Chrupalla tritt zurück: So festigt Alice Weidel ihre Führungsposition in der AfD
Unter Protesten und Blockaden vollzieht die AfD in Erfurt eine personelle Neuordnung. Dabei gewinnt insbesondere Parteivorsitzende Alice Weidel an Stärke – zulasten ihres Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla. Ein möglicher Konflikt wird frühzeitig entschärft.
Der Gegner lieferte ihr die passende Vorlage, die Alice Weidel geschickt nutzt. „Wer untergräbt hier den Rechtsstaat?“, ruft sie laut in die Messehalle von Erfurt und hebt die Stimme. „Wer schwächt die Demokratie in unserem Land?“ Aus Sicht der AfD-Chefin ist es natürlich nicht ihre zum Teil extremistische Partei, sondern allein jene, die Straßen blockierten und, wie sie es nennt, „Hass und Hetze“ verbreiteten.
Dann wird Weidel lauter: „Aber ihr werdet uns nicht kleinbekommen!“ Im Gegenteil: „Wir wachsen und werden stärker!“ Jubel, Fahnen schwenken, ausgelassene Stimmung im Saal. Und das aus gutem Grund: Der 17. Bundesparteitag der AfD verläuft an diesem Samstagmittag genau nach Plan. Pünktlicher Beginn, der einzige kontroverse Antrag wurde bereits erledigt, und selbst Björn Höcke sorgte diesmal nicht für einen Eklat.
Das „Widersetzen“-Bündnis, das den Parteitag mit Blockaden verhindern wollte, hat damit sein Hauptziel verfehlt. Doch auch die Linksextremen beherrschen ihre Propaganda: In einer Pressemitteilung heißt es kurz nach Weidels Rede: „Sie schleichen sich in eine halb leere Halle, wie die Verbrecher, die sie sind.“
So wird dieser Konflikt auch zu einem Kampf um die Deutungshoheit. Seit dem Morgen überschwemmen Tausende Bilder, Videos und Nachrichten das Internet. Je nach Blickwinkel triumphiert eine siegreiche AfD über einen linksextremen Mob – oder mutige Antifaschisten wehren sich gegen vermeintliche Nazis.
Effektive Sicherheitsstrategie zeigt Wirkung
Die Realität ist differenzierter. Der Protest begann früh am Morgen. Kurz nach 6 Uhr sitzen mehrere Hundert Menschen mit Gelbwesten auf einer großen Kreuzung am Stadtrand und blockieren die Straße, die zum Messegelände führt.
Eine Hundertschaft Polizisten in voller Einsatzkleidung steht bereit und fordert über Lautsprecher zum Räumen auf. Doch die Beamten wirken gelassen. Sie wissen, was viele Blockierer nicht ahnen: Der Großteil der AfD-Delegierten ist bereits auf dem Messegelände.
Ein Teil der Delegierten, darunter die Vorsitzenden und Spitzenfunktionäre, übernachtete im Hotel neben der Tagungshalle. Der Rest wurde im Morgengrauen von der Polizei in begleiteten Konvois aus Bussen und Pkw zum Veranstaltungsort gebracht.
Die Polizei-Strategie geht auf. Nicht nur sind die Einsatzkräfte früher vor Ort als die Blockierer, auch die AfD selbst ist besser vorbereitet. Unterstützt wird dies durch eine beispiellose Menge an Einsatzfahrzeugen, Räumgeräten, Wasserwerfern und Beamten. Der AfD-Parteitag wird wie ein G7-Gipfel geschützt.
Parteitag startet planmäßig
Das „Widersetzen“-Bündnis ist ausmanövriert. Die Aktivisten hatten zuvor mit großem Aufwand bundesweit mobilisiert – online, mit Infoveranstaltungen, Werbematerialien und einer professionellen PR-Kampagne. Hunderte Unterstützer klingelten sogar an Tausenden Haustüren in Erfurt, um Einheimische zu gewinnen.
Die Blockaden setzen jedoch zu spät ein. Kurz vor 7:30 Uhr melden die Aktivisten zwar, dass Autobahnen und Bundesstraßen blockiert seien und „kein Zugang mehr zum Parteitag möglich“ sei. Doch zu diesem Zeitpunkt sind bereits etwa 90 Prozent der 600 Delegierten sicher in der Messehalle angekommen. So gelingt der AfD, was ihr bei früheren Parteitagen nicht gelang: Der Beginn um 10 Uhr verläuft planmäßig.
