Ukraine untersucht Verbindungen nach Russland: Festgenommener Jermak konsultierte „Monduhren-Hellseherin“
Der frühere Büroleiter des ukrainischen Präsidenten stand offenbar in Kontakt mit einer Astrologin, mit der er auch politische Entscheidungen besprach. Nun wird geprüft, ob sie Verbindungen zum russischen Geheimdienst unterhielt.
Für Andrij Jermak, den einst allgegenwärtigen ehemaligen Büroleiter von Wolodymyr Selenskyj, sind die Zeiten schwierig. Die Tage, an denen der heute 54-Jährige beispielsweise 2024 beim Friedensgipfel in der Schweiz gemeinsam mit führenden Staats- und Regierungschefs auftrat, sind vorbei. Seit dieser Woche wird ihm nicht nur Geldwäsche vorgeworfen, sondern er verbringt zumindest das Wochenende in Untersuchungshaft.
Um die Untersuchungshaft zu verlassen, muss Jermak eine Kaution von umgerechnet 2,7 Millionen Euro hinterlegen – das Geld muss legal sein. Trotz intensiver Bemühungen konnte diese Summe am Donnerstag und Freitag nicht aufgebracht werden.
Während Jermak zahlreichen ukrainischen Spitzenbeamten zu ihrem Aufstieg verhalf, erschien bisher kein bekannter Unterstützer bei den Gerichtsterminen, um dem gestürzten Politiker beizustehen. Öffentliche Unterstützungsbekundungen blieben ebenfalls aus. Fast einzig auf seinen langjährigen Freund Serhij Rebrow kann Jermak noch zählen. Die Dynamo-Kiew-Legende und ehemalige ukrainische Nationaltrainer überwies rund ein Fünftel der erforderlichen Summe.
Kein Erfolg im „Kampf der Hellseher“
Jermaks dramatischer Abstieg kam in der Ukraine kaum überraschend. Viele betrachten ihn als eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit. Die Anklage löste im Land keinen politischen Schock aus, da bereits nach den ersten Durchsuchungen im Rahmen der Operation „Midas“ im November 2025 damit gerechnet wurde. Überraschend waren vielmehr Details der Ermittlungen, die nur am Rande mit den Korruptionsvorwürfen zu tun haben: Offenbar ließ sich der erfahrene Jurist über Jahre hinweg von einer fragwürdigen Astrologin bei wichtigen Entscheidungen beraten.
In Jermaks Telefonbuch ist die Astrologin als „Weronika Feng-Shui Büro“ vermerkt. In anderen Telefonbüchern erscheint sie auch als „Wahrsagerin Jermak“ oder ähnlich. Es handelt sich um die 51-jährige Weronika Anikijewitsch aus Kiew, die einen Telegram-Kanal namens „Monduhren“ betreibt und an der Fernsehsendung „Kampf der Hellseher“ teilnahm – allerdings ohne besonderen Erfolg.
Den Ermittlungen zufolge besaß Anikijewitsch ein Mobiltelefon, das ausschließlich für die Kommunikation mit einem Kontakt genutzt wurde: „Andrej 2025“. Die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruption (SAP) vermutet, dass es sich bei „Andrej 2025“ um Andrij Jermak handelt.
Jermak soll Gegner angeblich „verfluchen“ lassen wollen
Die bisher vorliegenden Transkripte der Gespräche und Chats zwischen „Andrej 2025“ und „Weronika Feng-Shui“ sind brisant. Demnach übermittelte Jermak Geburtsdaten der zukünftigen Ministerpräsidentin und des Gesundheitsministers an Anikijewitsch, damit sie anhand dieser Informationen deren Eignung für die Ämter prüfte. Derartige Kommunikation begann spätestens 2020, als Selenskyj Jermak zum Büroleiter ernannte.
Die Dokumente deuten außerdem darauf hin, dass Jermak nach Bekanntwerden der Ermittlungen im Rahmen der Operation „Midas“ die Astrologin darum gebeten haben könnte, seine Gegner „verfluchen“ zu lassen. Als Ziele nannte er Leiter der Antikorruptionsbehörden, oppositionelle Abgeordnete sowie investigative Journalisten.
Jermak weist die Anschuldigungen zurück. Auffällig ist jedoch, dass Anikijewitsch in sozialen Medien Jermak verteidigt und die Antikorruptionsbehörden scharf kritisiert hat. Zudem gibt es bereits frühere Hinweise darauf, dass Selenskyjs ehemalige rechte Hand bei Entscheidungen nicht ausschließlich auf rationale Überlegungen vertraute.
Schwarze Magie
Schon Jermaks Angewohnheit, ungewöhnliche Armbänder zu tragen, hatte Spekulationen entfacht. Gerüchte über seine Vorliebe für Astrologie, Magie und Rituale kursieren laut Ukrajinska Prawda seit mindestens zwei Jahren.
