dm-Chef fordert Reformen für Deutschland: „Bei Behörden stoße ich oft auf grundlegende Mängel“
Deutschland befindet sich in einer tiefgreifenden Krise. Was kann Abhilfe schaffen? Christoph Werner, Geschäftsführer von dm, ist überzeugt, dass grundlegende Veränderungen nötig sind. Er empfiehlt längere Legislaturperioden, eine Begrenzung der Amtszeiten für Politiker sowie Gesetze mit festem Ablaufdatum. Dadurch entsteht Raum für Innovationen, denn große Veränderungen benötigen eine klare Vision: „Historisch haben wir Fortschritte gemacht, wenn es Leitbilder wie ‚Wohlstand für alle‘ von Ludwig Erhard nach dem Zweiten Weltkrieg gab“, erläutert Werner im Interview. Aktuell erkennt der dm-Chef bei den Verantwortlichen jedoch eher Defizite: Die Politik habe den Bezug dazu verloren, was die Bürgerinnen und Bürger wirklich wollen. Zudem bemängelt er den Umgang der regierenden Parteien mit der AfD. Sein Rat: „Wenn eine Partei starken Zulauf erhält, sollte man hinterfragen, warum das eigene Angebot nicht mehr überzeugt.“
Christoph Werner: Ich bin nicht nur Geschäftsführer von dm, sondern auch Bürger dieses Landes. Durch meine beruflichen Reisen habe ich viel gesehen und erkannt, dass der deutsche Lebensstandard weltweit eher eine Ausnahme darstellt. Deshalb sollten wir uns bewusst machen, welche Rahmenbedingungen uns Sicherheit und Wohlstand ermöglichen. Diese sollten wir nicht leichtfertig durch falsche Entscheidungen gefährden.
Ist Deutschland wirklich so schlecht aufgestellt, wie oft behauptet wird? Werden wir von anderen Nationen abgehängt?
Wir stehen vor großen Herausforderungen. Unsere Volkswirtschaft stagniert seit einigen Jahren, während andere Länder Fortschritte erzielen. Das wirkt sich mittelfristig negativ auf unseren Wohlstand aus. Dennoch sollten wir nicht resignieren, sondern aktiv anpacken.
Ihr Ziel bei dm ist es, Kundinnen und Kunden glücklich zu machen. Verfolgt die Politik dasselbe Ziel für die Bevölkerung?
Das müssten wir diejenigen fragen, die aktuell politische Ämter bekleiden. Ich möchte ihnen zugutehalten, dass sie mit guten Absichten gestartet sind.
Das klingt nicht nach einem eindeutigen Ja …
Ich erlebe eher viel Kleinklein statt großer Visionen. Früher haben wir uns weiterentwickelt, wenn es gemeinsame Zukunftsbilder gab, wie etwa ‚Wohlstand für alle‘. Ludwig Erhard hat nach dem Zweiten Weltkrieg damit Aufbruchsstimmung erzeugt. Heute wird viel analysiert, aber kaum klar definiert, wohin wir eigentlich wollen. Es fehlen Visionen und Strategien, die die Menschen mittragen wollen.
Wie sieht Ihre Vision aus?
Man darf den Menschen nichts aufzwingen, sondern muss verstehen: Wer ist unser Auftraggeber? Bei dm sind es unsere Kundinnen und Kunden. Wenn sie nicht mehr bei uns einkaufen, verschwinden wir vom Markt. In der Politik ist es ähnlich: Wer gewählt wird, handelt für die Bürgerinnen und Bürger. Wichtig ist zu erkennen, was sie wirklich bewegt und welche Bedürfnisse sie haben. Im Marketing spricht man von Insights – verborgene Motive, die Menschen oft nicht einmal selbst benennen können.
Es wird vor einer Deindustrialisierung gewarnt. Zukunftstechnologien sind größtenteils grün und könnten neue Jobs schaffen. Wie stehen Sie zu einer „grünen“ Industrienation?
Mein Eindruck ist, dass Elektromobilität nicht so schnell angenommen wird, wie erwartet. Ein Lieferant sagte einmal, wenn die Veränderung außerhalb eines Unternehmens schneller erfolgt als intern, ist man auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Das gilt auch für Volkswirtschaften: Wir verlieren Anschluss. Die Welt verändert sich rasant. Früher galten internationale Abkommen, heute zählt oft das Recht des Stärkeren – das sehen wir täglich in der Politik.
Kann diese Veränderung ohne gesellschaftliche Erschütterungen gelingen? Viele wollen ihren Wohlstand bewahren statt Wandel.
Das ist wie in Unternehmen: Als Zweiter kann man sich am Marktführer orientieren und ihn überholen. Danach stagniert die Veränderung und man ruht sich aus.
„Ausruhen“ klingt für viele angenehm.
