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Wieduwilts Woche: Höckes Reden und der Raps im Westerwald

Wieduwilts Woche: Höckes Sülze und der Raps am Westerwald

Ist es sinnvoll, mit Rechtsextremen ins Gespräch zu kommen, oder sollte man lieber eine klare Abgrenzung im Diskurs schaffen? Die linken Fraktionen im Bundestag haben sich für Letzteres entschieden.

Während ich im Auto sitze und die rapsgelb-grünen Felder Deutschlands am Westerwald vorbeiziehen sehe, höre ich dem wohl meistgefürchteten Rechtsextremen des Landes zu: Björn Höcke, im Podcast von Ben Berndt. Schon nach den ersten zwei von vier Stunden wird mir etwas unbehaglich: Ich erwarte einen Skandal, doch Höcke spricht über sein Leben, Deutschland und seine Zuneigung zum Land.

Er erzählt von seiner Tätigkeit als Lehrer, seiner Vaterschaft und der Gründung der AfD. Dabei wirkt Björn Höcke so klar, ruhig und überzeugt, dass rhetorisch kein Anlass zum Abschalten besteht. Anders als bei öffentlichen Auftritten fehlen hier Sätze über eine „tausendjährige Zukunft“, die angebliche „Umvolkung“ oder SA-Parolen.

Stattdessen beklagt Höcke die Misere im Bildungssystem, bemängelt, dass kaum noch gutes Deutsch in den Schulen gesprochen wird, sieht die Migration als Überforderung des Landes und kritisiert die niedrige Geburtenrate. Sind diese Punkte wirklich so falsch?

Versteckter Rechtsextremismus?

Auch Höckes Klagen über den Verlust kultureller Identität lassen sich kaum als verfassungswidrig einstufen. Sanfte Hinweise an konservative Parteien, hier Nachholbedarf zu haben, sind nichts Neues und wurden schon öfter geäußert – auch von mir.

Mir wurde zunehmend mulmig. Vielleicht bin ich selbst heimlich rechtsextrem? Den Verdacht hegte ich schon länger, denn ich setze mich seit Jahren für Meinungsfreiheit ein. Wer das tut, gilt schon mal als Rechtspopulist, wie kürzlich der „Spiegel“ am Beispiel Wolfgang Kubickis überzeugend darlegte.

Dann wurde mir bewusst, dass meine Lage geradezu rechtsextrem anmutete: Ich fuhr ein deutsches Auto mit Verbrennungsmotor, vor mir lagen rapsgelb-grüne Felder am Westerwald – oh nein! Westerwald! Da gibt es doch dieses Marschlied!

Heute wollen wir marschier’n

Einen neuen Marsch probier’n

In dem schönen Westerwald

Ja da pfeift der Wind so kalt

Die Linken lagen richtig!

Und das alles auf der – uff! – Autobahn! Mir wurde heiß und kalt. Höcke hatte mich heimlich auf seine Seite gezogen, vermutlich, weil ich noch bei dem früheren Twitter, jetzt „X“, aktiv bin. Warum habe ich diesen Podcast überhaupt gestartet? Die Linken hatten doch recht!

Ein großer Teil des Landes diskutiert seit Jahren darüber, ob man Personen wie Höcke zuhören darf, ob man mit ihnen reden sollte und ob sie eine „Plattform“ verdienen. Auch Berndt war sich dessen bewusst: „Ich habe mich getraut, Björn Höcke einzuladen“, warb er selbstbewusst.

Der Erfolg der bisherigen Ausgrenzungsversuche ist gemischt. Die AfD wurde auf 28 Prozent gedrückt und liegt damit nur knapp vor der zweitplatzierten CDU. In Sachsen-Anhalt könnte die Partei bald aus der Opposition verdrängt werden.

