Özdemir läutet grüne Zeiten ein: Der schwarz-grüne Anatolen-Schwabe erreicht sein Ziel
Zwei Monate nach seinem knappen und beeindruckenden Wahlerfolg wird Cem Özdemir, Politiker der Grünen, am Mittwoch offiziell zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg ernannt. Die Abstimmung im Landtag markiert den lange erwarteten Höhepunkt seiner politischen Laufbahn, die ihn trotz fehlender familiärer Vorprägung zu diesem hohen Staatsamt geführt hat.
Der Übergang verlief länger als üblich: Winfried Kretschmann hatte als erster Grüner 15 Jahre lang eine Landesregierung geführt und sich in Baden-Württemberg, einem wirtschaftsstarken und bevölkerungsreichen Bundesland, über drei Amtszeiten hinweg parteiübergreifend Respekt erworben. Doch warum sollte nicht auch Cem Özdemir als Kretschmanns Wunschkandidat eine neue Epoche prägen? Der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln soll am Mittwoch für fünf Jahre gewählt und vereidigt werden – in einem Bundesland, das seine Regierungschefs bis auf eine Ausnahme, Stefan Mappus, nie abgewählt hat.
Kretschmann hätte womöglich fast 20 Jahre im Amt bleiben können, doch mit fast 78 Jahren entschied er sich für den Rückzug. Die letzten zwei Wochen standen ganz im Zeichen seiner Verabschiedung: feierliche Zeremonien in Stuttgart und Berlin, jede letzte Kabinettssitzung ein besonderer Moment. Der Mann, der das Gesicht des Landtagswahlkampfs und des Wahlabends am 8. März war, geriet durch die vielen Abschiede fast in den Hintergrund. Doch am Mittwoch, wenn Grüne und CSU mit 112 von 157 Landtagssitzen Özdemir zum Ministerpräsidenten wählen, endet diese Phase.
Özdemir – gelernter Erzieher, studierter Sozialpädagoge, zehn Jahre Grünen-Vorsitzender, zwei Jahrzehnte Bundestagsabgeordneter, fünf Jahre im Europaparlament und Bundeslandwirtschaftsminister unter Olaf Scholz – hat sein Ziel erreicht. Über ein Jahr lang bereitete sich der 60-Jährige intensiv darauf vor. Da Kretschmanns Rücktritt absehbar war, kandidierte Özdemir 2025 nicht erneut für den Bundestag, obwohl er im Wahlkreis Stuttgart bei der letzten Wahl 40 Prozent der Erststimmen erzielt hatte. Seine Nominierung für das Ampelkabinett anstelle von Anton Hofreiter war ein bewusster Schritt, um einen bekannten Nachfolger mit bundesweiter Bedeutung aufzubauen.
Bundesweit bekannter Özdemir gegen weniger bekannte Konkurrenz
Nach dem Ende der Ampelkoalition verfolgte Özdemir seinen Plan konsequent weiter: Von Mai bis März bereiste er das Land von Wertheim im Norden bis Lörrach an der Schweizer Grenze, eine Strecke von 275 Kilometern, immer wieder hin und her. Sein Hauptkonkurrent, CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, war zwar engagiert, aber deutlich weniger bekannt und als Fraktionsvorsitzender im Landtag stark in die Regierungsarbeit eingebunden. Zudem fiel es dem 38-Jährigen schwer, sich inhaltlich klar von Özdemir abzugrenzen: Özdemir präsentierte sich als CDU-Alternative, ohne jedoch den Klimaschutz infrage zu stellen.
Den Grünen, die er lange geführt hatte, begegnete Özdemir mit scharfer Kritik: Er setzte sich für wirtschaftsfreundliche Positionen ein, lehnte ein Verbot von Verbrennungsmotoren ab und führte einen bodenständigen Wahlkampf, der auf Heimatgefühl setzte und frei von moralischer Überheblichkeit war. In Baden-Württemberg fand dies Zustimmung, die Partei akzeptierte diese Strategie, um endlich einen eigenen Ministerpräsidenten zu stellen. Die linke Parteiflügel wurde dabei zum Schweigen gebracht, selbst als Özdemir sich mit Boris Palmer, dem von den Grünen abgelehnten Tübinger Oberbürgermeister, verbündete.
