Meine Großmutter war nie ein großer AfD-Anhänger. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, bei der die Partei erstmals einen Ministerpräsidenten stellen könnte, stellte sie gern eine Scherzfrage: „Was unterscheidet die AfD von einer Batterie?“ Und lieferte die altbekannte Antwort: „Die Batterie hat auch eine positive Seite!“

Solche „Was ist der Unterschied“-Witze waren eine Zeit lang sehr beliebt und erreichten irgendwann sogar meine über 90-jährige Oma im beschaulichen Walsrode in Westniedersachsen. Gäbe es diese Art Humor noch heute, müsste sie leider auch folgende Weisheit hören: Was unterscheidet Marie von den Benken von Baron Münchhausen? Beim Baron stimmt gelegentlich sogar etwas!

Ja, das tut weh. Doch als Teil der kompromisslosen Transparenz dieser politischen Wohlfühlkolumne ist es notwendig, auch dann den Finger in die Wunde zu legen, wenn der Schmerz die Autorin selbst trifft. Und ich muss eingestehen: Die vergangene Woche war für mich als Kolumnistin ähnlich erfolglos wie Spaniens WM-Auftritt – mit großen Vorschusslorbeeren gestartet, am Ende beschämend gescheitert und ausgelacht.

Björn Höcke hat mir keine Heimat gegeben

Was war also das Lamine Yamal der Politberichterstattung? In der Vorwoche erschien hier eine ausführliche Analyse zur Herkunftsdebatte einiger bekannter Politiker mit dem Titel „Björn Höcke hat mir eine Heimat gegeben“. Dieses sonst mit Fakten gesättigte Werk brachte die knapp 21,8 Millionen Stammleserinnen und -leser sowie die AfD-nahen Bonusleser zum Weinen – allerdings nicht vor Begeisterung über sprachliche Meisterleistungen, sondern aus Empörung über falsche Behauptungen. Ausgerechnet über die größte Hoffnung des besorgten Bürgertums seit Franz Schönhuber: Björn „Alles für Deutschland“ Höcke.

Während der unbescholtene Mahnmal-Experte Höcke („Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande mitten in die Hauptstadt gestellt hat“) als wahrheitsradikaler Aufklärer der Rechtsrandselbstdenker ein wenig über die Amerikanisierung Westdeutschlands sinnierte, unterlief dem Rechercheteam, das diese Kolumne versorgt, ein schwerwiegender Fehler. Leider wurde eine falsche Behauptung aufgestellt, die Landolf Ladig niemals passiert wäre.

Die Leiden des jungen Höcke

Statt jede Aussage formaljuristisch sauber mit Quellen zu belegen, schlich sich der übliche Mainstream-Schlendrian ein. Das Ergebnis: Die ursprüngliche Darstellung von Thüringens bekanntestem Zukunftsnostalgiker war fehlerhaft. Björn Höcke war selbstverständlich nicht „Geschichtslehrer, bevor er erst rechtsextremer Politiker und dann suspendiert wurde“, wie zunächst behauptet. Diese Formulierung ist falsch.

Vielmehr gilt: Björn Höcke war Geschichtslehrer, bevor er rechtsextremer Politiker wurde und im Zuge seines Landtagsmandats beurlaubt wurde. Diese Korrektur ist wichtig, auch wenn meine Texte dadurch im Vergleich zu Uli Hoeneß’ Steuererklärungen von 2003 bis 2009 fast märchenhaft wirken.

Auch nicht suspendiert: Winfried Kretschmann

Die Beurlaubung von Beamten im Schuldienst wegen politischer Mandate ist kein Privileg Höckes. Es ist gängige Praxis. Viele Abgeordnete aller Parteien waren früher im Schuldienst und wurden beurlaubt, weil sich der Schulalltag nicht mit politischer Arbeit vereinbaren lässt – oder wie Sahra Wagenknecht es nennt: Serviervorschlag.

Ein ähnlich prominentes Beispiel neben Höcke ist Winfried Kretschmann. Der schwäbische Grüne war ebenfalls im Schuldienst tätig und wurde mit Beginn seiner Parlamentskarriere nicht suspendiert, sondern beurlaubt. Diese Beurlaubung führte zu 15 Jahren als Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Doch die Recherchepanne endet nicht beim Höcke-Fauxpas. Eine gründliche Überprüfung durch professionelle Faktenchecker deckte weitere spektakuläre Fehler auf, die ich hier offen und ehrlich aufliste:

1. Annalena Baerbock ist keine Amerikanerin

2. Die ZDF-Sendung „heute show“ ist keine linksradikale Propaganda-NGO

3. Friedrich Merz ist kein Amerikaner

4. Es gibt AfD-Sympathisanten, die „Ersatzidentität“ fehlerfrei schreiben können

5. Lars Klingbeil ist kein Amerikaner

6. Maximilian Beier ist nicht der einzige echte Deutsche im WM-Kader

7. Alexander Dobrindt ist kein Amerikaner

8. Gelsenkirchen liegt nicht in Amerika

9. Johann Wadephul ist kein Amerikaner

10. Bärbel Bas ist keine Amerikanerin

Um solche gravierenden Fehlinformationen künftig zu vermeiden, werde ich alle Behauptungen in meinen Texten von Deutschlands führendem Lyrikkritiker Tino Chrupalla auf Fakten prüfen lassen. Rückwärtsgewandte Nationalromantiker wie Björn Höcke sind für unsere Kultur von unschätzbarem Wert. Wir dürfen zukunftsorientierte Kulturkämpfer wie ihn nicht diskreditieren. Dieser Artikel versteht sich daher als Hommage und Entschuldigung an Björn Höcke.

Denn was unterscheidet Deutschland von ABBA? Genau: Keinen Unterschied, denn ohne Björn würde niemand beide kennen. Die Lehre aus diesem Vorfall ist klar: Nicht jeder Politiker landet beim Verfassungsschutz, und Björn Höcke wurde nie suspendiert. Doch jeder Kolumnist sollte den Unterschied zwischen beurlaubt und suspendiert kennen – denn dazwischen liegen im Beamtenrecht Welten. Etwa so groß wie zwischen der Deutschen Bahn und pünktlicher Ankunft.