Theorie trifft Realität: Jobs für Mathematiker in Banken
Schon der gute alte Goethe hat einst festgestellt: »Er ist ein Mathematiker und also hartnäckig.« Hartnäckig sein und sich mit Lust die Zähne an einem Problem ausbeißen – das sind bei Weitem nicht die einzigen Eigenschaften, die dem ›scola mathematicus‹ zugeschrieben werden. Er ist bekannt für Struktur in der Denkweise, analytisches und logikbasiertes Vorgehen – Wesenszüge, die nicht nur beim Herleiten komplexer Formeln hilfreich sind. Im Bankwesen gibt es ein breites Spektrum an Aufgabenbereichen, für die Absolventen mathematischer Fächer geradezu prädestiniert sind.
Karrieremöglichkeiten für Mathematiker bei Banken
Für Mathematiker gibt es in Banken viele Möglichkeiten Das findet auch Nils Offenhäuser, Head of HR & Facility Management bei der Ikano Bank:
»In einer Bank gibt es viele verschiedene Arbeitsgebiete: In naheliegenden Bereichen wie dem Risiko- oder Financebereich, aber zum Beispiel auch im Marketing kann es interessante Aufgaben für einen Mathematiker geben. In jedem Bereich zeigt sich dabei jeweils eine große Bandbreite an Aufgaben: Analysieren, Modelle bauen, interpretieren und verstehen.«
Beispielsweise zählt die quantitative Analyse, bei der es um die Bewertung verschiedenster Finanzprodukte geht, zu den potenziellen Wirkungsfeldern von Mathematikern in Banken. Und dort gibt es viel zu tun, fast fließbandartig werden beständig neue Geschäftsmodelle ausgeklügelt und Investmentpakete geschnürt – die wollen auf Herz und Nieren auf ihre Dividende durchgerechnet werden. Anwendungspraxis ist hier ein Stichwort.
Theorie + Business = Karriere bei der Bank
Nichts für allzu große Fans der theoretischen Mathematik Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch auch, dass man sich im Rahmen der Banker-Karriere in Schlips und Kragen als Matheabsolvent ein Stück weit vom eigentlichen Fach entfernt – dem theoretischen Konstrukt Mathematik wird sozusagen die Businesskomponente beigefügt. Deshalb rät Thomas Vogt von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) Absolventen dazu, vor der Karriereentscheidung in sich zu gehen:
»Wenn man wirklich Mathematik-verliebt ist, sich wirklich den ganzen Tag mit mathematischen Problemen herumschlagen möchte – diese Leute gibt es – dann sollte man bei der Mathematik bleiben. Wer in die Bank geht, dem muss klar sein, dass das eine andere Arbeit ist, die sehr problembezogen ist.Und zwar bezogen auf Alltagsprobleme in der Bank, beispielsweise wie maximiere ich den Gewinn bei diesem oder jenem Vorgang oder Finanzprodukt, wie berechne ich möglichst gut und realistisch, wie sich ein Fonds entwickelt? Das sind sehr realitätsnahe, praktische Probleme und damit sollte man sich auch beschäftigen wollen.«
Schon möglich, dass im Bankgeschäft manchmal eben nicht die mathematisch optimale Lösung eines Problems gewählt wird, sondern der Fokus darauf liegt, dass es für den Kunden oder das Produkt am besten passt, meint auch Larissa Stutzer, Risk Analyst bei der Ikano Bank. Eine Tatsache, die man akzeptieren können muss. Trotzdem geht Stutzer nicht davon aus, dass nur ein bestimmter ›Praxistypus‹ von Mathematikern im Bankwesen arbeitet. Wichtig ist, dass man dazu in der Lage ist, seine Berechnungen auch Fachfremden verständlich zu machen – zwischenmenschliche Kommunikation sollte daher keinen Everest-Bestieg bedeuten, übermäßige Introvertiertheit sowie mangelnder Realitätssinn – häufig geäußerte Vorurteile gegenüber Mathematikern – sind fehl am Platz.
