„Yeah, fuck Donald Trump“: Das Weiße Haus zelebriert die Freiheit der Herrschaft
Was genau feiern die Vereinigten Staaten eigentlich am 4. Juli? Für viele hat das Land ganz unterschiedliche Bedeutungen, doch Donald Trump drängt dem Land seine eigene Deutung auf.
In einer Bar in Brooklyn, während des WM-Sechzehntelfinales zwischen den USA und Bosnien-Herzegowina, wechselt der DJ nach dem Abpfiff die Musik: „Born in the U-S-A“ von Bruce Springsteen erklingt, und manche Gäste stimmen begeistert mit ein. Bei Lee Greenwoods „God Bless the U.S.A.“, einem Lied, das häufig von Republikanern bei Kundgebungen gespielt wird, wird die Stimmung gedämpfter. Greenwood unterstützt praktisch permanent den US-Präsidenten, doch niemand singt mit. Die Unzufriedenheit der Gäste wächst, bis der DJ reagiert: „Yeah, fuck Donald Trump“ ertönt vom Rapper YG aus den Boxen. „Endlich, danke“, hört man jemanden sagen.
Zur gleichen Zeit reisen Fußballfans aus aller Welt durch die USA, feiern ein Fest der Völkerverständigung und des fairen Wettbewerbs – ein Kontrast zu den Überzeugungen derer, die sich mit dem Land schmücken. So wie Trump, der laut FIFA-Präsident Gianni Infantino nach dem Finale den Pokal überreichen soll. Dies ist nur ein Widerspruch unter vielen an diesem 4. Juli 2026, an dem die USA 250 Jahre Unabhängigkeit vom britischen Königshaus feiern – ein Land, das sich immer wieder als „älteste Demokratie der Welt“ bezeichnet hat.
Unter Trump hat das Land eine tiefe Identitätskrise durchlebt. Was wird am 4. Juli wirklich gefeiert? Die Unabhängigkeit von England ja, doch Demokratie und Menschenrechte scheinen nur auf dem Papier zu bestehen. Die aktuelle Regierung empfindet zu viel Mitbestimmung oder Kontrolle als störend. Innerhalb von weniger als zwei Jahren hat sie das politische System deutlich verändert und einen historischen Rückschritt eingeleitet.
Die Vereinigten Staaten wurden ursprünglich gegründet, um ohne Einfluss von Kirche und Krone in der Neuen Welt frei leben und wirtschaften zu können. Das Projekt hat sich erst allmählich den aufklärerischen Idealen angenähert, möglichst viele Menschen in den politischen Prozess einzubeziehen. Zu Beginn durften nur rund 6 Prozent der Bevölkerung wählen – ausschließlich Besitzende, die Steuern zahlten. Noch heute besteht eine repräsentative Ungleichheit; das System ist darauf ausgelegt, dass eine mächtige Minderheit mehr Demokratie verhindern kann.
Zentralisierte und korrumpierte Macht
Vor diesem Hintergrund sind Trumps zweite Amtszeit und seine Versuche, das Wahlrecht zu Lasten bestimmter Bevölkerungsgruppen zu ändern, zu verstehen. Während sich viele Republikaner in Washington vor ihm verbeugen, haben landesweit die größten Proteste seit Jahrzehnten gegen den wohl herrschsüchtigsten Präsidenten der US-Geschichte stattgefunden – unter dem Motto „No Kings“ (Keine Könige).
In den USA gibt es eine Tradition, Präsidenten als „König“ zu bezeichnen, ein Begriff, der als Synonym für Unterdrückung gilt. Bei Trump ist die Lage anders, aber ähnlich, erklärt der Historiker Julian Zelizer von der Princeton University: „Es geht vor allem darum, wie er sich selbst und das Amt des Präsidenten sieht“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur AP. „Wir feiern die Gründungsprinzipien, und damals war die Angst vor korrumpierter zentraler Macht ein zentrales Thema. Und heute stehen wir erneut vor dieser Herausforderung.“
Man könnte sagen: Nach 250 Jahren schließt sich ein Kreis, denn Trump hat Korruption zum System erhoben. Er und seine Familie haben sich in den letzten Jahren so bereichert wie kein Präsident zuvor, die Grenzen zwischen privaten und politischen Interessen sind in seiner zweiten Amtszeit völlig verschwommen. Sie verdienen enorm, während das Land unter den Folgen der Inflation leidet. Kürzlich wurde bekannt, dass allein 2025 eine Milliarde Dollar aus fragwürdigen Krypto-Geschäften in den Besitz von Trump und seiner Familie floss, darunter Zahlungen von ausländischen Regierungsvertretern. Insgesamt wuchs Trumps Vermögen durch seine politischen Entscheidungen um 2,2 Milliarden Dollar.
Aktuell verweigert Trump die Unterschrift unter ein parteiübergreifend verabschiedetes Gesetz zur Linderung der Wohnkostenkrise. „Das ist mir egal“, sagte er auf die Frage nach seinen Plänen. Wichtig sei ihm der SAVE Act, also die Wahlrechtsreform. Vom Kongress verlangt er zuerst die Verabschiedung des Gesetzes, das die Republikaner bevorzugt, bevor er das andere in Kraft setzt. Über die Inflation äußerte er sich zuletzt gelassen – er „liebe“ sie.