Im Dezember 2025 berichtete der bekannte ukrainische Blogger Ihor Latschenkow mit 1,6 Millionen Telegram-Followern, dass bei den Durchsuchungen in Jermaks Umfeld eine Voodoo-Puppe, mehrere Spiegel, Ritualgegenstände sowie diverse ungewöhnliche Ikonen und Armbänder gefunden wurden. Die Ermittler seien von diesen Funden schockiert gewesen. Dabei stellte sich Jermak offiziell als orthodoxer Christ dar. Die Informationen von Latschenkow wurden nie offiziell bestätigt, doch im Hintergrund kursierten Hinweise, dass daran etwas Wahres sein könnte.
Im Januar erklärte Julija Mendel, ehemalige Pressesprecherin des Präsidenten, dass Jermak Rituale schwarzer Magie praktiziert habe. Ihre Angaben sollten jedoch mit Vorsicht betrachtet werden. Nach ihrem Ausscheiden Mitte 2021 hatte sie zwar ein wohlwollendes Buch über Selenskyj und sein Team veröffentlicht, wechselte später aber die Seiten.
Spott über Jermak, aber auch Befürchtungen wegen Russland-Kontakten
Kürzlich erschien ein Interview mit Mendel und dem ehemaligen Trump-Anhänger sowie Journalisten Tucker Carlson. In dem Gespräch, in dem Carlson rechtsradikale Verschwörungstheorien verbreitet, wiederholte Mendel nahezu sämtliche russische Propagandanarrative über den ukrainischen Präsidenten.
Der Fall „Weronika Feng-Shui“ sorgt vor allem im ukrainischen Internet für Spott und Memes. Häufig heißt es ironisch, man habe nicht gewusst, dass die Ukraine eigentlich von einer Wahrsagerin regiert wird. Anikijewitsch wird scherzhaft als „mächtigste Frau der Ukraine“ tituliert.
Gleichzeitig wird die Angelegenheit von vielen aber auch ernst genommen. Denn es liegt nahe: Wären russische Geheimdienste darüber informiert gewesen, dass Jermak sich auf eine Astrologin stützt, hätten sie bestimmt versucht, diese Frau anzuwerben. Deshalb hat ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss Anikijewitsch vorgeladen. Zudem forderte der bekannte Oppositionspolitiker Jaroslaw Schelesnjak den Inlandsgeheimdienst auf, die angebliche Wahrsagerin sowie ihre Verbindungen genauer zu überprüfen.
Wenige Tage vor dem russischen Angriff war Jermak noch gelassen
Bislang gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass Anikijewitsch, die Berichten zufolge auch andere ukrainische Politiker zu ihren Kunden zählt, Kontakt zu russischen Geheimdiensten hatte. Ein Ausschluss ist jedoch nicht möglich. Ihre Beiträge in sozialen Medien lassen vermuten, dass sie mit der politischen Entwicklung der Ukraine nach der Maidan-Revolution 2014 unzufrieden war. Auch die Rolle ihres Vaters ist bemerkenswert: Er war Lokalpolitiker bei einer russlandfreundlichen Partei, lebt heute im russisch besetzten Gebiet der Region Cherson und ist auf Fotos vor russischen Staatssymbolen zu sehen.
Die entscheidende Frage bleibt, ob Jermak sich auch in Fragen von Krieg und Frieden auf „Weronika Feng-Shui“ verließ. Während des ursprünglichen Donbass-Krieges ab 2014 leitete Jermak die ukrainische Delegation in der Minsker Kontaktgruppe zur Konfliktlösung und stand in engem Kontakt mit dem russischen Chefunterhändler Dmitrij Kosak. Nach der umfassenden Invasion im Februar 2022 übernahm er sämtliche internationalen Verhandlungen. Selbst die ukrainischen Außenminister spielten hinter ihm nur eine untergeordnete Rolle.
Im Gegensatz zu seinem Nachfolger Kyrylo Budanow, dem ehemaligen Leiter des Militärgeheimdienstes HUR, galt Jermak vor Februar 2022 als skeptisch, ob Russland tatsächlich eine breit angelegte Offensive starten würde. Laut Ermittlungsakten erkundigte er sich noch am 16. Februar 2022 bei den Verantwortlichen seines Luxushauses nahe Kiew, das Gegenstand der Anklage ist, nach dem Stand des Bauprojekts. In der Ukraine fragen sich viele, ob Jermak gerade deshalb so gelassen blieb, weil „Weronika Feng-Shui“ ihn davon überzeugte, dass es nicht zu einem großflächigen Krieg kommen werde. Dabei hätte er zu diesem Zeitpunkt eigentlich ganz andere Sorgen haben müssen.