Es gibt den Spruch: Die Lorbeeren von heute sind der Kompost von morgen. Man kann das negativ sehen, weil Erfolge morgen nichts mehr zählen. Oder positiv, weil aus den Lorbeeren neue Entwicklungen wachsen können. Die Frage ist, was wir daraus machen. Auch Unternehmen müssen sich ständig erneuern, um relevant zu bleiben.
Erleben Sie bei Ihren Kundinnen und Kunden eine Bereitschaft zur Veränderung? In der Politik wird oft gegen Reformen protestiert.
Natürlich verändern sich Bedürfnisse ständig. Menschen wollen heute online einkaufen, junge und ältere Kunden kaufen unterschiedlich. Wir möchten allen attraktive Angebote bieten, sodass sie dm anderen Händlern vorziehen. Die Politik muss ähnlich handeln, indem sie die Wünsche der Menschen ernst nimmt.
Fehlt der Politik das Gespür für die Bürgerwünsche oder mangelt es an Daten?
Ich habe den Eindruck, dass die Politik vor allem Probleme beschreibt, was zu Negativspiralen führt. Wenn man oft genug nach Fehlern fragt, findet man immer mehr. Deshalb ist es wichtig, Ziele zu definieren und den Blick auf die Zukunft zu richten, um Wege dorthin zu entwickeln.
Wie erfahren Sie, was Ihre Kundinnen und Kunden bewegt?
Wir analysieren die Kundenfrequenz und die Warenkörbe, also die Kassenbons, um Trends zu erkennen. Dabei müssen wir die Kundschaft stets im Blick behalten, da sich Bedürfnisse schnell ändern können. Außerdem achten wir darauf, dass sich unsere Mitarbeitenden weiterqualifizieren und die nötigen Arbeitsmittel erhalten.
Was sagen die Warenkörbe zum Thema Nachhaltigkeit?
Ökologische Produkte sind gefragt. Unsere Bio-Marke „dm-Bio“ und Naturkosmetik „Alverde“ sind erfolgreich. Auch Marken, die Nachhaltigkeit kommunizieren, verkaufen sich gut. Dennoch gibt es Kunden mit anderen Präferenzen. Wir möchten ein breites Angebot für alle bereitstellen.
Beim Klimaschutz gibt es Zwänge. Die Weltgemeinschaft hat sich darauf geeinigt, die Lebensbedingungen nicht zu verschlechtern.
Wir dürfen aber nicht ideologisch agieren, sonst verlieren wir Kunden und Wähler. Robert Habeck sagte: „Das Angebot war top, doch die Nachfrage blieb hinter den Erwartungen.“ Das zeugt von Offenheit, aber auch von Problemen. Es geht nicht nur um Umweltschutz, sondern um Menschenschutz. Menschen entscheiden selbst, wie sie leben möchten. Unsere Kunden denken an die Zukunft, fühlen sich aber oft machtlos und fragen sich, ob kleine Maßnahmen wie Wasser sparen wirklich etwas bewirken. Deshalb müssen wir klar kommunizieren, was unsere Produkte leisten, und mit Herstellern zusammenarbeiten, damit nachhaltige Produkte bezahlbar bleiben.
Geht das ohne Vorschriften?
Preise hängen vom ordnungspolitischen Rahmen ab, den Gesetze schaffen. Es wäre falsch, direkt an den Preisen zu drehen. Preise signalisieren Knappheit, müssen aber die tatsächlichen Kosten abbilden. In Deutschland verzerren Subventionen oft die Preise: Recycling-Plastik ist teurer als neues Plastik aus Rohöl. Das könnte man durch eine CO2-Abgabe nur auf das neue Plastik korrigieren. Leider erlebe ich bei Behörden oft handwerkliche Mängel, die solche Regelungen erschweren. Das führt zu Fehlanreizen.
Fehlt es den Behörden am wirtschaftlichen Verständnis?
Nicht alle kennen die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft. Deshalb wird oft nach staatlicher Regulierung gerufen, obwohl der Staat nicht effizient handeln kann.
Die Chemieindustrie wäre gegen CO2-Abgaben. Halten Sie solche Einzelfallregelungen für praktikabel?
Ein Fußballspiel gewinnt man, wenn man mehr Tore erzielt. Aber was zählt als Tor? Man kann alles kleinlich regeln oder sich auf grundlegende Regeln beschränken und den Mannschaften Spielraum lassen. In Deutschland neigen wir zu kleinteiligen Regeln, die das Spiel verkomplizieren. Besser wäre ein großer Rahmen, der vielfältige Entwicklungen erlaubt.
Der große Rahmen sind CO2-Preise im Emissionshandel. Doch immer mehr Ausnahmen machen die Regelung komplizierter.
Mein Vorschlag zielt auf die Binnennachfrage. Wir können den deutschen Markt regeln, müssen aber als Exportnation auch international wettbewerbsfähig bleiben. CO2-Preise können für exportierende Unternehmen einen Nachteil bedeuten, da im Ausland andere Regeln gelten. Beispiel: Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz.
Ist das ein Wettbewerbsnachteil?