Der Supreme Court stärkt Trumps Machtanspruch
Trumps Selbsttäuschung über die Wirkung seiner Politik auf die Wähler kennt kaum Grenzen. „MEINE WAHREN UMFRAGEWERTE SIND SO HOCH WIE NIE. DANKE!!!“, verkündete er im Juni auf Truth Social. Woher diese „wahren“ Werte stammen, ist unklar. Mit solchen Aussagen nährt er die Legende einer unerschütterlichen stillen Mehrheit, die ihn und seine Politik unterstützt. Tatsächlich sind seine Umfragewerte katastrophal, auch in seiner vermeintlichen Stärke, der Wirtschaft.
Das kratzt an Trumps Ego, politisch scheint es ihm jedoch egal zu sein. Er sieht sich nicht als Volksvertreter mit Verantwortung für andere, sondern folgt der „Unitary Executive Theory“ – dem Anspruch, in allen Bundesbehörden uneingeschränkte Kontrolle zu besitzen, ohne Einmischung anderer Staatsgewalten. Der Supreme Court hat ihn mehrfach juristisch bestätigt. In seiner ersten Amtszeit sagte Trump: „Als Präsident kann ich tun, was ich will.“ In der zweiten meinte er: „Nur meine eigene Moral kann mich stoppen – und das ist gut so.“
International ist Trump ebenfalls unbeliebt. Seine neoimperiale Neuausrichtung der US-Außenpolitik hat das Ansehen des Landes weltweit stark beschädigt. In Deutschland sehen laut Pew Research nur noch 39 Prozent die USA als verlässlichen Partner, vor vier Jahren waren es noch 83 Prozent. Die Meinungsforscher schreiben: „In vielen Ländern, die wir seit 2002 untersucht haben – darunter Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, die Philippinen, Südafrika, Südkorea und Großbritannien – sind die positiven Bewertungen auf oder nahe dem niedrigsten Stand aller Zeiten.“
Die große 250-Jahre-Ausstellung aller Bundesstaaten in Washington wird vielfach verspottet. Das Musikfestival in der Hauptstadt fiel wegen zahlreicher Absagen aus; stattdessen trat Trump am Vorabend der Ausstellungseröffnung als alleiniger Star vor geringer Kulisse auf. Ein Modell des „Arc de Trump“ – eines Triumphbogens – steht mitten in der Ausstellung, die sich über die National Mall zwischen Kongress und Lincoln-Denkmal erstreckt.
Mindestens sieben Bundesstaaten entsandten aus finanziellen oder politischen Gründen keine offiziellen Vertreter zu den Feierlichkeiten in die Hauptstadt. Hintergrund ist, dass Trump das politisch neutrale Organisationskomitee des Kongresses entmachtet und ein eigenes gegründet hat, um der Nation nun sein Bild der USA zu präsentieren. Die Besucherzahlen der Webseite fließen offenbar in republikanische Netzwerke. So haftet den Feierlichkeiten der Hauch eines Trump-Personenkults an.
Eine selektive Geschichtsschreibung
Seit Monaten fahren im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten sogenannte „Freedom Trucks“ durchs Land, die eine christlich geprägte, selektive Version der US-Geschichte vermitteln. Finanziert aus Steuergeldern, erarbeitet von einer konservativen Denkfabrik und der christlichen Elite-Uni Hillsdale College. Teil der Ausstellung ist unter anderem ein KI-generierter George Washington, der behauptet, „unsere Rechte seien ein Geschenk Gottes“ – eine Aussage, die Historiker für erfunden halten. Die Ausstellung spielt zudem mit antisemitischen Klischees und suggeriert, jüdische Kaufleute hätten die Revolution finanziert, verschweigt aber, dass sie im Krieg gegen England ebenfalls zu den Waffen griffen.
So ringen die Vereinigten Staaten 250 Jahre nach ihrer Gründung mit unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was sie sein wollen und sollen. Statt nach vorne zu blicken, ließ die „New York Times“ am vergangenen Wochenende ihre Autoren anhand historischer Ereignisse darüber schreiben, was das Land ausmacht. Sie nennen es das „Streben nach Fairness“, die „Anerkennung unserer Grenzen“, die USA als „Insel demokratischer Möglichkeiten“ und als „Zufluchtsort für Verfolgte, unabhängig von ihrer Herkunft“.
Die politische Realität sieht anders aus. Ein Beispiel: Seit Ende letzten Jahres erhalten die USA fast ausschließlich weißen Südafrikanern Asyl. Das Weiße Haus, schreibt Jamelle Bouie in der Zeitung, feiere im Jubiläumsjahr vor allem männliche Eroberung, nationale Expansion und eine vermeintliche christliche Vorherbestimmung: Für diese Regierung bedeutet „Freiheit“ vor allem „die Macht, andere zu beherrschen“.