Seine Migrationsgeschichte nutzte Özdemir geschickt für die Kommunikation: Geschichten über seinen sozialen Aufstieg durch Fleiß und Anstand fanden ebenso Anklang wie die Tatsache, dass seine verstorbenen Eltern in Bad Urach begraben sind. Das Bundesland war für viele Gastarbeiter entgegen ihrer ursprünglichen Vorstellungen zur Heimat geworden. Özdemir, der sich selbst als „anatolischer Schwabe“ bezeichnet, setzte im Wahlkampf konsequent auf den schwäbischen Dialekt – obwohl er in seinen Jahren in Berlin nie durch Dialekt aufgefallen war.
Ein oft unterschätztes Talent Özdemirs ist es, hinter seiner zugänglichen Art einen strategisch denkenden Politiker zu verbergen. Seine persönliche Härte und sein Ehrgeiz treten hinter seiner ruhigen, sachlichen Freundlichkeit zurück. Ähnlich verhält es sich mit seinem Sport – als Handballer und Radfahrer fordert er sich selbst streng, ohne dies groß zur Schau zu stellen, im Gegensatz zu manchen Hobbyläufern aus der CDU.
Die CDU will es, Özdemir macht es möglich
Als sich die Wähler vor der Wahl mit der Frage beschäftigten, wer Kretschmann nachfolgen soll, begann Özdemirs von seiner Beliebtheit getriebener Aufholprozess. Ein zunehmend unsicherer Hagel, dessen CDU im Sommer noch neun Prozentpunkte vor den Grünen lag, machte Fehler, die ihm wohl entscheidende Stimmen kosteten. Die Freude bei den Grünen am Wahlabend war grenzenlos: Erste Prognosen sahen die Partei deutlich vorne, und auch das Endergebnis bestätigte einen knappen Vorsprung – obwohl CDU und Grüne nun bei den Landtagsmandaten gleichauf sind. Nach Zweitstimmen hatten jedoch 27.279 Wähler mehr Özdemir als neuen Landesvater bevorzugt.
Die Regierungsbildung schien zunächst unsicher. Die auf zehn Mandate geschrumpfte SPD konnte keine Mehrheit ermöglichen, und die AfD bleibt im Land isoliert – insbesondere in einer industriestarken Region mit zahlreichen internationalen Mittelständlern und vielen ausländischen Fachkräften. So blieb nur, zusammenzustehen: Die CDU erhielt das Amt des Landtagspräsidenten, ein Ministerium mehr als die Grünen, einen zusätzlichen Staatssekretär sowie ein stärkeres Innenressort für den künftigen Innenminister Manuel Hagel.
Inhaltlich verständigten sich Grüne und CDU auf Bürokratieabbau, die Förderung der heimischen Automobilindustrie und mehr Unterstützung für innovative Unternehmen. Das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung soll gebührenfrei werden. Özdemir, Vegetarier und einst als Schlüsselkind oft auf Currywurst angewiesen, setzte an sozial benachteiligten Schulen ein kostenloses Mittagessen durch. Hagel wiederum darf den Ausbau von KI-gestützter Videoüberwachung im öffentlichen Raum vorantreiben – ein Punkt, der den Grünen nicht gefällt, doch Özdemir hatte bereits als Landwirtschaftsminister die innere Sicherheit unterstützt.
Özdemir kündigte eine „Koalition der Mitte“ an. Er wird sich an Kretschmanns Motto „erst das Land, dann die Partei“ orientieren und auch Konflikte mit den Grünen auf Bundesebene nicht scheuen – die dennoch froh sein werden, ihn an der Spitze zu wissen. Seine Chancen auf Erfolg sind groß: So gut vorbereitet wie Özdemir ist kaum ein Ministerpräsident neu ins Amt gestartet.