Reisners Einschätzung zur Front: „Alle paar Tage startet die Ukraine einen Angriff mit 600 Drohnen“
Markus Reisner: Satelliten- und Bildaufnahmen des Angriffs auf das Werk „Titan Barrikady“ in der Nähe von Wolgograd zeigen drei Einschläge. Bodendokumentationen belegen schwere Schäden an mindestens einer Halle. Das Werk stellt unter anderem Abschussvorrichtungen für das mobile taktische Raketensystem „Iskander M“ her sowie Ausrüstung für die strategischen Raketentruppen und Bauteile für weitere Raketensysteme. Diese Waffen kommen auch im russischen Krieg gegen die Ukraine zum Einsatz, weshalb diese Treffer vermutlich Auswirkungen auf den Kriegsverlauf haben werden. Auffällig ist zudem, dass es den Russen nicht gelungen ist, diese hochwertige Anlage vor ukrainischen Angriffen zu schützen.
Russland offenbart Schwächen und Verwundbarkeiten. Über Moskau steigen Rauchwolken auf, an Tankstellen bilden sich lange Warteschlangen. In sozialen Netzwerken weist ein russischer Soldat auf die schwierige Lage an der Front hin, woraufhin der Kreml reagiert. Verändert sich dadurch die Stimmung in Russland angesichts des Krieges?
Der erwähnte Soldat, ein hochdekorierter Militärangehöriger, forderte ein Treffen mit Putin, um die ernste Lage an der Front zu schildern. Doch zunächst wurde er verhaftet.
Dennoch ist erkennbar, dass Russland durch die ukrainischen Angriffe zunehmend unter Druck gerät. In Russland verbreiten sich viele Videos von Zivilisten, die teilweise panisch von Angriffen berichten. Tatsächlich haben die ukrainischen Luftangriffe inzwischen eine Intensität erreicht, die es ihnen erlaubt, selbst den Fliegerabwehrring um Moskau zu durchbrechen. Satellitenbilder zeigen, dass derzeit ein fünfter Schutzring um Moskau errichtet wird, da die bisherigen Verteidigungsmaßnahmen die Hauptstadt nicht ausreichend sichern können.
Wie fällt die Bilanz der Luftangriffe beider Seiten aus? Hat die Ukraine die Oberhand gewonnen?
Kiews strategische Luftoffensive gewinnt deutlich an Dynamik. Auffällig ist auf russischer Seite: Zwar finden weiterhin alle fünf bis zehn Tage schwere russische Luftangriffe auf die Ukraine statt, doch die Anzahl der täglich eingesetzten Drohnen ist auf etwa 100 zurückgegangen. Im Gegensatz dazu setzt die Ukraine täglich bis zu 300 Drohnen ein, also das Dreifache. Alle vier bis fünf Tage startet die Ukraine Angriffe mit rund 600 Drohnen. Ich sehe in den strategischen Luftangriffen aktuell mindestens eine Gleichwertigkeit der Kräfte.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die ukrainische Luftkampagne erzielt messbare Erfolge, die sich – wenn auch verzögert – an der Front bemerkbar machen und zudem die Stimmung in der Bevölkerung verändern. War es nicht bemerkenswert, dass Putin am Wochenende in einer Rede die Versorgungsprobleme offen ansprach?
Es ist auffallend, dass Putin die Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Benzin und Diesel so offen zugibt. Vertreter großer Gas- und Ölkonzerne hatten zuvor erklärt, dass Wartungsprobleme zu Engpässen führen. Diese „Wartungsprobleme“ lassen sich natürlich auf ukrainische Angriffe zurückführen. Putin schien daher das Bedürfnis zu haben, ein Statement abzugeben und versicherte, dass alles unter Kontrolle sei. Selbst er kann die offensichtlichen Probleme nicht länger verschweigen. Zugleich betonte er, dass Russland über Treibstoffreserven von mehr als einer Million Tonnen verfüge, was ausreichend sei.
Werden diese Reserven jetzt angezapft?
Ja, und es wird auch über ein Exportverbot für Diesel diskutiert. Maßnahmen zur Stabilisierung des Kraftstoffmarktes sind in Planung. Man darf nicht vergessen: Wir leben in unserer eigenen Blase, die Russen in ihrer. Russische soziale Netzwerke sind voller Videos, die zeigen, wie russische Drohnen ukrainische Tankstellen oder für die Stromversorgung wichtige Umspannwerke treffen. Solche Bilder sollen die Bevölkerung beruhigen.
Der Kreml gerät durch die ukrainischen Angriffe zunehmend unter Druck, aber die Strategie lautet offenbar, Zuversicht zu vermitteln?
