Warum wurden argentinische Schiedsrichter für Frankreich gegen Marokko nominiert, obwohl Argentinien noch im WM-Turnier ist?
Zwischen Frankreich und Argentinien hat sich seit dem WM-Finale 2022 eine starke Rivalität entwickelt, ausgelöst durch Dibu Martínez’ spöttische Jubelgeste gegenüber Kylian Mbappé nach Argentiniens Sieg. Trotz eines Hattricks von Mbappé endete das Finale als eine der größten Niederlagen in der Turniergeschichte.
Vor diesem Hintergrund sorgt die Nominierung eines rein argentinischen Schiedsrichterteams für das Viertelfinale der WM 2026 zwischen Frankreich und Marokko in den französischen Medien und bei den Les Bleus-Fans für Verwunderung.
Facundo Tello wird am Donnerstag in Boston die Partie leiten, unterstützt von zwei argentinischen Linienrichtern, einem vierten Offiziellen aus Argentinien und einem argentinischen VAR-Team.
FIFA-Schiedsrichterregeln erklären die umstrittene Ernennung
Unabhängig von der anhaltenden Rivalität zwischen den beiden Ländern sind Argentinien, ebenso wie Frankreich und Marokko, weiterhin im Turnier vertreten, was bei einigen die Frage aufwirft, ob ein Interessenkonflikt vorliegen könnte.
Die FIFA hat bei dieser Ernennung jedoch strikt an ihrem üblichen Verfahren festgehalten.
Bei Begegnungen von Teams aus unterschiedlichen Konföderationen bei der WM setzt die FIFA Schiedsrichter aus einer dritten Konföderation ein. Das trifft auch auf das Spiel Frankreich gegen Marokko zu. Zwar ist es etwas ungewöhnlich, dass das gesamte Schiedsrichterteam aus demselben Land stammt, doch ist dies keineswegs beispiellos.
Bei Partien zwischen Mannschaften derselben Kontinental-Konföderation werden konsequent Schiedsrichter aus dieser Konföderation nominiert. So wird beispielsweise der Engländer Michael Oliver am Freitag das Viertelfinale Spanien gegen Belgien leiten.
Warum ein Argentinier dennoch das Viertelfinale von Frankreich pfeifen darf
Die Auswahlkriterien der FIFA verhindern allerdings, dass Schiedsrichter Spiele leiten, die direkten Einfluss auf potenzielle spätere Gegner ihres eigenen Landes haben könnten.
Wäre dies überhaupt relevant gewesen, hätten weder ein spanischer noch ein belgischer Schiedsrichter das Spiel Frankreich gegen Marokko leiten dürfen, da der Gewinner im Halbfinale auf Spanien oder Belgien treffen wird – beides UEFA-Mitglieder.
Diese Regel gilt für Mannschaften auf derselben Turnierseite, nicht jedoch für mögliche Finalgegner. Da Frankreich oder Marokko und Argentinien erst im Finale aufeinandertreffen könnten, war Tello für die Viertelfinalpartie spielberechtigt.
Ironischerweise leitete der Franzose François Letexier Argentiniens 3:2-Sieg gegen Ägypten im Achtelfinale, wobei ihm Schiedsrichter aus Frankreich und Norwegen assistierten – zwei Nationen, die ebenfalls noch im Wettbewerb vertreten sind.
Noch ironischer ist, dass Ägypten eine Beschwerde bei der FIFA gegen Letexier und sein Team eingereicht hat und ihnen vorwirft, Argentinien bevorzugt und dadurch das Spiel verloren zu haben.
Einige Schiedsrichter unterliegen zusätzlichen Einschränkungen
Abgesehen von der Vermeidung von Spielen mit Mannschaften auf derselben Turnierseite sind manche Schiedsrichter aufgrund geopolitischer Sensibilitäten von der Leitung bestimmter Begegnungen ausgeschlossen.
So werden englische Schiedsrichter beispielsweise nie bei Partien Argentiniens eingesetzt, bedingt durch die historischen Spannungen um den Falklandkrieg. Ebenso werden US-amerikanische Schiedsrichter nicht für Spiele mit Iran nominiert, und iranische Schiedsrichter nicht für Partien mit den USA, was verständlicherweise auf politische Gründe zurückzuführen ist.