Das Ziel ist richtig: Menschen, die an der Wertschöpfung beteiligt sind, sollen menschenwürdig behandelt werden. Doch viele Produkte werden nicht in Deutschland hergestellt. Als Exportnation müssen wir wettbewerbsfähig bleiben. Im Ausland gelten andere Arbeitsgesetze. Deshalb sollten wir auf der Nachfrageseite ansetzen: Unternehmen entscheiden über Produktion, kennzeichnen diese transparent und Kunden wählen entsprechend.
Die UN-Menschenrechtskonvention verpflichtet doch alle zur Achtung der Rechte.
In einer Welt, in der Recht gilt, ja. Leider gilt derzeit oft das Recht des Stärkeren. Die Menschenrechtscharta wird unterschrieben, aber nicht immer eingehalten. Das darf uns nicht egal sein, doch Deutschland allein kann das nicht durchsetzen.
Als Marktführer kann dm doch Einfluss nehmen, wenn Sie nachhaltigere Produkte fordern.
dm verkauft und produziert hauptsächlich in Deutschland. Hier haben alle Wettbewerber die gleichen Bedingungen. Wenn wir eine Nachfrage nach nachhaltigen Produkten sehen, können wir diese anbieten und kennzeichnen. Exportierende Unternehmen, die nach Standards produzieren, die im Ausland keine Rolle spielen, bleiben auf ihren Waren sitzen.
Doch viele Branchen fordern aktuell weniger Vorschriften.
Ludwig Erhard sprach bewusst von ‚Wohlstand für alle‘, nicht für Unternehmen allein. Vor dem Dritten Reich gab es keine echten Wettbewerbe, sondern Kartelle. Erhard wollte mit Kartellgesetzen Monopole verhindern – gegen Widerstände der Industrie. Heute müssen Politiker im Sinne des Gesamtlands handeln, nicht einzelner Interessen. Das zeigt sich auch im Einzelhandel: Vor 25 Jahren sah die Unternehmenslandschaft ganz anders aus als heute.
Schlagen Sie deshalb eine Begrenzung der Amtszeiten auf zwei Perioden vor?
Die wirtschaftlichen Daten sind eindeutig: Wir stehen vor strukturellen Herausforderungen und drohen den Anschluss zu verlieren. Deshalb schlage ich drei Maßnahmen vor: Erstens eine klare Amtszeitbegrenzung, damit das Politikeramt zeitlich begrenzt ist. Das fördert Vielfalt in Parlamenten und zwingt Parteien, mehr Kandidaten zu finden. So wird die Verbindung zwischen Bevölkerung und Politik gestärkt und verhindert, dass nur Karrieristen aus Parteijugenden Ämter erhalten.
Und Sie wünschen sich längere Legislaturperioden?
Ja. Vier Jahre sind oft zu kurz. Nach der Wahl dauert es, bis Koalitionen stehen und Reformen starten. Veränderungen brauchen Zeit und stoßen auf Widerstand. Der nächste Wahlkampf beginnt meist vor dem Erfolg der Reformen. Sechsjährige Perioden ermöglichen es, Erfolge im Wahlkampf zu präsentieren. Zusammen mit Amtszeitbegrenzungen bleiben Politiker so maximal zwölf Jahre im Amt.
Und die „Sunset“-Klausel für Gesetze?
Das ist mein dritter Vorschlag. Viele Gesetze sind nicht grundsätzlich schlecht, aber meist ohne Ablaufdatum, sodass sie veralten und unerwünschte Wirkungen entfalten. Statt immer neue Regeln hinzuzufügen, wird das Gesetzeswerk dichter und komplexer. Am Ende gleicht das einem Geflecht, das Bewegung unmöglich macht – wie Gulliver in Liliput.
Was, wenn ein Gesetz weiterhin benötigt wird?
Alle Gesetze sollen ein festes Wiedervorlage-Datum erhalten. Dann prüft die Politik, ob das Gesetz noch wirksam ist. Wenn nicht, läuft es aus; wenn doch, wird es verlängert. Das würde Parlamente dazu bringen, sich stärker mit der Erneuerung bestehender Gesetze zu beschäftigen, statt ständig neue hinzuzufügen.
Wie gehen wir mit der AfD um, die das Grundgesetz infrage stellt?
Das Bundesverfassungsgericht entscheidet, ob die AfD zulässig ist. Solange sie nicht verboten wird, darf sie in unserem Rechtsstaat an Wahlen teilnehmen.
Unterstützen Sie ein Verbotsverfahren?
Ich habe keine Befugnis dazu, das muss die Politik entscheiden. Aber wenn eine Partei Zulauf erhält, sollten andere Parteien hinterfragen, warum ihr Angebot nicht überzeugt. Die Frage ist: Gewinnt man Wähler durch das Beschimpfen des Gegners oder durch die Weiterentwicklung des eigenen Angebots?
Das Interview führten Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Aus Gründen der Verständlichkeit wurde das Gespräch gekürzt und sprachlich angepasst. Das vollständige Interview finden Sie im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“.