Der Untergang der deutschen Hochseeflotte 1919 in Scapa Flow: Der letzte Befehl lautete Versenken
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die deutsche Hochseeflotte in der Bucht von Scapa Flow interniert. Um zu verhindern, dass die Siegermächte die Schiffe übernehmen, ordnete Konteradmiral Ludwig von Reuter im Juni 1919 die Selbstversenkung an. Innerhalb weniger Stunden sanken 52 deutsche Kriegsschiffe auf den Grund.
Am 21. Juni 1919 versenkte die deutsche Hochseeflotte eigenhändig ihre Schiffe. Von den 74 deutschen Kriegsschiffen, die von den Briten interniert wurden, gingen 52 in Scapa Flow unter. Das einzige Geräusch, das die sterbenden Schiffe begleiteten, waren das Gurgeln des Wassers, das eindrang, das Reißen von Metall und das Krachen der nachgebenden Ankerketten.
Wie konnte es zu diesem Ereignis kommen? Vor dem Ersten Weltkrieg war Deutschland stolz auf seine Marine. Der Aufbau der Hochseeflotte galt für Kaiser Wilhelm II. und viele national gesinnte Bürger als ein Projekt von großer Bedeutung. Eine starke Marine sollte dem Deutschen Reich weltweit den ersehnten „Platz an der Sonne“ sichern.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte sich jedoch schnell, dass der Krieg an Land entschieden werden würde. Ein schneller Feldzug sollte Frankreich besiegen – dafür war die Flotte kaum erforderlich. Nachdem sich die Fronten in einem langwierigen Grabenkrieg verhärtet hatten, sollte die Hochseeflotte die britische Blockade durchbrechen. Vom 31. Mai bis 1. Juni 1916 kam es im Skagerrak zur einzigen großen Seeschlacht des Krieges. Taktisch erzielten die Deutschen zwar bessere Versenkungserfolge, doch strategisch blieb die britische Dominanz bestehen.
Während Hunderttausende Soldaten durch Granaten starben oder an Giftgas erstickten, verbrachte die Flotte den Großteil des Krieges in den Häfen. Als der Krieg verloren war, planten einige Offiziere einen verzweifelten Angriff, doch die Matrosen verweigerten den Gehorsam. Eine Revolution brach aus und das Kaiserreich zerfiel.
Internierung der Flotte in Scapa Flow
Die Übergabe der deutschen Hochseeflotte an die Alliierten war eine der Bedingungen des Waffenstillstands im November 1918, der den Ersten Weltkrieg beendete. Am 21. November 1918 erreichten 70 deutsche Großkampfschiffe, Kreuzer und Torpedoboote unter dem Kommando von Konteradmiral Ludwig von Reuter die Küste Schottlands vor dem Firth of Forth, um die Flotte dem britischen Admiral Sir David Beatty zu übergeben. Die Übergabe verlief friedlich, und Beatty schrieb ironisch an seine Frau: „Nun, Pansy, wir haben endlich die Hochseeflotte getroffen.“
Da die Alliierten uneinig darüber waren, wie mit den deutschen Schiffen zu verfahren sei, wurden sie in den großen Naturhafen Scapa Flow auf den Orkney-Inseln gebracht und dort interniert. Es trafen weitere Schiffe ein, sodass insgesamt 74 Schiffe mit etwa 20.000 deutschen Seeleuten dort lagen. Die meisten Matrosen kehrten nach Deutschland zurück, nur eine Notbesatzung blieb zurück. Von Reuter rechnete damit, dass die Schiffe früher oder später von den Alliierten übernommen würden, und begann am 17. Juni 1919 Vorbereitungen zur Versenkung. Er befürchtete, dass die Royal Navy die Schiffe beschlagnahmen würde und wollte dies auf keinen Fall zulassen.
Schrotthändler erwirbt versenkte Kriegsschiffe
Am 21. Juni 1919 erteilte von Reuter den Befehl zur Selbstversenkung, nachdem die meisten britischen Schiffe den Hafen für eine Übung verlassen hatten. Gegen 11 Uhr gab der Kreuzer „Emden“ das Signal: „Paragraph elf. Bestätigen“ – das Zeichen, die eigenen Schiffe zu versenken. Die deutschen Schiffe hissten noch einmal die deutsche Flagge, obwohl dies in der Internierung verboten war. Die Besatzungen öffneten Ventile und Schotten, um die Schiffe schnell zum Sinken zu bringen. Anschließend verließen Matrosen und Offiziere die Schiffe in Rettungsbooten.
Vom Ufer aus beobachteten Schulkinder aus Stromness zufällig das Spektakel. Der 15-jährige James Taylor berichtete: „Plötzlich und ohne Vorwarnung neigten sich die gewaltigen Schiffe, manche tauchten kopfüber unter, während das Heck sich in den Himmel reckte. Das dumpfe Reißen der Ankerketten verstärkte die Geräusche, als die mächtigen Rümpfe unter grässlich saugenden und klickenden Lauten versanken.“
Ein weiterer Schüler, der 12-jährige Leslie Thorpe, sah, wie britische Soldaten mit einem Maschinengewehr auf ein deutsches Boot mit Flüchtenden schossen. Dabei wurden neun Deutsche getötet und 16 verletzt.
Die „Hindenburg“, der modernste deutsche Schlachtkreuzer, war eines der letzten Schiffe, das sank. In den 1920er Jahren kaufte der Schrotthändler Ernest Cox zwei versunkene Schlachtkreuzer und 26 Zerstörer auf und begann, sie zu heben, um das Metall zu recyceln. Später erwarb er weitere Schiffe, sodass auf diese Weise mehr als 30 Schiffe geborgen wurden. Die Flotte, die einst dem Reich den „Platz an der Sonne“ sichern sollte, endete als Schrott auf den Orkneys.
Dieser Text erschien in einer ausführlicheren Version erstmals bei stern.de.