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90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Historiker Till Kössler über Franco und seine brutale Diktatur

90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Franco-Biograf Till Kössler spricht über den Diktator und seine brutale Herrschaft

Till Kössler: Ganz eindeutig. Franco ist schwer zu kategorisieren, da er schon zu Lebzeiten sehr unterschiedlich beurteilt wurde. Seine politische Karriere erstreckte sich über viele Jahre und durchlief verschiedene Phasen: vom jungen Offizier bis hin zum faschistischen Langzeitherrscher. Später wurde er sogar häufig als wohlwollender Vaterfigur dargestellt.

Sie haben im letzten Jahr eine Biografie über Franco veröffentlicht. Warum ist es aktuell wichtig, sich mit ihm zu beschäftigen?

Franco gewinnt an Relevanz, weil wir in den letzten 10 bis 15 Jahren eine Wiederkehr autoritärer Regime erlebt haben – etwa bei Wladimir Putin oder Xi Jinping. Gleichzeitig wird die Demokratie zunehmend infrage gestellt. Franco dient bis heute als Modell für rechtsautoritäre Herrschaftsformen. An seinem Beispiel lassen sich sowohl die Anziehungskraft als auch die Widersprüche und Schwächen solcher Systeme gut erkennen.

Sie beschreiben ausführlich seine Kindheit, Jugend und das Umfeld, in dem er aufwuchs. War sein Drang nach einem autoritären Staat bereits früh angelegt?

Ich denke schon. Die Niederlage Spaniens im Krieg gegen die USA 1898, verbunden mit dem Verlust der Kolonien, war ein prägendes Ereignis. Für das militärische Milieu, in dem Franco aufwuchs, war das ein tiefer Schock und eine Kränkung des Ehrgefühls. Später forderte Franco einen nationalen Aufbruch, um Spanien zu neuer Größe zu führen – seiner Auffassung nach nur durch autoritäre Maßnahmen und das Zurückdrängen von Liberalismus und Demokratie möglich.

Ab 1912 diente er mehrfach als Offizier in der Kolonie Spanisch-Marokko. Wie wirkte sich das auf ihn aus?

Die Erfahrungen im Kolonial- und Guerillakrieg prägten sein politisches Denken nachhaltig. Dort formte sich auch sein gewalttätiger Politikstil, die Überzeugung, dass brutale Gewalt legitim sei, um politische Ziele zu erreichen.

Sie bezeichnen die spanische Fremdenlegion als „Kristallisationspunkt einer rechtsextremen Militärkultur“. Hat sich Franco dort weiter radikalisiert?

Die Grundlagen waren schon vorhanden, aber in Marokko wurde das noch verstärkt. Die Offiziere sahen sich als Elite, die sich gegen andere Militärs und die zivile Regierung in Madrid behaupten musste und als Speerspitze gegen eine angebliche gesellschaftliche Degeneration. Sie entwickelten einen starken Korpsgeist, der stark an die faschistischen Kampfbünde in Italien und Deutschland erinnert.

Später gehörte Franco nicht zur Führung der Putschisten gegen die Zweite Republik. Wie wurde er zur Leitfigur?

Das ist ein viel diskutiertes Thema. Er war nicht der Hauptinitiator des Putsches, aber stets gut informiert. Als hochrangiger Offizier war er seit den 1920er Jahren national bekannt und wurde daher unverzichtbar. Außerdem war er für verschiedene Gruppen repräsentativ: Faschisten, Monarchisten und Katholiken.

Hatten diese unterschiedlichen Gruppen eine gemeinsame Vorstellung vom Ziel des Putsches?

Der Ausgang war offen, da es ein heterogenes Bündnis war. Die Katholiken strebten eine Re-Christianisierung Spaniens an, die Falange einen faschistischen Staat. Gemeinsam war ihnen der radikale Widerstand gegen die Republik. Zudem gab es ein hohes Gewaltpotenzial, unabhängig von den einzelnen Gruppen.

Wurden die Gewaltausbrüche im Bürgerkrieg von der Führung angeordnet oder entstanden sie lokal?

Franco und sein Umfeld setzten eine stark gewalttätige Rhetorik ein. Sie förderten die Gewalt eher, als sie einzudämmen. Gleichzeitig radikalisierte sich auch die Basis, was zu Ermordungen und Vertreibungen republikanischer Politiker vor Ort führte.

Der Putsch scheiterte zunächst, es folgte ein dreijähriger Bürgerkrieg. Hat Franco in dieser Zeit taktisch klug agiert?

Hier gibt es zwei Sichtweisen: Einige meinen, Franco war ein durchschnittlicher Militär, der es versäumte, 1936 schnell Madrid einzunehmen und die Republik zu besiegen. Andere sehen in ihm einen klugen Stratege, der erkannte, dass der Sieg nur schrittweise möglich war und der Bürgerkrieg als langfristige Strategie geplant war.

Wie sehen Sie das?

Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Franco erkannte, dass ein langwieriger Krieg der beste Weg war – und er hatte Erfolg. Die Republikaner konnten ihm allerdings Widerstand leisten, was eine Dynamik erzeugte, unabhängig davon, ob Franco brillant geplant hat oder nicht.

Die Putschisten erhielten militärische Unterstützung aus Italien und Deutschland. War das pragmatisch oder ideologisch motiviert?

Beides. Die militärische Hilfe war im Herbst 1936 entscheidend, ohne sie wäre der Putsch vermutlich gescheitert. Gleichzeitig verstand sich Franco als Teil der faschistischen Bewegung, versuchte aber auch, seine Unabhängigkeit von Hitler und Mussolini zu wahren.

Wie war Francos Verhältnis zu Hitler? Berichte sprechen davon, dass er Angst vor einer Entführung durch die Deutschen hatte. Ist das glaubwürdig?

Eher nicht. Es gibt viele Gerüchte aus dieser Zeit, aber diese halte ich für wenig plausibel. Im Zweiten Weltkrieg war Franco vor allem daran interessiert, von einem erwarteten deutschen Sieg zu profitieren. Beim Treffen mit Hitler 1940 ging es ihm darum, seinen Anteil am zukünftigen Machtgefüge zu sichern.

Spanien blieb im Zweiten Weltkrieg neutral. Wie reagierte Franco auf die Brutalität der Nazis, die SS und den Holocaust?

Die nationalsozialistischen Verbrechen betrachtete er als legitime Kriegsführung. Den Holocaust thematisierte er nicht. Zwar hatte er antisemitische Einstellungen, strebte aber keinen Völkermord an. Nach dem Krieg versuchte er, sich als Retter jüdischer Menschen darzustellen, was jedoch wenig glaubwürdig ist, da Spanien keine jüdischen Verfolgten aufnahm. Teilweise wurde ihnen jedoch die Durchreise erlaubt, was eher pragmatisch war, um die Beziehungen zu USA und Großbritannien nicht zu belasten.

Wie konnte sich Franco als Faschist nach dem Krieg an der Macht halten?

Zwei Aspekte sind entscheidend. Innenpolitisch war er fest etabliert. Der Bürgerkrieg hatte viele Gewinner hervorgebracht, die in Franco ihren Schutzgaranten sahen: Beamte, Bürgermeister, Parteifunktionäre, Generäle und auch Menschen, die materiell profitierten. Außenpolitisch hatten westliche Staaten früh Interesse an Handel mit Spanien oder an US-Militärstützpunkten. Die internationale Isolation war somit weniger streng als oft angenommen.

Der Bürgerkrieg begann vor 90 Jahren. Wie wird er in Spanien heute wahrgenommen?

Das Thema beschäftigt die Gesellschaft weiterhin stark. Die Bewertung und Aufarbeitung von Bürgerkrieg und Diktatur ist nach wie vor umstritten. Einige sehen auch Errungenschaften Francos, andere betrachten die Diktatur als schweren Fehler der spanischen Geschichte. Ein nationales Museum oder eine Gedenkstätte mit gesellschaftlichem Konsens gibt es bisher nicht. Ich hoffe, dass sich hier noch viel bewegt.

Die meisten Zeitzeugen sind verstorben. Wie gehen ihre Nachkommen mit der Thematik um?

Seit den 2000er Jahren gibt es eine Bewegung von Enkelgenerationen, die die Geschichte ihrer Gemeinden erforschen. In ganz Spanien wurden anonyme Massengräber von ermordeten Republikanern entdeckt. Die Enkel nähern sich der Vergangenheit oft unbefangener als ihre Eltern.

Gibt es auch Gegenreaktionen?

Ja. Für einige Jugendliche ist Franco weiterhin eine positive Figur. Angesichts aktueller Krisen erlebt der Franco-Kult eine bedenkliche Wiederbelebung.

Ist diese Entwicklung eher konservativ oder sogar rechtsextrem geprägt?

Beides. Seit Jahrzehnten gibt es Stimmen, die zwar die Diktatur ablehnen, aber auch positive Aspekte Francos hervorheben. Im Umfeld der Partei Vox gibt es zudem rechtsextreme Bezüge zum Franco-Regime.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die fünf republikanischen Jahre zwischen 1931 und 1936 als Brennglas der damaligen Probleme und ziehen Parallelen zur Gegenwart. Sehen Sie Ähnlichkeiten?

Man sollte nicht zu viele Vergleiche ziehen. Dennoch gibt es heute eine Polarisierung zwischen progressiven Kräften und Bewegungen wie Donald Trumps Maga, die den kulturellen Konflikten der Zweiten Republik ähneln. Damals wurden Debatten um Frauenemanzipation und die Rolle der katholischen Kirche heftig geführt – das erinnert mich an heutige Auseinandersetzungen. Insofern rücken die Bruchlinien der 1930er Jahre wieder näher an unsere Gegenwart heran.

Das Gespräch führte Markus Lippold mit Till Kössler.