Audimax » Politik » Oberst Diehl im Gespräch: „Heute gleicht eine Übung nicht mehr der von 2023“

Oberst Diehl im Gespräch: „Heute gleicht eine Übung nicht mehr der von 2023“

Oberst Diehl im Interview: "Eine Übung heute hat mit einer von 2023 nichts mehr gemeinsam"

Heiko Diehl: In unserer Übung setzen wir ein sogenanntes gläsernes Gefechtsfeld ein. Dieser Begriff ist aus dem Ukraine-Krieg bekannt, wo Drohnen inzwischen jede Bewegung und Position sofort aufdecken. Dort ist es jedoch ein fortlaufender Prozess, dieses gläserne Gefechtsfeld zu schaffen – die Ukrainer haben sich darin bemerkenswert weiterentwickelt. Ziel ist es, den Feind zu entdecken, das Gefechtsfeld mithilfe von Drohnen und Radarsystemen zu überwachen und die gewonnenen Daten in das System einzuspeisen. Bei uns läuft das etwas anders ab. Innerhalb von nur drei Tagen haben wir zwei komplette Bataillone mit unserer Live-Simulationstechnik, dem Ausbildungsgerät Duellsimulation, ausgestattet. So verfolgen wir jeden einzelnen Soldaten und jeden Panzer per GPS in Echtzeit. Sogar Ihr Pressefahrzeug ist erfasst – das grüne Symbol rechts auf meinem Bildschirm.

Alle anderen Symbole sind rot oder blau. Bedeutet das, dass blau die eigenen Truppen und rot die Gegner darstellt?

Genau. Jeder blaue Punkt steht für ein Fahrzeug oder einen Soldaten. Ich kann die Symbole anklicken und erhalte Informationen zu Identität, Bewaffnung und Status. Die Übung läuft ein wenig wie ein erweitertes Lasertag ab.

Heißt das, Treffer werden über Infrarot- oder Laserstrahlen registriert?

Das Gefechtsübungszentrum Heer verwendet nach meiner Erfahrung weltweit eine der modernsten Livesimulationstechniken. Jeder Teilnehmer, ob Soldat oder Gefechtsfahrzeug, wird mit unserer Ausrüstung ausgestattet. Mittels Lasertechnik und leistungsfähiger Computersysteme werden die Effekte auf dem Gefechtsfeld präzise simuliert. Beispielsweise feuert ein Soldat auf einen feindlichen Panzer: Dabei tauschen wir einen Laser-Code aus, mit dem das System den Treffer und seine Wirkung berechnet. Es kann erkennen, ob nur ein Rad beschädigt wurde, die Antenne zerstört oder der Soldat an einem Arm verletzt wurde. Unsere Simulation ist äußerst realitätsnah, ganz nach dem Motto: „Übe, wie du kämpfst!“

Wie erfolgt die Auswertung der Übung?

Wenn ein Übungsdurchgang nicht optimal verläuft, kann ich gemeinsam mit den Truppen ein Replay durchführen. Den Ablauf sehe ich nicht nur auf meinem Computer, sondern auch auf einer großen mobilen digitalen Leinwand, die auf einem Lkw montiert ist. Damit fahre ich zur Nachbesprechung direkt auf das Übungsgelände und zeige den Führungskräften, wie sie vorgegangen sind und wo kritische Fehler passiert sind. Ich spule zurück und erläutere Schritt für Schritt: „Sie haben das Artilleriefeuer vergessen, beachten Sie das. Später kam es zwar, aber zu diesem Zeitpunkt waren Sie bereits zu nahe am Feind.“

Behalten Sie alle Ereignisse während der Übung im Blick und speichern diese ab?

