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Russlands Ölreich kämpft mit Benzinmangel: Sprit wird im Ausland gesucht

Putins Öl-Reich fehlt der Sprit: Russland sucht Benzin im Ausland

In der Schwarzmeerstadt Noworossijsk ist der Verkauf von Benzin an Privatpersonen komplett eingestellt worden. In mehr als 20 russischen Gebieten wird der Kraftstoff knapp und rationiert. Überraschenderweise soll Kasachstan nun mit sogenannter „humanitärer Hilfe“ einspringen.

In der südrussischen Hafenstadt Noworossijsk ist der freie Benzinverkauf seit Freitag vollständig zum Stillstand gekommen. Die Stadtverwaltung bestätigte offiziell, dass an den Tankstellen derzeit kein Benzin verfügbar ist und nur noch das Tanken mit betrieblichen Tankkarten möglich ist. Diesel wird nur in begrenzten Mengen an acht Tankstellen ausgegeben. Die von der Stadt betriebene Online-Karte, die die Treibstoffverfügbarkeit in Echtzeit anzeigt, verzeichnete am 3. Juli an keiner einzigen Tankstelle verfügbares Benzin. Die Symbolik ist kaum zu übersehen: Noworossijsk zählt zu den wichtigsten Ölhäfen Russlands – und dennoch bleiben die Tanks der Bewohner leer. Die Schwierigkeiten begannen bereits am 10. Juni; zuletzt standen die Anwohner stundenlang vor den wenigen Tankstellen, die noch Benzin hatten. Selbst bei einem nächtlichen Drohnenangriff auf die Stadt brachen die Warteschlangen nicht ab.

Noworossijsk ist dabei kein Einzelfall, sondern steht beispielhaft für eine landesweite Krise. Russland, einer der weltweit größten Produzenten von Öl und Kraftstoffen, hat erhebliche Engpässe bei den Benzinsorten Ai-92 und Ai-95. Hauptgrund sind ukrainische Drohnen- und Raketenangriffe auf Raffinerien, die zu Ausfällen und ungeplanten Reparaturen führten. Von den zehn größten Raffinerien des Landes gelten nur noch zwei als unversehrt. Die Produktion liegt etwa 25 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Täglich werden rund 90.000 Tonnen Benzin produziert, während der Bedarf in der Sommerreise- und Erntesaison mindestens 110.000 Tonnen beträgt.

Die Krise erreicht Moskau

Die Auswirkungen sind im Alltag deutlich spürbar: Warteschlangen von bis zu 18 Stunden in Irkutsk, fünf bis sechs Stunden in Krasnodar und spürbare Engpässe im Umland von Moskau. An vielen Orten gilt eine Rationierung von 20 Litern pro Fahrzeug, teilweise nur für Ai-92, teilweise abhängig vom Kennzeichen; das Abfüllen in Kanister ist verboten. Die Rationierung hat inzwischen auch Sibirien erreicht: In der Region Omsk beschränken die Behörden die Abgabe auf 40 Liter pro Auto.

Die Preise für Kraftstoffe stiegen auf das höchste Niveau seit 20 Jahren. Besonders betroffen sind Taxidienste, der Busverkehr, die Müllentsorgung und die Landwirtschaft – mitten in der Erntezeit. In der Region Krasnodar blieben zeitweise zehn Prozent der Taxifahrer aufgrund von Benzinmangel zu Hause. Mittlerweile wurden Engpässe aus mehr als 20 Regionen gemeldet, inzwischen auch aus Moskau und St. Petersburg. Kraftstoffknappheit war in Russland bisher vor allem ein Problem entlegener Gebiete, nun erreicht sie zunehmend das politische und wirtschaftliche Zentrum des Landes.

Auf der von Russland besetzten ukrainischen Halbinsel Krim stoppte der Republikchef Sergej Aksjonow bereits am 21. Juni vorübergehend die Treibstoffabgabe an Tankstellen. Seitdem fahren die Bewohner der Krim zum Tanken in die benachbarte Region Krasnodar, wo von einem regelrechten „Tanktourismus“ gesprochen wird.

Wie weitreichend die Versorgungslücken sind, dokumentieren inzwischen auch die Bürger selbst: Auf der interaktiven Karte „Gde Benzin“ („Wo gibt es Benzin“) markieren Autofahrer in Echtzeit, an welchen Tankstellen noch Treibstoff verfügbar ist – rot markierte Stationen ohne Benzin prägen das Bild ganzer Regionen. Ein vergleichbarer Onlinedienst verzeichnete innerhalb von drei Tagen 1,8 Millionen Besucher und über 100.000 Nutzermeldungen – ein Indikator für die große Zahl betroffener Regionen. Gleichzeitig mehren sich Berichte, dass Chats, in denen Russen Informationen über verfügbares Benzin austauschten, im staatlichen Messenger „Max“ blockiert wurden.

Der Exporteur wird zum Importeur

Der Kreml reagiert mit einer ungewöhnlichen Maßnahme für einen Energieriesen: mit Importen. Sprecher Dmitri Peskow bestätigte Verhandlungen mit mehreren Ländern über Lieferungen zu akzeptablen Preisen. Geplant sind etwa 400.000 Tonnen Benzin pro Monat, darunter mindestens 60.000 Tonnen per Tanker aus Indien sowie Lieferungen aus Belarus und Kasachstan. Um den Binnenmarkt zu sichern, wurden Exportverbote für Benzin und Kerosin verhängt; außerdem sind Subventionen für Importe und Raffinerien vorgesehen. Präsident Wladimir Putin ordnete Ende Juni „systemische Maßnahmen“ zur Marktstabilisierung an. Die Regierung erlaubte zudem bis Jahresende die Produktion und den Verkauf von Benzin nach dem veralteten Umweltstandard „Euro-3“ mit höherem Schwefelanteil – ein deutliches Zeichen für die Ernsthaftigkeit der Lage.

Besonders auffällig ist der Deal mit Kasachstan: Seit Ende Juni verhandelt Moskau über rund 50.000 Tonnen Benzin aus den Raffinerien Pawlodar und Kondensat, die im Juli und August geliefert werden sollen. Brancheninsider sprechen von einer Lieferung „als humanitäre Hilfe“ – eine Formulierung mit hoher Symbolkraft. Kasachstans Energieminister Erlan Akkenschenow betonte jedoch, dass bislang keine offizielle Anfrage aus Moskau für humanitäre Lieferungen vorliege. Möglich seien Lieferungen aus der Kondensat-Raffinerie, die ohnehin russisches Gaskondensat verarbeitet – abhängig von der Versorgungslage auf dem kasachischen Binnenmarkt.

Sanktionsrisiken könnten Lieferungen und Zahlungen zusätzlich erschweren. Auch ein Tauschgeschäft ist denkbar: Kasachstan steht wegen Wartungsarbeiten an der Atyrau-Raffinerie selbst vor einem Kerosinengpass und könnte Benzin gegen russisches Flugbenzin tauschen.

Die Krise wird dadurch kaum gelöst. Kasachstan ist ein vergleichsweise kleiner Kraftstoffproduzent, und die vereinbarten Mengen decken nur einen Bruchteil des Defizits ab – zudem steht eine Bestätigung des Lieferstarts weiterhin aus. Für die Autofahrer in Noworossijsk und vielen anderen Regionen bleibt vorerst nur der Blick auf die Karte: Rot, so weit das Auge reicht.