Kein schneller Angriff auf die Nato?: Russland-Experte warnt vor Kreml-Mythen
Der Historiker Matthias Uhl betont, dass das gegenwärtige Wettrüsten der Nato gegenüber Russland keinen echten Vorteil verschaffe. Er rät dem Bündnis, sich daran zu erinnern, dass es die Sowjetunion bereits einst ohne militärische Gewalt durch technologische Überlegenheit besiegen konnte. Uhl warnt davor, den Propagandamythen Moskaus aufzusitzen.
Uhl hält die Befürchtungen von Politikern und Sicherheitsexperten, Russland könnte bald Deutschland oder ein anderes Nato-Mitglied angreifen, für überzogen. Er kritisiert Experten, die ohne fundierte Kenntnisse des russischen Potenzials unnötig dramatisieren.
In seinem Buch „Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht“ (Herder) warnt er vor einem für den Westen gefährlichen Rüstungswettlauf. Er spricht sich für eine ausgewogene Abschreckung und den Dialog zwischen der EU und Russland aus. Uhl bemängelt, dass viele deutsche Fachleute in Militär- und Sicherheitsfragen den russischen Propagandaberichten über eine „zweitstärkste Armee“ auf den Leim gehen.
Das Bild Deutschlands von Russland beruhe oft auf falschen Wahrnehmungen und Mythen. Dies führe zu einer Überschätzung der russischen Militärstärke und könne eine gefährliche Rüstungsspirale auslösen, die der Nato im Konflikt mit Russland keinen Vorteil bringe. Zwar versuche Kremlchef Wladimir Putin durch Waffenschauen und Raketentests den Eindruck einer mächtigen russischen Rüstungsindustrie zu vermitteln, doch dies entspreche nicht der Realität, so Uhl in seinem Buch.
Strategie „Weniger ist mehr“
Bereits im Kalten Krieg habe sich das bloße Anhäufen von Panzern und Flugzeugen nicht bewährt. Vielmehr habe die Nato mit ihrer Strategie „Weniger ist mehr“ und durch technologische Fortschritte gepunktet, erklärt Uhl, der 20 Jahre in Russland lebte und am Deutschen Historischen Institut in Moskau tätig war, bevor er als unerwünscht erklärt wurde.
„Europa und die USA haben den Kalten Krieg gewonnen, weil sie ihre Länder nicht zu Militärlagern umfunktionierten“, erläutert der Experte vom Max Weber Netzwerk Osteuropa. „Es ist dem Westen bereits gelungen, die Sowjetunion beziehungsweise Russland ohne militärische Konfrontation zu besiegen.“ Auch heute erscheine die Nato eher als ein schlafender Bär, an dem Russland allenfalls vorsichtig knabbern könne.
Uhl hält Prognosen von Sicherheitsexperten, Russland könnte bereits 2028 oder 2029 ein Nato-Land angreifen, für unrealistisch. Für eine wirksame Abschreckung schlägt er den Einsatz weitreichender Präzisionswaffen wie Raketen und verbesserter Taurus-Marschflugkörper vor, die im Ernstfall gezielt russische Militärbasen, Flugplätze, Depots und Kommandobunker zerstören könnten.
Putin selbst hat wiederholt Vorwürfe, er plane nach der Ukraine-Invasion einen Angriff auf ein Nato-Mitglied, als „Unsinn“ zurückgewiesen.