Rund 2000 Soldaten und etwa 500 Fahrzeuge nehmen an der Simulation teil und sind in das System eingebunden. Wir hören jeden Funkspruch mit und zeichnen ihn auf. Wenn ein Funkspruch besonders gut war, spielen wir ihn später der Truppe vor. Ebenso werden fehlerhafte Funksprüche abgespielt, um zu erklären, warum beispielsweise ein Angriff nicht erfolgreich war – etwa wenn das Artilleriefeuer nicht befohlen wurde. So können wir alle Abläufe detailliert analysieren, und die Soldaten wissen das. Bei der Frage zu Beginn, was aus ihrer Sicht nicht optimal lief, stimmen die Einschätzungen schon zu 80 Prozent mit unseren Auswertungen überein.

Greifen Sie während der Übung auch aktiv ein?

Meistens ist das nicht nötig, aber ich habe die Möglichkeit, um gezielt Herausforderungen zu setzen. Wenn beispielsweise nur ein Panzer nach Artilleriebeschuss ausfällt, kann ich vom Kontrollzentrum aus einzelne Teilnehmer deaktivieren oder reaktivieren.

Um zu testen, wie die Truppe darauf reagiert?

Genau. So erzwingen wir bestimmte Ausbildungserfolge und setzen die Kommandeure unter Druck, taktische Lösungen zu finden, um das Gefecht erfolgreich weiterzuführen. Die Simulation ermöglicht einen deutlich besseren Ausbildungseffekt und steigert die Einsatzbereitschaft. Mindestens einmal täglich werte ich die Ergebnisse aus und bespreche mich mit Brigadegeneral Christoph Huber, dem Brigadekommandeur, um Schwachstellen zu identifizieren.

Und anschließend wird die mobile Leinwand zum Übungsplatz gebracht?

Ja, wir holen die militärischen Führungskräfte zusammen, analysieren die Fehler und schlagen Lösungen vor. Danach kann die Übung zurückgesetzt werden, etwa mit der Anweisung: „Alle fünf Kilometer zurück zur Ausgangsposition, Sie haben drei Stunden Zeit, um Angriff oder Verteidigung zu optimieren.“

Finden Übungen auch unter scharfer Munition statt?

Im Gefechtsübungszentrum Heer in Deutschland konzentrieren wir uns auf Livesimulationen. Auf dem Übungsplatz in Pabrade gehen wir einen Schritt weiter: Nach einer fünfwöchigen Übung mit Simulationstechnik folgt das Schießen unter realen Bedingungen. Diese Kombination rundet die Ausbildung ab. Die Soldaten erleben so den tatsächlichen Effekt ihrer Waffensysteme, beispielsweise das Abfeuern einer 120-Millimeter-Patrone aus dem Kampfpanzer Leopard. Allerdings gibt es beim scharfen Schuss keinen gegnerischen Gegenbeschuss, sodass Fehlverhalten nicht direkt bestraft wird. Daher kombinieren wir Livesimulation und scharfen Schuss idealerweise in Übungen wie „Freedom Schild“.

Welche Rolle spielen Drohnen in der Übung?

Eine sehr wichtige. Wir setzen inzwischen mehr als 350 Drohnen ein, die zur Aufklärung dienen, aber auch Angriffe auf den Gegner ermöglichen.

Also auch kleine First-Person-View-Drohnen im Gefecht?

Ja, aber auch größere Systeme wie der „Falke“, der eher einem kleinen Flugzeug ähnelt. Wir lassen den Gegner ebenfalls Drohnen einsetzen, damit unsere Soldaten lernen, auf feindliche Drohnenangriffe zu reagieren. Deshalb sind Panzer hier oft mit Schutzkäfigen gegen Drohnen versehen. Der beste Schutz ist jedoch eine sogenannte Schutzglocke, bestehend aus Aufklärung, Drohnenabwehr, Flugabwehr, elektronischer Kampfführung wie Radaraufklärung und elektromagnetischer Störung, also dem „Jammen“ von Funkfrequenzen bis hin zu den Waffensystemen.

Inwieweit fließen Erkenntnisse aus dem Ukraine-Krieg in Ihre Übungen ein?