Die neue Rechte profitiert von Dialogverweigerung

Und angesichts dieses Erfolgs geht die Strategie so weiter: Die Fraktionen von SPD, Grünen und Linken im Bundestag haben sich gemeinsam von X verabschiedet, als stünden sie bereits in einer Regierungskoalition. Um Einheit zu demonstrieren, wurde der Abschiedspost per Rundmail vorgegeben:

„X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr.

#WirVerlassenX“

Diese Verweigerung des Dialogs gibt der neuen Rechten enormen Auftrieb. Höcke selbst sagt es: Die Linken hätten über Jahre die kulturelle Deutungshoheit besessen, wodurch die Angst um die Meinungsfreiheit in der Bevölkerung wuchs. Die Gründung der AfD dreht sich demnach um dieses Thema.

Obwohl diese Erzählung der AfD nützt, errichten Linke weiterhin Brandmauern im Diskurs. SPD-Chefin Saskia Esken etwa stellte sich nach dem Höcke-Podcast von Berndt in die Reichstagskuppel und forderte werbende Unternehmen auf, den Podcaster zu boykottieren. Immerhin zeigte Esken damit ein Gespür für Dialektik, denn nur drei Tage zuvor wurde noch der „Tag der Pressefreiheit“ gefeiert.

Für Höcke ein seltener Freiraum

Berndt verhält sich dabei kaum wie ein klassischer Journalist. Er lässt Höcke ausreden und korrigiert sogar gelegentlich eigene Fehler ins Englische, um dem Gast zu gefallen – was für ihn offensichtlich eine kleine Herausforderung ist.

Der Knackpunkt, den Berndt offenbar aufgedeckt hat, ist folgender: Mit Höcke hat kaum jemand zuvor einfach nur gesprochen – meist ging es darum, ihn „zu entlarven“. Beispielsweise wurden Videos gezeigt, bei denen Abgeordnete raten mussten, ob eine Aussage von Höcke oder Hitler stammt.

Deshalb mied Höcke die etablierten Medien und wandte sich nun Berndt zu, einem „alternativen“ Medium. Dort darf er ohne Zeitlimit sprechen. Für fast jeden Politiker ist das ein Privileg, für Höcke jedoch besonders, denn er beherrscht die Kunst des druckreifen Sprechens besser als viele andere.

Keine romantische Waldseele und wenig Sinn für Sülze

Auf meiner langen Autofahrt konnte er mich dennoch nicht komplett rechtsextremisieren. Im Laufe des Gesprächs entwirft Höcke zunehmend ein übertriebenes, engstirniges und altmodisches Bild Deutschlands, in dem wohl kaum jemand glücklich wird, der – anders als Höcke – keine „Waldseele“ besitzt. Ja, er sagt tatsächlich „Waldseele“.

Je länger das Gespräch dauert, desto unsauberer werden seine Argumente. So behauptet er etwa, es sei unklug, demografische Lücken durch Zuwanderung aus fremden Kulturen zu schließen. Kurz zuvor vermutete er noch, selbst teilweise Hugenotte zu sein – eine Gruppe, die einst von den Preußen geholt wurde, weil der Dreißigjährige Krieg viele Menschenleben forderte.

Außerdem beklagt Höcke, dass gutes deutsches Essen immer seltener werde. Er spricht von Sülze mit Bratkartoffeln und dem richtigen Maß an Toleranz für Döner. Der Besuch deutscher Restaurants sei für ihn ein Zeichen von „Kulturloyalität“. An diesem Punkt hatte er mich endgültig verloren: Schlechtes deutsches Essen schmeckt wirklich schlecht, schlechtes Pad Thai hingegen schmeckt zumindest nach Pad Thai.

Erleichtert

Erleichtert schaue ich auf das vorbeiziehende Deutschland und den rapsgelben Raps. Diese Nutzpflanze ist übrigens erst seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland heimisch – ein wahrer Migrant. Welch ein ganz und gar linksideologisch angehauchter Multikulti-Gedanke – vielleicht poste ich das gleich auf X.