Die Waage zu halten zwischen der Mathematik und ihrer tatsächlichen Anwendung auf reale Fälle ist insgesamt wohl eine der größten Herausforderungen für Absolventen, die sich nach dem Mathematikstudium für den Fahrplan Bankwesen entscheiden.
Welche Studienvertiefung eignet sich für die Karriere in der Bank?
Im Studium wie im Berufsfeld gilt: Mathematik ist nicht gleich Mathematik – und nicht jede Vertiefungsrichtung bereitet auf die Arbeit in Banken gleich gut vor. Generell gilt zwar, dass ein mathematisches Studium prinzipiell gute Grundlagen für den Werdegang im Bankgeschäft schafft, in dem es eine bestimmte Denkweise schult. Natürlich hat man jedoch als Wirtschafts- oder Finanzmathematiker fachlich die solideren Voraussetzungen als derjenige, der Geometrie und diskrete Mathematik als Fachgebiet gewählt hat. Wer allerdings eine gewisse Affinität zu Wirtschaftsthemen und eine grundlegende Kenntnis global-wirtschaftlicher Zusammenhänge aufweisen kann, sollte sich nicht so leichtfertig von dieser beruflichen Laufbahn verabschieden.
Immerhin gilt es als einer der Klassiker für Mathematikabsolventen, den Weg in die Finanzdienstleistung einzuschlagen. Und dabei kann es durchaus auch einmal vorkommen, dass Mathematiker im Management landen – prominente ›Mathe-Manager‹ in der Branche stellen beispielsweise der Vorstandsvorsitzende der Landesbank Berlin, Dr. Johannes Evers, oder der ehemalige Vorstandsvorsitzende der HSH Nordbank, Dirk Jens Nonnenmacher, dar. Vogt von der DMV sieht eine starke Parallele zwischen der strukturierten Denkweise beim Durchführen einer mathematischen Operation und dem Strukturieren und Systematisieren von Prozessen, die eine Führungskraft vornehmen muss. »Für Mathematiker zeigen sich große Aufstiegschancen in einer Bank. Von einem Einstieg als Berufsanfänger bis hin zu Führungs- oder Managerposition ist alles möglich«, bestätigt auch Nils Offenhäuser von der Ikano Bank.
Als Mathe-Absolvent eine Nasenlänge voraus
Wer als Mathematik-Student die übrigens nicht ganz schlecht bezahlte Karriereleiter im Bankwesen erklimmen möchte, kann sich ruhig mit einem gesunden Selbstvertrauen bewerben. Thomas Vogt ist als Leiter des Medienbüros der DMV und damit Kenner des Volks der Mathematiker, davon überzeugt, dass jemand, der es geschafft hat, ein Mathematikstudium erfolgreich zu absolvieren anderen Absolventen schon ein gewisses Quäntchen voraus hat – das schafft nun mal nicht einfach jeder X-beliebige Student, auch wenn er noch so viel Fleiß an den Tag legt. Wer also ein feines Gespür für Zahlen, und zwar auch mal die ganz Großen, gepaart mit dem Talent, komplexe Prozesse zu durchsteigen, aufweist, der hat gute Chancen in der Welt der Banker. Dort wird Mathematik handfest angewendet – eine spannende Angelegenheit: »Hinter jeder Entscheidung, ob ein Kreditantrag genehmigt wird, steht ein komplexes mathematisches Modell, das die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kunden berechnet. Es ist toll und macht viel Spaß an so einem Modell von Anfang bis Ende mitzuwirken«, so Larissa Stutzer.
Mathehirn und Bankerschlips, passt das zusammen? Ja, das passt!
Der geheimnisvollen Mathematiklegende Nicolas Bourbaki wird der Ausspruch nachgesagt: »Strukturen sind die Waffen der Mathematiker« – wahre Worte – damit sind sie bestens gerüstet für die Eroberung des Bankmetiers. In diesem Sinne – quod erat demonstrandum – ein Mathematiker im Bankergewand – keine allzu abwegige Option, die man gut im Karriere-Blick behalten kann.