Beim Einzug begleitet Alice Weidel Ulrich Siegmund, den strahlenden Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September Landtagswahlen anstehen. Die AfD liegt dort in Umfragen bei rund 40 Prozent und könnte bei Scheitern kleiner Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde eine absolute Mehrheit und Alleinregierung erreichen. In Mecklenburg-Vorpommern, wo zwei Wochen später gewählt wird, scheint der erste Platz sicher.
Vor diesem Hintergrund ist das Hauptziel des Parteitags klar: Geschlossenheit demonstrieren, Harmonie zeigen und den Wahlkampf ankurbeln. „Wir sind ein Herz und eine Seele“, ruft Co-Chef Tino Chrupalla Weidel zur Begrüßung zu.
Höcke kritisiert „Kartellparteien“
Der einzige potenziell strittige Antrag wird nicht diskutiert. Er betrifft die Unvereinbarkeitsliste, die mehrere Hundert Organisationen aufführt, deren Mitglieder in der Regel nicht in die AfD aufgenommen werden dürfen. Der Antrag will dieses Regelwerk faktisch abschaffen, was den Wechsel ehemaliger oder aktueller Mitglieder von NPD oder „Die Heimat“ erleichtern würde.
Weidel ergreift das Wort und fordert mit eindringlicher Stimme, den Antrag von der Tagesordnung zu streichen. Im Gegenzug verspricht sie eine Überarbeitung der Liste durch den Bundesvorstand innerhalb eines Jahres. Der Antrag wird daraufhin zurückgezogen.
Zu den Antragstellern gehörte Björn Höcke, der als Thüringer Landeschef das Grußwort in Erfurt hält. Er legt eine schwarz-rot-goldene Fahne auf das Rednerpult, breitet theatralisch die Arme aus und ruft „Liebe Freunde!“ Doch der Applaus bleibt verhalten.
Höcke attackiert die „Kartellparteien“ und beklagt den von ihm oft zitierten Niedergang der Bundesrepublik mit dem Satz: „Schaut auf den Zustand der Autobahntoiletten, und ihr erkennt den Zustand des Landes.“ Ansonsten hält sich Höcke für seine Verhältnisse zurück.
Weidels Kandidaten setzen sich durch
Weidel präsentiert den Rechenschaftsbericht und zählt die jüngsten Erfolge der AfD auf: Verdoppelung des Bundestagswahlergebnisses. Check. Rekordwerte bei Landtagswahlen. Check. Vorläufige Abwehr der Einstufung als rechtsextrem vor Gericht. Check. Gründung der neuen Jugendorganisation „Generation Deutschland“. Check. Und natürlich: stärkste Umfragewerte in Deutschland. Check.
Dann beginnen die Vorstandswahlen – und die Harmonie trübt sich etwas. Nachdem Chrupalla vor zwei Jahren ein besseres Ergebnis als Weidel erzielt hatte, was sie verärgerte, wird diesmal die gewohnte Rangordnung wiederhergestellt. Weidel erhält über 81 Prozent, Chrupalla nur knapp 70 Prozent der Stimmen.
Es folgen mehrere Kampfkandidaturen. Aus dem zerstrittenen Landesverband Nordrhein-Westfalen tritt der Landtagsabgeordnete Sven Tritschler gegen den bisherigen Bundesvize Kay Gottschalk an und gewinnt das Amt. Zudem verdrängt der Brandenburger Bundestagsabgeordnete Hannes Gnauck den sächsischen Landtagsabgeordneten Carsten Hütter im dritten Anlauf knapp vom Schatzmeisterposten.
Diese Ergebnisse bestätigen die Hierarchie: Weidel steht hinter den erfolgreichen Herausforderern, während Chrupallas Unterstützer eher die Amtsinhaber favorisierten oder sich zurückhielten. Auch Höcke setzt sich durch: Sein Thüringer Co-Landeschef Stefan Möller wird mit guten 76 Prozent zum Bundesvize gewählt. Er folgt auf Stephan Brandner, der ebenfalls aus Thüringen stammt, aber mit Höcke und dessen Umfeld schon länger im Clinch liegt.
Damit sind die wichtigsten Personalentscheidungen gefallen. Wie sieht es draußen bei Kundgebungen und Demonstrationen aus? Laut Polizei bleibt die Mehrheit der rund 30.000 Teilnehmer friedlich. Dennoch werden mehrere Beamte und Journalisten angegriffen und leicht verletzt. Einige Demonstranten kritisieren den Einsatz von Pfefferspray durch die Polizei. Eine abschließende Bilanz wird erst am Sonntag erwartet. Unabhängig vom Ergebnis kann die AfD zufrieden sein.