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Putin kritisiert Selenskyj scharf und ruft russische Firmen zum Abzug aus Moskau auf

Selenskyj sei "unverschämt": Putin bittet Russlands Unternehmen, aus Moskau wegzugehen

Beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg präsentierte sich Wladimir Putin gewohnt selbstsicher und übte Kritik an Wolodymyr Selenskyj. Gleichzeitig richtete er eine ungewöhnliche Aufforderung an die russische Wirtschaftselite, die auf Sorgen hinsichtlich der Verwundbarkeit Moskaus schließen lässt.

Putin hielt auf dem St. Petersburg International Economic Forum eine Rede, die in vielen Passagen bekannt klang: Russland gewinnt, der Westen verliert, und die multipolare Weltordnung setzt sich durch. In seiner über zwei Stunden langen Grundsatzrede wiederholte er seine vertrauten Aussagen: Russland zählt zu einer Gruppe aufstrebender, antikolonialer Mächte, während Europa und die USA an Einfluss verlieren. Ein Nachgeben im Krieg gegen die Ukraine komme für ihn nicht infrage. Ähnliche Aussagen tätigte er bereits am Vortag in einem Gespräch mit internationalen Medienvertretern. Doch diesmal zeigte sich Putin am Ende seiner Rede weniger siegessicher.

Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) hätten die G7 deutlich beim globalen Wirtschaftswachstum überholt, erklärte Putin. Ihr Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt liege bei etwa 40 Prozent, während die G7-Staaten unter 29 Prozent rangierten. Fast die Hälfte des globalen Wachstums in den letzten fünf Jahren sei auf die BRICS zurückzuführen, wobei vor allem die Bevölkerungsriesen China und Indien maßgeblich dazu beitrugen. In Russland wachse dagegen vor allem der Rüstungssektor, der durch staatliche Rubelzufuhr gestützt werde.

Putin ergänzte, dass mittlerweile 65 Prozent der russischen Exporte in Rubel abgewickelt würden. Dies zeige, dass die Abhängigkeit vom Handel in US-Dollar abnehme und die Sanktionen an Wirkung verlören. Der Westen habe durch Sanktionen und insbesondere die Einfrierung russischer Reserven die Position von Dollar und Euro dauerhaft geschwächt. Er warnte, dass jeder Staat einem ähnlichen Schicksal ausgesetzt sein könne, da westliche Vorwände von geopolitischen Konflikten bis zu ideologischen Motiven reichen. Die europäische Bürokratie bezeichnete er als kurzsichtig und aggressiv, da sie Chaos verursache und versuche, weitere Länder einzubeziehen. Das westliche System basiere auf Abhängigkeiten und Ressourcenausbeutung und sei am Ende.

Treffen mit Selenskyj hält Putin für sinnlos

Am Ende seines Auftritts reagierte Putin ungewöhnlich scharf auf den am Vortag erhaltenen offenen Brief von Wolodymyr Selenskyj. Er kritisierte, dass Kiew eine öffentliche Debatte suche, was er für „völlig falsch“ halte. Zugleich behauptete er, Selenskyj habe kürzlich über einen russischen Geschäftsmann ein Treffen mit ihm angefragt. Grundsätzlich schließe er direkte Gespräche nicht aus, wolle aber keine ergebnislosen Verhandlungen führen, die „von einem leeren Gefäß in ein anderes“ führten.

Ein Gipfeltreffen diene vor allem dazu, den Vormarsch russischer Truppen zu stoppen. Zuerst müssten Lösungen für den Konflikt gefunden werden, bevor sich die Staatschefs treffen. Putins Bewertung des Schreibens von Selenskyj nannte er „unverschämt“ und warf dem ukrainischen Präsidenten vor, Bedingungen zu schaffen, die ein Treffen faktisch verhindern. Statt auf das Angebot einzugehen, wandte er sich an die russischen Soldaten mit den Worten: „Arbeitet weiter, Brüder.“ Er sehe derzeit „keinen Sinn“ darin, Selenskyj zu treffen.

Putin ging nicht freiwillig auf den Brief ein; seine kritische Einschätzung kam erst auf Nachfrage aus dem Publikum. Selenskyj hatte darin direkte Verhandlungen und ein Treffen in einem neutralen Land vorgeschlagen. Putins Sprecher hatte das Schreiben vor der Rede heruntergespielt und erklärt, Selenskyj könne „jederzeit nach Moskau kommen“, wenn er es ernst meine.

„Moskau wird das verkraften“: Appell an Unternehmen

Zwischen den Zeilen seiner triumphalen Rede äußerte Putin einen ungewöhnlichen Wunsch: Er forderte große russische Unternehmen und Staatskonzerne auf, ihre Zentralen und wichtige Investitionen aus Moskau in die Regionen zu verlagern. „Moskau wird das verkraften“, so Putin sinngemäß.

Diese Aussage klang fast wie eine vorsorgliche Rechtfertigung oder ein offenes Eingeständnis, dass er mit erheblichem Widerstand aus der Hauptstadtelite rechne. Es wirkte ungewöhnlich, dass er die russische Wirtschaftselite so deutlich aufforderte, Moskau zu verlassen.

Die entscheidende Frage lautet: Ist dieser Appell rein wirtschaftsstrategisch motiviert, etwa um eine ausgewogenere regionale Entwicklung zu fördern? Oder spielen die zahlreichen ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffe auf Moskau und die umliegende Region eine wesentliche Rolle?

Offiziell wird kein Zusammenhang hergestellt. Dennoch ist der Zeitpunkt bemerkenswert. Während Moskau und seine Umgebung immer wieder Ziel von Angriffen sind, fordert der Präsident plötzlich eine geografische Streuung der wirtschaftlichen Machtzentren. Die starke Konzentration von Konzernzentralen, Führungskräften und strategischer Infrastruktur in Moskau stellt in einem langwierigen Konflikt tatsächlich eine Schwachstelle dar.

Ob dieser Aufruf tatsächlich umgesetzt wird und wie stark die Moskauer Elite Widerstand leisten wird, wird eines der spannendsten innenpolitischen Themen der nächsten Monate sein. Mit diesem Nebensatz hat Putin ungewollt offenbart, dass trotz scheinbarer Stärke nicht alles im Land nach seinem Willen verläuft.