Die deutsche Industrie arbeitet eng mit ukrainischen Partnern zusammen, von denen wir direkt profitieren. Außerdem tauschen wir uns intensiv mit ukrainischen Soldaten aus, die wir im Rahmen der European Union Assistance Mission in Deutschland ausbilden. Als Leiter des Gefechtsübungszentrums profitiere ich von ukrainischer Expertise und lade Ausbilder aus der Ukraine ein, um von deren Erfahrungen zu lernen.

Früher lernten die Ukrainer von der Bundeswehr. Hat sich das geändert?

Nein, der Austausch ist weiterhin beidseitig. Die ukrainischen Soldaten sind gezwungen, täglich neue Technik im Krieg zu erproben, da sich die Technologie rasant weiterentwickelt. Wir profitieren davon, was auch der Bundeswehr zugutekommt.

Wie lange dauern die Beschaffungsprozesse?

Ich bin Ausbilder und Operateur, kein Beschaffungsexperte. Aber hier in Litauen arbeiten Industrievertreter direkt mit uns zusammen. Das war vor drei oder vier Jahren noch undenkbar. Gemeinsam mit der Industrie haben wir beispielsweise eine Drohnenanbindung in die lasergestützte Duellsimulation entwickelt, sodass auch die Wirkung sogenannter Kamikaze-Drohnen simuliert werden kann. So testen wir neue Systeme schnell, tauschen uns mit Herstellern aus und optimieren Produkte für die Bundeswehr.

Trainieren die Soldaten bereits mit Loitering Munition, also Drohnen, die über einem Gebiet kreisen, selbstständig Ziele suchen und dann gezielt einschlagen?

Solche Drohnen wurden vor einem Jahr bei uns im Gefechtsübungszentrum getestet. Die Panzerbrigade 45 „Litauen“ wird als Speerspitze des Heeres die ersten Nutzer sein. Wir haben diese Drohnen noch nicht vor Ort, können den Einsatz aber mit handelsüblichen Modellen simulieren und unsere Drohnenpiloten taktisch ausbilden. Diese Drohnen sind mit kleinen Rucksäcken und Sensoren unserer Duellsimulationstechnik ausgestattet, sodass wir ihr Verhalten im Einsatz verfolgen können. Ich trainiere den Einsatz bereits seit über einem Jahr in der Letzlinger Heide in Deutschland, um vorbereitet zu sein, bevor die Systeme offiziell eingeführt werden. Durch die sicherheitspolitische Zeitenwende haben sich die Beschaffungszeiten erheblich verkürzt. Früher dauerte die Entwicklung und Erprobung neuer Produkte bei der Bundeswehr oft zehn Jahre, heute testen wir sie direkt in der Truppe, gemeinsam mit der Industrie und quasi im laufenden Gefecht.

Wie anspruchsvoll ist es, mit der schnellen technologischen Entwicklung in der Ausbildung Schritt zu halten?

Bis 2023 haben wir über zehn Jahre hinweg denselben Übungsablauf genutzt, da sich Vorschriften und das Kriegsbild kaum änderten. Vergleiche ich den Übungsdurchgang von 2023 mit dem heutigen, sind sie kaum noch vergleichbar. Routine gibt es nicht mehr, weil wir ständig neue Entwicklungen integrieren und das Niveau kontinuierlich erhöhen. In sechs Monaten werden wir uns erneut anpassen müssen, und auch im nächsten Jahr geht es weiter. Das ist herausfordernd, aber gleichzeitig erhält die Bundeswehr mehr politischen und gesellschaftlichen Rückhalt. In meinen 25 Dienstjahren habe ich erlebt, wie die Truppe stetig verkleinert und Standorte geschlossen wurden. Jetzt erlebe ich eine innovative Bundeswehr, die trotz der Herausforderungen aus fachlicher Sicht sehr positiv ist.

Das Interview führte Frauke Niemeyer mit Heiko Diehl