Ja, in seinem Statement betonte Putin erneut, dass das Ziel Russlands unverändert darin bestehe, die Ukraine zu besiegen. Es gibt also keine Anzeichen für ein Nachgeben, und bisher scheint es keine existenzielle Bedrohung zu geben.
Woran erkennt man, dass es ernst wird? Wann würden Sie sagen: „Jetzt geht es ans Eingemachte“?
Das hängt davon ab, ob die Ukraine den Druck über die kommenden Wochen und Monate aufrechterhält und die russischen Gegenmaßnahmen nicht ausreichen. Wird die Lage dann kritisch, zeigt sich das daran, dass Putin rhetorisch und durch Maßnahmen eskaliert. Aus den letzten Jahren wissen wir: Ein verlässlicher Indikator ist, wenn der Kreml mit Nuklearwaffen droht.
Beziehen Sie sich auf das Jahr 2022?
Als sich vor vier Jahren die Frontlage bei Cherson für Russland dramatisch verschlechterte, nahmen die USA die russischen Nukleardrohungen so ernst, dass Verhandlungen stattfanden. Sollte der Druck auf Russland jetzt zu groß werden, ist ein ähnliches Vorgehen denkbar. Zudem gilt es zu beachten: Russlands Nukleardoktrin erlaubt grundsätzlich den Einsatz von Atomwaffen als Antwort auf konventionelle Angriffe. Das ist Teil des Spiels. Der polnische Auslandsgeheimdienst warnt bereits vor einem möglichen Angriff auf das Baltikum, also „kleine grüne Männchen“ wie 2014 auf der Krim. Moskau hat verschiedene Eskalationsoptionen.
Besteht auch die Hoffnung, dass der Kreml zu Verhandlungen bereit ist? Finden womöglich Gespräche im Verborgenen statt, obwohl offizielle Friedensgespräche unterbrochen sind?
Solche Gespräche gibt es definitiv, davon bin ich überzeugt. Allein der jüngste Gefangenenaustausch mit 160 Gefangenen auf beiden Seiten zeigt, dass Dialog stattfindet. Ich gehe auch davon aus, dass auf Ebene der Staatschefs ein Austausch erfolgt. Selenskyj hat kürzlich über Belarus signalisieren lassen, dass er zu Verhandlungen bereit ist. Im Frühjahr letzten Jahres hatte er eingeräumt, dass die Ukraine derzeit nicht in der Lage ist, die besetzten Gebiete zurückzuerobern. Kiew möchte die Frontlinie stabilisieren und den Donbass sichern. An der Donbass-Frage scheitert bislang eine Einigung. Sollte der Druck auf Russland weiter steigen, könnte es eine Vereinbarung für einen Waffenstillstand geben, bei dem der Donbass vorerst unter ukrainischer Kontrolle bleibt. Die Frage bleibt jedoch: Wie geht es danach weiter?
Ist es denkbar, dass Putin von den seit viereinhalb Jahren erhobenen Maximalforderungen abrückt, ohne militärisch in die Enge getrieben zu sein?
Meine klare Einschätzung: Ein Neuanfang wäre nur mit einer neuen russischen Führung möglich, nicht mit dem aktuellen Regime. Selbst bei einer Einigung würde Putin sich um den Erfolg betrogen fühlen. Warum sollte er nachgeben, nachdem er mit dem Einmarsch gescheitert ist? Das ist für mich nicht vorstellbar. Der Kreml würde einer Dolchstoßlegende folgend den nächsten Krieg vorbereiten. Man würde eine Atempause nutzen, sich militärisch neu aufstellen und dann zurückkehren. Ohne Sicherheitsgarantien hätte die Ukraine keinen Schutz vor einer erneuten Aggression.
Dennoch unterbreitet Selenskyj über Belarus ein Verhandlungsangebot. Warum?
Die Ukrainer wissen: Wenn Russland nicht verhandelt, droht ein harter Winter. Die russische Armee hat noch genügend Potenzial, um im kommenden Winter weiter zu eskalieren. Das will die Ukraine unbedingt verhindern. Außerdem ist Verhandeln immer sinnvoll, um zu vermeiden, dass der Gegner irrational reagiert. Zudem kann man so die Lage des Gegners ausloten: Wie steht er da? Wirken die eigenen Maßnahmen? Gibt es Signale, die auf Kompromissbereitschaft hindeuten? Diese Prinzipien gelten auch für diesen Krieg, der schließlich ein Ende finden wird.
Das Gespräch führte Frauke Niemeyer mit Markus Reisner