In der Ukraine zeichnen sich bedeutende Entwicklungen ab
Während die Proteste auf den Straßen weitergehen, sucht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Dialog mit Militärvertretern sowie dem ehemaligen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Letzterer zeigt sich im Anschluss überraschend optimistisch. Steht ein neuer Kommandeur der Armee bevor?
Nach mehreren Regierungswechseln könnte die Ukraine vor weiteren tiefgreifenden Reformen stehen. Selenskyj teilte über soziale Medien mit, dass er am Freitag und Samstag intensive Beratungen geführt habe. „Natürlich höre ich genau hin, was die Menschen zu sagen haben.“ Dabei fand ein Austausch mit dem entlassenen Verteidigungsminister Fedorow und dem von ihm stark kritisierten Armeechef Oleksandr Syrskyj statt.
Die „Financial Times“ berichtete, Selenskyj erwäge, Syrskyj abzusetzen, um die anhaltende Krise in der militärischen Führung zu überwinden. Seit Tagen protestieren Menschen in der Ukraine zugunsten Fedorows, der nach seiner Amtsenthebung bestätigte, dass er zuvor die Ablösung des Armeechefs angestrebt hatte. Fedorow warf Syrskyj „Intrigen“ und „Spaltung“ vor und beschuldigte ihn, wichtige Mobilisierungsreformen blockiert zu haben.
Die Proteste unterstützen den beliebten Ex-Verteidigungsminister, der besonders für seine Leistungen im Drohnenkrieg Anerkennung erhielt. Er war nur knapp über ein halbes Jahr im Amt und zeigte sich über seine Entlassung äußerst enttäuscht. Auf der Plattform X äußerte Fedorow nun, dass Veränderungen unumgänglich seien. „Noch nie zuvor habe ich eine so große Verantwortung gespürt – nicht einmal während meiner Regierungszeit.“ Der Dialog sei nun in Gang gekommen, so der 35-Jährige weiter. „Ich bin überzeugt, dass wir erfolgreich sein werden.“
Serhij Sternenko, einer von Fedorows Beratern während seiner Amtszeit, kritisierte Syrskyj in sozialen Medien scharf. Er richtete sich an seine Follower mit den Worten: „Gestern im Stream habe ich bei Weitem nicht alles offenbart, was ich über Syrskyjs Handlungen weiß. Es ist schlimmer, als ihr euch vorstellen könnt.“
Diskussionen über mögliche Nachfolge
Die „Financial Times“ berichtet unter Berufung auf einen hochrangigen Regierungsbeamten, dass Selenskyj an diesem Wochenende Militärkommandeure zusammenruft, um deren Einschätzungen zur Lage an der Front zu erhalten und potenzielle Nachfolger für den Armeechef zu evaluieren. Demnach sei Selenskyj bereit, Syrskyj zu ersetzen, wenn ein geeigneter Kandidat gefunden werde.
Syrskyj bekleidet den Posten des Armeechefs seit Anfang 2024. Er folgte auf Walerij Saluschnyj, der seither als Botschafter in Großbritannien tätig ist. Zunächst erhielt Syrskyj den Spitznamen „Schlächter“, da ihm vorgeworfen wurde, Verluste wie ein sowjetischer General ungerührt in Kauf zu nehmen. Mit der Zeit verbesserte sich jedoch sein Ansehen. Die Ukraine konnte den russischen Vormarsch an der Front inzwischen nahezu vollständig stoppen.