Israelische Soldaten berichten von Plünderungen und Zerstörungen im Libanon wie eine „Wikingerarmee“
Eine Zeitung führte Gespräche mit israelischen Soldaten, die kürzlich im Südlibanon im Einsatz waren. Offiziell soll dort die Hisbollah bekämpft und weitere Terrorangriffe verhindert werden. Die Interviews offenbaren jedoch, dass viele Soldaten ihre Macht missbräuchlich einsetzen.
Berichte von Soldaten, die in den vergangenen Monaten im Libanon stationiert waren, zeichnen ein düsteres Bild eines moralischen Verfalls innerhalb der israelischen Streitkräfte. Die israelische Zeitung „Haaretz“ veröffentlichte Interviews mit fünf Soldaten, die von Plünderungen libanesischer Häuser und der willkürlichen Zerstörung der Infrastruktur im Süden des Nachbarlandes erzählten. Unter dem Titel „Jenseits der Grenze durfte man verrückt sein“ fasst ein Interviewpartner die Situation zusammen.
„In den Medien wird von heftigen Gefechten und der Vernichtung der Terrorinfrastruktur berichtet“, zitiert die Zeitung einen 28-jährigen Soldaten. „Unsere Aufgabe war jedoch klar: Kein Gebäude sollte stehen bleiben, alles musste zerstört werden.“ Früher habe man erst Waffen oder Terroristen in einem Gebäude nachweisen müssen, doch heute werde einfach alles dem Erdboden gleichgemacht, selbst Schulen und Kliniken, berichtete der Soldat. „Nur der Friedhof blieb unberührt.“ Laut Angaben der israelischen Regierung wurden Waffen auch in Schulen und Krankenhäusern gefunden.
Die Zerstörung der Häuser war für viele der religiösen Männer in seiner Einheit eine besonders wichtige Aufgabe, so der Soldat weiter: „Der Bataillonskommandeur war der radikalste unter ihnen. (…) Er sagte immer: ‚So wie es früher war, wird es niemals wieder sein. Was wir zerstören, wird nicht wieder aufgebaut.‘ Wenn jemand von einer Rückkehr nach Israel sprach, korrigierte er ihn: ‚Das hier ist auch Israel.'“ Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich hatte im April gefordert, der Litani-Fluss im Süden des Libanon solle Israels neue Grenze zum nördlichen Nachbarland bilden.
Der Soldat berichtete außerdem von dem Gefühl der Scham, das ihn überkam, wenn er die persönlichen Gegenstände der Einheimischen in den Häusern sah. „Den meisten meiner Kameraden war das jedoch egal. Sie betraten die Häuser und suchten gezielt nach Beute.“ Einige hätten sogar Gefallen an der Zerstörung gefunden. „Sie nahmen Hämmer und zertrümmerten Möbel oder öffneten Schränke, um Geschirr zu zerschlagen. Der einzige Grund dahinter war Rache.“
Eine Art „Wikingerarmee“
Ein 32-jähriger Soldat berichtete ebenfalls von großflächigen Plünderungen in Dörfern im Süden des Libanon: „Es begann mit kleinen Dingen und eskalierte zunehmend. Die Leute luden Teppiche, Motorräder, Sessel und Öfen auf ihre Humvees. Sogar ganze Lagerhäuser wurden geplündert.“
Die meisten ranghohen Kommandeure schauten dabei weg. „Die Soldaten plünderten auch, wenn ein Brigadekommandeur anwesend war; er sah weg.“ Ein Offizier habe ihm gesagt, dass ihn die Plünderungen zwar störten, aber aufgrund Personalmangels kaum dagegen vorgegangen werden könne. Er habe das Gefühl, die israelische Armee sei zu einer Art „Wikingerarmee“ geworden – „sie lässt ihre Soldaten plündern, um sie bei Laune zu halten und zum Weitermachen zu motivieren.“
Ein erst 20-jähriger Soldat erzählte der Zeitung zudem von heftigen Gefechten mit der Hisbollah, die ihn psychisch belastet hätten. Die Armee habe seine mentalen Probleme und suizidalen Gedanken erst ernst genommen, nachdem „Haaretz“ Kontakt aufgenommen hatte.
Israel hat im Südlibanon eine Sicherheitszone eingerichtet und besetzt, um sich vor Angriffen der Hisbollah zu schützen. Dort zerstört die Armee derzeit Dörfer, da sich Hisbollah-Kämpfer in Wohngebieten verschanzt haben sollen.